Politik

Deutschlands Ziel: Europas stärkste Armee aufbauen

Nach dem Scheitern der Zusammenarbeit bei Kampfflugzeugen steht nun das nächste Prestigeprojekt für Deutschland und Frankreich vor dem Aus. Obwohl der deutsche Verteidigungshaushalt bald doppelt so groß ist, schlägt Frankreich nun verbal zurück. „Wir können unsere Fähigkeiten nicht vergleichen. Frankreich ist eine Atommacht“, sagt DGA-Chef Patrick Pailloux.
Autor
avtor
28.06.2026 13:53
Aktualisiert: 28.06.2026 17:33
Lesezeit: 5 min

Deutschland greift nach militärischer Führung in Europa

Kurz zuvor hatte ein französischer Kommandeur angekündigt, man werde zeigen, wie ein „Hochintensitätskonflikt“ aussehen könnte. Wenig später präsentierten Soldaten der französischen Armee Drohnen, Angriffstaktiken, den Kampfpanzer Leclerc und die Artilleriekanone Caesar, Frankreichs Gegenstück zum schwedischen Archer.

Auch ein britischer Offizier und belgische Soldaten nahmen an der geschlossenen Vorführung teil. Sie fand im Umfeld der Eurosatory statt, einer der größten Rüstungsmessen der Welt, die am Montag in Paris begann. Die Botschaft an die Journalisten im Publikum war klar, so das schwedische Portal Dagens Industri. Frankreich steht bereit, sich selbst und seine Verbündeten gegen Russland zu verteidigen, darunter auch Schweden.

Doch während die französischen Streitkräfte und die heimische Rüstungsindustrie auf der Eurosatory eine eindrucksvolle Demonstration liefern, ist Frankreichs Stellung als möglicherweise wichtigste Militärmacht Europas bedroht.

Eurosatory zeigt Europas neue Rüstungsrealität

Abgesehen von Russland und der Ukraine, die ihrerseits mit einer Rekordpräsenz vertreten ist, rückt vor allem Deutschland nach vorn. Nach NATO-Schätzungen wird Deutschland in diesem Jahr einen Verteidigungshaushalt haben, der fast doppelt so groß ist wie jener Frankreichs.

Nach Angaben des renommierten Thinktanks IISS verfügen inzwischen nur noch die USA, China und Russland über größere Verteidigungshaushalte als Deutschland.

„Wir können zurückfallen. Wenn Deutschland in diesem Tempo weitermacht, wird unser Argument, dass wir operative Erfahrung und eine bestimmte Kultur haben, in fünf Jahren nicht mehr tragen“, sagte Generalstabschef Fabien Mandon im Frühjahr im französischen Senat, wie aus kürzlich veröffentlichten Protokollen hervorgeht.

FCAS ist bereits gescheitert

Vor kurzem wurde das Kampfjetprojekt FCAS aufgegeben. Es war ein gemeinsames Vorhaben von Deutschland, Frankreich und Spanien und sollte bis zu rund 101 Milliarden Euro kosten.

Das Scheitern wurde auf Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen Airbus und Dassault Aviation zurückgeführt. Airbus vertrat im Projekt Deutschland und Spanien, Dassault stand für Frankreich.

Doch manche Beobachter verweisen darauf, dass sich seit dem Start von FCAS im Jahr 2017 die sicherheitspolitische Weltkarte grundlegend verändert hat. Damals hatten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel das Projekt auf den Weg gebracht.

Für Merkel schien Verteidigung nahezu ein Randthema zu sein. Der derzeitige Bundeskanzler verfolgt dagegen ausdrücklich das Ziel, Europas stärkste Armee aufzubauen.

Nun könnte ein weiteres großes deutsch-französisches Verteidigungsprojekt unter Druck geraten, der künftige Kampfpanzer Main Ground Combat System.

Auch der Kampfpanzer steht unter Druck

Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall, der an dem Projekt beteiligt ist und es mitführt, warnte davor, Frankreich könne die geplanten Mittel für den Kampfpanzer kürzen. Bislang erhielt das Vorhaben lediglich 25 Millionen Euro.

„Es gibt immer ein Risiko, aber entschieden ist noch nichts“, sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger in einem Interview mit Welt am Sonntag.

Der Fall zeigt, wie schwierig die neue europäische Rüstungsordnung wird. Deutschland verfügt über mehr Geld, Frankreich über nukleare Abschreckung, operative Erfahrung und eine lange Tradition strategischer Eigenständigkeit. Beide Länder brauchen einander, zugleich verschieben sich Gewicht und Selbstbewusstsein.

Frankreich will seinen Sonderstatus verteidigen. Deutschland will nicht länger nur zahlen, sondern auch militärisch führen. Genau daraus entsteht die Spannung bei gemeinsamen Programmen, die Milliarden verschlingen, Jahrzehnte dauern und tief in nationale Industriestrategien eingreifen.

Frankreich verweist auf seine Atomwaffen

Auch unter Druck erinnert Paris daran, dass Frankreich etwas besitzt, das Deutschland nicht hat. Patrick Pailloux, Chef der DGA, sagte in einem Interview mit L’Express, man könne die Fähigkeiten beider Länder nicht direkt vergleichen. Frankreich sei eine Atommacht.

Nur wenige Tage vor Beginn der Messe beauftragte die DGA den europäischen Rüstungskonzern MBDA, mit der Arbeit an der nuklearfähigen Rakete Air-Sol Nucléaire de 4ème Génération zu beginnen. Die ASN4G soll ab 2035 einsatzbereit sein.

Geplant ist ein hypersonischer Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern. Das wäre fast doppelt so weit wie bei der heutigen nuklearen Rakete ASMPA-R.

Abgeschossen werden soll die neue Waffe von der Rafale F5, der neuesten Version des französischen Kampfjets. Auch die Rafale M, die vom französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle aus operiert, soll sie tragen können.

Frankreich erhöht den Druck auf die Industrie

In ihrer Eröffnungsrede zur Messe betonte Frankreichs Verteidigungsministerin Catherine Vautrin, dass das Land seinen Verteidigungshaushalt bis 2027 gegenüber dem Amtsantritt Macrons im Jahr 2017 verdoppelt haben will.

„Die Haushaltsanstrengung, die ich erwähnt habe, ist notwendig, aber sie reicht nicht aus“, sagte sie. Zugleich kündigte sie an, dass die Beschaffungsbehörde DGA künftig höhere Anforderungen an die Rüstungsindustrie stellen werde.

Damit ist auch Frankreich gezwungen, seine industrielle Basis schneller auszurichten. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass Europa nicht nur teure Hochtechnologie braucht, sondern auch Masse, Munition, Ersatzteile, Fahrzeuge, Drohnen, Luftabwehr und industrielle Geschwindigkeit.

Genau hier hat Deutschland mit seinem wachsenden Verteidigungshaushalt, Konzernen wie Rheinmetall und einer breiten industriellen Basis einen strukturellen Vorteil.

Europas Militärmacht wird neu verteilt

Die europäische Verteidigungsordnung verändert sich. Frankreich bleibt durch seine Atomwaffen, seine strategische Kultur und seine Einsatzgeschichte eine zentrale Militärmacht. Doch Deutschland rückt durch Geld, Industrie und politischen Willen nach vorn.

Das bringt Paris in eine unbequeme Lage. Lange konnte Frankreich sich als natürliche militärische Führungsmacht Europas verstehen. Nun entsteht ein deutsches Gegengewicht, das finanziell immer schwerer zu übersehen ist.

Für Deutschland ist das Ziel, Europas stärkste Armee aufzubauen, mehr als eine sicherheitspolitische Formel. Es verändert das Verhältnis zu Frankreich, die Rolle der deutschen Rüstungsindustrie und die Machtbalance innerhalb der EU. Wenn Berlin diesen Anspruch ernst meint, muss es aber auch beweisen, dass Geld, Beschaffung, Industrie und strategische Führung zusammenpassen. Genau daran wird sich entscheiden, ob Deutschland wirklich zur führenden Militärmacht Europas wird oder nur zum größten Zahler.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Johan Wendel

***

Johan Wendel ist Reporter und Analyst bei Dagens industri, dem schwedischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arktis-Korridor: Wird Russlands Nordroute zur Gefahr für europäische Häfen?
20.09.2026

Der Chef von Rosatom sagt: Russland müsste etwa 100 Milliarden Euro investieren, wenn es die Arktisroute in einen echten Logistikkorridor...

DWN
Politik
Politik Merz unter Druck: Öffnet sich für Söder das Kanzleramt?
20.09.2026

Markus Söder hat Kanzlerambitionen mehrfach ausgeschlossen. Doch nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt und wachsendem Druck auf Friedrich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg in der Autoindustrie: Warum Rabatte die Zukunft gefährden
20.09.2026

Europas Autobauer liefern sich einen Preiskampf ausgerechnet in einer Phase, in der sie Milliarden für ihre technologische Zukunft...

DWN
Immobilien
Immobilien Schlafen überm Edeka: Wie das Baurecht Wohnen im Gewerbegebiet blockiert
20.09.2026

Obwohl bundesweit 1,4 Millionen Wohnungen fehlen und Millionen Quadratmeter Gewerbefläche leer stehen, verbietet die Baunutzungsverordnung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rhein Group: Draghi versammelt Europas Machtelite
19.09.2026

Mario Draghi hat Europas wirtschaftliche Schwächen analysiert. Jetzt will er handeln: Mit der Rhein Group versammelt der frühere...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Das müssen Sie unbedingt wissen
19.09.2026

Mecklenburg-Vorpommern wählt einen neuen Landtag – und diesmal könnte sich das politische Kräfteverhältnis grundlegend verschieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrigwasser am Rhein: Wenn der deutschen Wirtschaft das Wasser fehlt
19.09.2026

Der Rheinpegel in Kaub ist der wichtigste Pegel für die Schifffahrt zwischen Rotterdam und Basel. Dort fiel der Wasserstand im August 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes GLC im Test: Elektrisch ist er endlich so, wie er sein muss
19.09.2026

Der elektrische Mercedes GLC 400 4Matic bringt fast 500 PS, viel Komfort, hohe Ladeleistung und einen überraschend moderaten Verbrauch. Im...