Deutschland greift nach militärischer Führung in Europa
Kurz zuvor hatte ein französischer Kommandeur angekündigt, man werde zeigen, wie ein „Hochintensitätskonflikt“ aussehen könnte. Wenig später präsentierten Soldaten der französischen Armee Drohnen, Angriffstaktiken, den Kampfpanzer Leclerc und die Artilleriekanone Caesar, Frankreichs Gegenstück zum schwedischen Archer.
Auch ein britischer Offizier und belgische Soldaten nahmen an der geschlossenen Vorführung teil. Sie fand im Umfeld der Eurosatory statt, einer der größten Rüstungsmessen der Welt, die am Montag in Paris begann. Die Botschaft an die Journalisten im Publikum war klar, so das schwedische Portal Dagens Industri. Frankreich steht bereit, sich selbst und seine Verbündeten gegen Russland zu verteidigen, darunter auch Schweden.
Doch während die französischen Streitkräfte und die heimische Rüstungsindustrie auf der Eurosatory eine eindrucksvolle Demonstration liefern, ist Frankreichs Stellung als möglicherweise wichtigste Militärmacht Europas bedroht.
Eurosatory zeigt Europas neue Rüstungsrealität
Abgesehen von Russland und der Ukraine, die ihrerseits mit einer Rekordpräsenz vertreten ist, rückt vor allem Deutschland nach vorn. Nach NATO-Schätzungen wird Deutschland in diesem Jahr einen Verteidigungshaushalt haben, der fast doppelt so groß ist wie jener Frankreichs.
Nach Angaben des renommierten Thinktanks IISS verfügen inzwischen nur noch die USA, China und Russland über größere Verteidigungshaushalte als Deutschland.
„Wir können zurückfallen. Wenn Deutschland in diesem Tempo weitermacht, wird unser Argument, dass wir operative Erfahrung und eine bestimmte Kultur haben, in fünf Jahren nicht mehr tragen“, sagte Generalstabschef Fabien Mandon im Frühjahr im französischen Senat, wie aus kürzlich veröffentlichten Protokollen hervorgeht.
FCAS ist bereits gescheitert
Vor kurzem wurde das Kampfjetprojekt FCAS aufgegeben. Es war ein gemeinsames Vorhaben von Deutschland, Frankreich und Spanien und sollte bis zu rund 101 Milliarden Euro kosten.
Das Scheitern wurde auf Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen Airbus und Dassault Aviation zurückgeführt. Airbus vertrat im Projekt Deutschland und Spanien, Dassault stand für Frankreich.
Doch manche Beobachter verweisen darauf, dass sich seit dem Start von FCAS im Jahr 2017 die sicherheitspolitische Weltkarte grundlegend verändert hat. Damals hatten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel das Projekt auf den Weg gebracht.
Für Merkel schien Verteidigung nahezu ein Randthema zu sein. Der derzeitige Bundeskanzler verfolgt dagegen ausdrücklich das Ziel, Europas stärkste Armee aufzubauen.
Nun könnte ein weiteres großes deutsch-französisches Verteidigungsprojekt unter Druck geraten, der künftige Kampfpanzer Main Ground Combat System.
Auch der Kampfpanzer steht unter Druck
Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall, der an dem Projekt beteiligt ist und es mitführt, warnte davor, Frankreich könne die geplanten Mittel für den Kampfpanzer kürzen. Bislang erhielt das Vorhaben lediglich 25 Millionen Euro.
„Es gibt immer ein Risiko, aber entschieden ist noch nichts“, sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger in einem Interview mit Welt am Sonntag.
Der Fall zeigt, wie schwierig die neue europäische Rüstungsordnung wird. Deutschland verfügt über mehr Geld, Frankreich über nukleare Abschreckung, operative Erfahrung und eine lange Tradition strategischer Eigenständigkeit. Beide Länder brauchen einander, zugleich verschieben sich Gewicht und Selbstbewusstsein.
Frankreich will seinen Sonderstatus verteidigen. Deutschland will nicht länger nur zahlen, sondern auch militärisch führen. Genau daraus entsteht die Spannung bei gemeinsamen Programmen, die Milliarden verschlingen, Jahrzehnte dauern und tief in nationale Industriestrategien eingreifen.
Frankreich verweist auf seine Atomwaffen
Auch unter Druck erinnert Paris daran, dass Frankreich etwas besitzt, das Deutschland nicht hat. Patrick Pailloux, Chef der DGA, sagte in einem Interview mit L’Express, man könne die Fähigkeiten beider Länder nicht direkt vergleichen. Frankreich sei eine Atommacht.
Nur wenige Tage vor Beginn der Messe beauftragte die DGA den europäischen Rüstungskonzern MBDA, mit der Arbeit an der nuklearfähigen Rakete Air-Sol Nucléaire de 4ème Génération zu beginnen. Die ASN4G soll ab 2035 einsatzbereit sein.
Geplant ist ein hypersonischer Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern. Das wäre fast doppelt so weit wie bei der heutigen nuklearen Rakete ASMPA-R.
Abgeschossen werden soll die neue Waffe von der Rafale F5, der neuesten Version des französischen Kampfjets. Auch die Rafale M, die vom französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle aus operiert, soll sie tragen können.
Frankreich erhöht den Druck auf die Industrie
In ihrer Eröffnungsrede zur Messe betonte Frankreichs Verteidigungsministerin Catherine Vautrin, dass das Land seinen Verteidigungshaushalt bis 2027 gegenüber dem Amtsantritt Macrons im Jahr 2017 verdoppelt haben will.
„Die Haushaltsanstrengung, die ich erwähnt habe, ist notwendig, aber sie reicht nicht aus“, sagte sie. Zugleich kündigte sie an, dass die Beschaffungsbehörde DGA künftig höhere Anforderungen an die Rüstungsindustrie stellen werde.
Damit ist auch Frankreich gezwungen, seine industrielle Basis schneller auszurichten. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass Europa nicht nur teure Hochtechnologie braucht, sondern auch Masse, Munition, Ersatzteile, Fahrzeuge, Drohnen, Luftabwehr und industrielle Geschwindigkeit.
Genau hier hat Deutschland mit seinem wachsenden Verteidigungshaushalt, Konzernen wie Rheinmetall und einer breiten industriellen Basis einen strukturellen Vorteil.
Europas Militärmacht wird neu verteilt
Die europäische Verteidigungsordnung verändert sich. Frankreich bleibt durch seine Atomwaffen, seine strategische Kultur und seine Einsatzgeschichte eine zentrale Militärmacht. Doch Deutschland rückt durch Geld, Industrie und politischen Willen nach vorn.
Das bringt Paris in eine unbequeme Lage. Lange konnte Frankreich sich als natürliche militärische Führungsmacht Europas verstehen. Nun entsteht ein deutsches Gegengewicht, das finanziell immer schwerer zu übersehen ist.
Für Deutschland ist das Ziel, Europas stärkste Armee aufzubauen, mehr als eine sicherheitspolitische Formel. Es verändert das Verhältnis zu Frankreich, die Rolle der deutschen Rüstungsindustrie und die Machtbalance innerhalb der EU. Wenn Berlin diesen Anspruch ernst meint, muss es aber auch beweisen, dass Geld, Beschaffung, Industrie und strategische Führung zusammenpassen. Genau daran wird sich entscheiden, ob Deutschland wirklich zur führenden Militärmacht Europas wird oder nur zum größten Zahler.
