Unternehmen

Wenn die Abfindung für Entlassene bis zu 100.000 Euro betragen kann

Vorstandsvorsitzender Oliver Blume ist überzeugt, dass Volkswagen nach den Entlassungen und der Schließung von vier Werken ein hochprofitables Unternehmen sein wird.
03.07.2026 11:40
Lesezeit: 9 min

Volkswagen vor dem härtesten Umbau seiner Geschichte

„Unsere Lage ist angespannt und herausfordernd!“ Als der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume diese Worte am 18. Juni auf der Hauptversammlung aussprach, war klar, dass den Beschäftigten nichts Gutes bevorsteht. Dass er aber zwei Wochen später Entlassungen von bis zu 100.000 Mitarbeitern und die Schließung von vier Werken ankündigen würde, nämlich Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm, hatte niemand erwartet.

Umso mehr, da man sich mit den Gewerkschaften bereits darauf geeinigt hatte, bis 2030 insgesamt 50.000 Arbeitsplätze abzubauen. Dabei sollten 28.000 Beschäftigte einem freiwilligen Ausscheiden zustimmen. Das heißt: gegen Zahlung einer Abfindung, die bei älteren Arbeitnehmern auch 100.000 Euro erreichen kann. Volkswagen beschäftigt insgesamt 667.000 Menschen, davon 43 Prozent in Deutschland. Was hat sich also geändert, dass die Sparmaßnahmen so tiefgreifend ausfallen?

Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr

Tatsache ist, dass das Geschäftsmodell, das dem Unternehmen über Jahrzehnte Erfolg gebracht hat, heute nicht mehr funktioniert, berichtet das Wirtschaftsportal Finance.si. Deshalb muss sich Volkswagen anpassen. Die Ziele sind hoch gesteckt. Bis 2030 will das Unternehmen der attraktivste Automobilhersteller der Welt werden. Die Profitabilität soll acht bis zehn Prozent erreichen. Im vergangenen Jahr lag sie bei fünf Prozent.

Erreichen will Volkswagen das auch durch eine deutliche Verringerung der Produktion in Europa und China um insgesamt zwei Millionen Fahrzeuge.

Nach den Worten des Konzernchefs gehören die Fahrzeuge des Unternehmens, auch die elektrisch angetriebenen, schon heute zu den wettbewerbsfähigsten. Doch mit ihnen wird nicht genug Gewinn erzielt. Auch Zölle, Handelsbarrieren und geopolitische Risiken spielen dabei eine Rolle.

Die wichtigsten Gründe liegen jedoch anderswo. In Europa ist die Nachfrage weiterhin niedriger als vor der Pandemie. In China verliert Volkswagen Marktanteile, da heimische Hersteller den Konzern verdrängen und günstiger sind. Hinzu kommen hohe Produktionskosten in Deutschland, nicht nur bei den Löhnen, ein Produktionsarbeiter kann ohne Zulagen mehr als 4.000 Euro verdienen, sondern auch bei der Energie.

Es ist der größte Umbruch der Geschichte

Tatsache ist, dass die Automobilindustrie in den vergangenen Jahren einen der größten strukturellen Umbrüche ihrer Geschichte erlebt. Das zeigt sich unmittelbar in Massenentlassungen in Europa, den USA und teilweise auch in China.

Auf den ersten Blick mag es wirken, als gehe es um kurzfristige zyklische Probleme. In Wirklichkeit liegt die Ursache jedoch in einer Kombination mehrerer tiefgreifender, langfristiger Veränderungen, die Unternehmen dazu zwingen, Kosten zu senken, sich neu zu organisieren und ihre Belegschaften umzustrukturieren.

Auch die makroökonomische Lage bringt nichts Gutes. Die höheren Zinsen der vergangenen Jahre haben die Finanzierung von Autos verteuert. Das hat die Nachfrage verringert, besonders bei teureren Modellen und Elektrofahrzeugen. Nach der Pandemie hat sich der Markt zwar normalisiert, doch die Margen sind geringer. Auch der Bedarf an zusätzlichen Produktionskapazitäten ist kleiner geworden.

Weniger Bedarf an Arbeitern in der Produktion

In der Folge reduzieren Unternehmen die Zahl der Beschäftigten, die sie in der Wachstumsphase eingestellt hatten. Durch die Digitalisierung verändert sich die Zusammensetzung der Belegschaften. Es werden weniger Arbeiter in der Produktion benötigt, dafür mehr Softwareingenieure und Datenexperten.

Auch der Einfluss der Automatisierung darf nicht unterschätzt werden. Moderne Fabriken sind immer stärker robotisiert, wodurch der Bedarf an manueller Arbeit sinkt. Jede neue Generation von Produktionssystemen bedeutet höhere Effizienz, aber auch weniger Arbeitsplätze bei derselben Menge produzierter Fahrzeuge. Das ist ein langfristiger Trend, der sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz beschleunigt.

Für Beschäftigte wird der Wandel schmerzhaft

All das bringt den Beschäftigten in der Automobilindustrie nichts Gutes. Um zu überleben, muss sich die Branche jedoch verändern. Massenentlassungen sind damit vor allem die Folge des Übergangs vom alten zum neuen Industriemodell. In diesem Modell gibt es schlicht keinen Platz mehr für dieselbe Struktur der Belegschaft wie in der Vergangenheit.

Die Frage des Überlebens stellt sich allerdings nicht. Die europäische Automobilindustrie hat eine lange Tradition und ist außerordentlich stark. Nach dem Umbau wird sie nur noch stärker sein. Leider wird sie das auf Kosten der Beschäftigten erreichen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Autos: Warum die Preise in Europa bald kräftig fallen könnten
25.08.2026

Chinesische Autos kosten in Europa teils mehr als doppelt so viel wie in China. Trotzdem verdienen Hersteller hier deutlich mehr pro...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose 2027: Bärenmarkt beendet oder ist der Absturz nur vertagt?
25.08.2026

Der Bitcoin-Kurs ist nach monatelanger Schwäche nach oben geschossen und hat eine der wichtigsten technischen Marken durchbrochen. Vieles...

DWN
Finanzen
Finanzen Ausverkauf bei Chip-Aktien drückt Wall Street ins Minus, während Bessent mit neuen Iran-Sanktionen droht
24.08.2026

Erfahren Sie, welche geopolitischen Entscheidungen und Marktentwicklungen die Wall Street am jüngsten Handelstag ins Wanken brachten.

DWN
Politik
Politik Er soll den Trump-Ballsaal bauen – jetzt führt er geheime Gespräche mit dem Kreml
24.08.2026

Es kommt vor, dass Männer mit minimaler Erfahrung in der diplomatischen Disziplin ausgewählt werden, um schwierige außenpolitische...

DWN
Politik
Politik Unabhängigkeitstag der Ukraine: Neue Militärhilfe und scharfe Worte an Putin
24.08.2026

Kiew begeht seinen Nationalfeiertag mit prominenten Gästen, neuen Rüstungshilfen und einer deutlichen Kampfansage an den Kreml. Zugleich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische KI-Gigafabriken: 30 Milliarden zwischen Mega-Fortschritt und Mega-Flop
24.08.2026

Sieben neue KI-Zentren sollen den technologischen Rückstand auf die USA und China verringern. Doch Europas Problem sind nicht nur Chips....

DWN
Politik
Politik Streit um Briefwahl: Was an den Warnungen der AfD dran ist
24.08.2026

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellt die AfD die Sicherheit der Briefwahl infrage. Die Partei spricht über mögliche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Zölle gegen Kanada: Jetzt schlägt Ottawa zurück
24.08.2026

Donald Trump macht Ernst: Die USA belegen zahlreiche kanadische Waren mit 50 Prozent Zoll, nachdem die Verhandlungen mit Ottawa in letzter...