NATO-Rüstungsproduktion: Warum Geld allein nicht reicht
Die Staats- und Regierungschefs der NATO stehen kommende Woche in Ankara vor einer zentralen Frage: Wie lässt sich Europas Industrie dazu bringen, deutlich mehr Waffen zu produzieren? Das berichten unsere Kollegen von Äripäev.
In Europa und Kanada stiegen die Verteidigungshaushalte im vergangenen Jahr um rund 85 Milliarden Euro. Doch das aus 32 Staaten bestehende Bündnis hat Schwierigkeiten, dieses Geld in militärische Schlagkraft zu verwandeln, berichtet der lettische öffentlich-rechtliche Rundfunk. "Geld ist unverzichtbar, aber Dollar oder Euro stoppen weder einen Panzer noch eine Rakete", sagte NATO-Generalsekretär Mark Rutte. "Wir müssen dieses Geld schnell in Kampffähigkeiten umwandeln. Das ist unsere gemeinsame Priorität", sagte er.
Wie das gelingen soll, ist eine der zentralen Fragen beim NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara. Dort sollen die Staats- und Regierungschefs am Rande des Gipfels bei einem speziellen Industrieforum große und wichtige Verträge unterzeichnen. Im Mittelpunkt stehen vor allem die militärische Lastenteilung zwischen den USA und den europäischen Verbündeten sowie der Ausbau der Leistungsfähigkeit der Verteidigungsindustrie.
NATO-Rüstungsproduktion: Europas Vorräte wären schnell erschöpft
Analysten warnen: Würde heute ein Krieg ausbrechen, gingen Europa wichtige Waffensysteme rasch aus, darunter Flugabwehrraketen. "In einigen kritischen Bereichen wäre Europas derzeitige Produktionsfähigkeit binnen weniger Tage überlastet", schrieben Analysten des European Council on Foreign Relations. "Die Munitionsproduktion ist von 300.000 Schuss pro Jahr im Jahr 2022 auf zwei Millionen Schuss gestiegen. Für einen langwierigen Konflikt reicht das aber nicht", erklärten die Experten.
Die Europäische Union hat viele Anstrengungen unternommen, um ihren Verteidigungsmarkt zu reformieren. Doch der Sektor bleibt zersplittert. "Wir haben in der Europäischen Union 27 Verteidigungsmärkte und 27 Regelwerke. Deshalb steht die Verteidigungsindustrie weiterhin vor vielen Hindernissen", sagte EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius kürzlich in einer Rede. Er leitet die Bemühungen der EU, die Produktion zu erhöhen.
Die Versuche, auf dem Kontinent einen gemeinsamen Verteidigungsmarkt zu schaffen und die Zusammenarbeit zwischen den Staaten zu fördern, stoßen wiederum auf erhebliche Widerstände. "Große Unternehmen in diesem Sektor haben keinen Anreiz zu investieren, weil sie wissen, dass die Regierungen sie bevorzugen werden", sagte Guntram Wolff, Experte für Verteidigungsökonomie am Brüsseler Bruegel-Institut, der Nachrichtenagentur AFP. "Deutschlands Käufe bei heimischen Unternehmen sind von rund 30 Prozent in den Jahren 2020 und 2021 auf 60 Prozent in den Jahren 2025 und 2026 gestiegen", sagte er.
NATO-Rüstungsproduktion: Deutschland steht im Zentrum der Debatte
Die Schwierigkeiten bei der Waffenproduktion waren absehbar. Russlands Invasion in der Ukraine hat Europas Grenzen bei der Rüstungsproduktion, lange Lieferzeiten und den Mangel an kritischen Fähigkeiten längst offengelegt. Gleichzeitig hat der Krieg von US-Präsident Donald Trump gegen den Iran die amerikanischen Vorräte belastet. Für Europa ist es deshalb entscheidend, die eigenen Waffenbestände zu erhöhen. Das gilt besonders vor dem Hintergrund des Ziels, die Abhängigkeit von Washington zu verringern. Die Verlässlichkeit der USA wird zunehmend infrage gestellt.
Vertreter der Industrie sagen, dass nach Jahrzehnten der Unterfinanzierung inzwischen Veränderungen sichtbar werden. "Viele Hersteller investieren erheblich in größere Produktionskapazitäten", sagte Camille Grand, Generalsekretär des europäischen Verteidigungsindustrieverbands ASD, der Nachrichtenagentur AFP. "Aber heißt das, dass wir schon dort sind, wo wir sein müssten? Vermutlich nicht", fügte er hinzu.
Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant, da deutsche Beschaffungen bei heimischen Unternehmen stark zugenommen haben. Daraus lässt sich ableiten, dass Berlin nicht nur mehr Geld für Verteidigung bereitstellen muss, sondern auch vor der Frage steht, wie nationale Industrieinteressen, europäische Zusammenarbeit und schnelle Beschaffung miteinander vereinbar sind.
"Wir haben gelernt, zusätzliche Mittel zu beschaffen. Wir müssen aber noch lernen, sie effizient einzusetzen, um Russland bei Produktion, Innovation und Bewaffnung zu übertreffen", sagte EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius.
