Wirtschaft

Vom PKW zum Panzer: Europa braucht keine neuen Fabriken für Rüstung

In den letzten Monaten gibt es Diskussionen darüber, dass Automobilhersteller einen Teil ihrer ungenutzten Kapazitäten für die Herstellung von Komponenten für das Militär nutzen sollten.
18.06.2026 16:00
Lesezeit: 11 min
Vom PKW zum Panzer: Europa braucht keine neuen Fabriken für Rüstung
Europas Autoindustrie soll Rüstungskapazitäten füllen. Und könnte es theoretisch auch. (Illustration: ChatGPT)

Europas Autoindustrie soll Rüstungskapazitäten füllen

Europas Autoindustrie steht vor einer der größten Umstrukturierungen ihrer Geschichte. Der Übergang zu Elektrofahrzeugen, der Druck chinesischer Wettbewerber, hohe Energiekosten und schwächeres Nachfragewachstum haben dazu geführt, dass viele Produktionskapazitäten in Europa nicht mehr voll ausgelastet sind.

Parallel zu diesen wirtschaftlichen Problemen erhöhen europäische Staaten ihre Verteidigungsausgaben deutlich. Damit stellt sich die Frage, ob ein Teil der Autoindustrie im Rüstungssektor eine neue geschäftliche Perspektive finden könnte.

In den vergangenen Monaten wird in Industrie und Politik immer häufiger darüber gesprochen, wie Europas Produktionsbasis den Ausbau der Verteidigungsfähigkeit unterstützen kann. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Möglichkeit, dass Autobauer einen Teil ihrer ungenutzten Kapazitäten für Komponenten von Militärfahrzeugen, Logistikausrüstung oder fortgeschrittenen elektronischen Systemen einsetzen.

Autofabriken sind schlechter ausgelastet

Obwohl Europa 800 Milliarden Euro für Wiederbewaffnung bereitstellen will, könnte der Übergang durch den fragmentierten europäischen Verteidigungsmarkt und unvereinbare Geschäftsmodelle gebremst werden, so das Portal Casnik Finance. Das zeigt eine Studie des European Policy Centre, die in Zusammenarbeit mit dem europäischen Herstellerverband ACEA erstellt wurde.

Die Studie ergab unter anderem, dass die Kapazitätsauslastung europäischer Autofabriken 2024 mehr als 20 Prozent unter dem Höchststand von 2017 lag. Damals betrug die Auslastung 85 Prozent.

Nach Angaben von Automotive News Europe untersuchte die Studie auch Risiken und Chancen für Autobauer und Zulieferer in einer Phase, in der die Europäische Union sich darauf vorbereitet, im kommenden Jahrzehnt Hunderte Milliarden Euro für Aufrüstung auszugeben.

Für die Autoindustrie liegen die Vorteile auf der Hand. Viele Werke sind nicht ausreichend ausgelastet, die Beschäftigung sinkt, zusätzliche Aufträge aus anderen Branchen wären deshalb willkommen.

Ein Beispiel ist das Volkswagen-Werk in Osnabrück. Für den Standort gibt es keine langfristigen Pläne, obwohl dort 2.300 Menschen arbeiten. Das Unternehmen soll kurz vor einer Vereinbarung über die Gründung einer neuen Gesellschaft mit dem israelischen Rüstungshersteller Rafael Advanced Defence Systems stehen. Ziel wäre die Produktion von Komponenten für das Luftverteidigungssystem Iron Dome.

„Viele europäische Autofabriken verfügen über Kapazitäten und Infrastruktur, die für Verteidigungsproduktion genutzt werden könnten“, sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger. Das Werk in Osnabrück bezeichnete er als sehr geeignet für Rüstungsproduktion.

Im Rahmen einer Vereinbarung könnte das Werk von der Autoproduktion auf die Fertigung militärischer Fahrzeuge umgestellt werden. Deutsche Beamte und Volkswagen-Vertreter diskutieren bereits über die Möglichkeit, Militärlastwagen für Iron-Dome-Systeme und möglicherweise auch für Iron Beam herzustellen. Weitere Standorte in Deutschland könnten in die Lieferketten eingebunden werden.

Auto- und Rüstungsindustrie reden häufiger miteinander

„Europa verfügt über erstklassige Produktionsinfrastruktur, die in einigen Bereichen zu wenig genutzt wird. Gleichzeitig sucht die Rüstungsindustrie nach Möglichkeiten, Produktion schnell auszuweiten. Es ist logisch, dass beide Seiten miteinander ins Gespräch kommen“, sagt ein Analyst, der an der Studie beteiligt war.

Auch Renault bestätigte, dass das Unternehmen in seinem Werk in Le Mans für das französische Verteidigungsministerium bis zu 600 Drohnen bauen wird. An dem Projekt ist der Rüstungskonzern Turgis Gaillard beteiligt.

Autobauer verfügen über umfangreiche Erfahrung mit Großserienfertigung. Das kann für Rüstungsunternehmen wertvoll sein, die ihre Produktion ausweiten wollen.

Im vergangenen Jahr arbeiteten in der europäischen Rüstungsindustrie 633.000 Menschen. Bis 2030 sollen es mindestens 760.000 sein. Allein der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall will in den kommenden Jahren 40.000 bis 60.000 Mitarbeiter einstellen. Zum Vergleich beschäftigt die europäische Autoindustrie einschließlich Zulieferern 13 Millionen Menschen.

„Wenn wir uns die Produktion gepanzerter Fahrzeuge oder militärischer Logistikplattformen ansehen, stellen wir fest, dass viele Prozesse nicht wesentlich anders sind als in der Autoindustrie. Der Unterschied liegt vor allem bei Zertifizierung, Sicherheitsanforderungen und kleineren Produktionsserien“, sagt der Analyst.

Autofabriken könnten vergleichsweise schnell die Produktion einzelner Komponenten übernehmen. Dazu zählen Fahrgestelle, Antriebsstränge, elektronische Module oder Strukturelemente. Der Einstieg in Verteidigungslieferketten erfordert dennoch Zeit, Investitionen und politische Unterstützung.

Militärlogistik wird zum Wachstumsfeld

Eine Chance für die Autoindustrie liegt in der militärischen Logistik. Wiederbewaffnung bedeutet nicht nur die Produktion von Waffen, Raketen und Artilleriesystemen. Soldaten und Ausrüstung müssen auch bewegt werden.

Nach Einschätzung der Studie ergibt sich hier in den kommenden zehn Jahren ein Umsatzpotenzial von mehr als 50 Milliarden Euro. In diesem Bereich besitzen Fahrzeughersteller viel Know-how, etwa bei Lastwagen, Transportplattformen, autonomen Versorgungsfahrzeugen und modularen Systemen.

Eine zweite große Chance liegt in neuen Technologien. Der deutsche Zulieferer Schaeffler gehört hier zu den Vorreitern. Ende vergangenen Jahres gründete das Unternehmen eine eigene Sparte für Verteidigung und Raumfahrt und schloss einen Vertrag mit Helsing, einem Entwickler von Drohnen.

Gerade die Technologie unbemannter Systeme gilt als eines der größten Entwicklungsfelder. Eine zentrale Möglichkeit besteht darin, Modularität stärker in Fahrzeuge und Produktionsprozesse einzubauen.

Viele Chancen, aber große Hindernisse

Trotz zahlreicher Möglichkeiten verweist die Studie auf erhebliche Hürden. Ein großes Problem liegt darin, dass es in Europa keinen einheitlichen Verteidigungsmarkt gibt. Nationale Interessen zeigen sich in unterschiedlichen Regeln für öffentliche Beschaffung, Export, Sicherheitsstandards und Zertifizierung.

Während die Autoindustrie auf Standardisierung, große Serien und gemeinsame Plattformen ausgerichtet ist, bleibt der Verteidigungssektor stark zersplittert.

Beide Branchen arbeiten mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Die Studie vergleicht die Autoindustrie mit Konfektionskleidung, den Verteidigungssektor dagegen mit Maßschneiderei.

Autobauer produzieren große Mengen für den Weltmarkt. Die Rüstungsindustrie arbeitet mit kleineren Serien, langfristigen Aufträgen und vielen besonderen Anforderungen einzelner Staaten. Deshalb dürften traditionelle Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall weiterhin die wichtigsten Träger und Koordinatoren der Projekte bleiben.

Die Studie verweist auch auf politische Hindernisse. Einige europäische Staaten bauen ihre Verteidigungsfähigkeiten aus, da sie vor einer möglichen schweren militärischen Bedrohung durch Russland in den kommenden fünf Jahren warnen.

Deutschland kommt langsamer voran, da der parlamentarische Haushaltsausschuss alle Verteidigungsverträge über 25 Millionen Euro bestätigen muss. Das verlängert die Verfahren. Auch Frankreich kommt beim Ausbau seiner Verteidigungsfähigkeit langsamer voran als geplant.

Politische Unsicherheit bremst Investitionen

Ein zusätzliches Problem ist die politische Unsicherheit. Viele Hersteller sind nicht überzeugt, dass der europäische Rüstungsboom dauerhaft anhält. Eine mögliche Waffenruhe in der Ukraine könnte politische Prioritäten verändern. Zugleich stehen die meisten EU-Staaten unter erheblichem finanzpolitischem Druck.

Parallel verändern Drohnen und KI den Krieg immer schneller. Das wirkt sich direkt auf Anforderungen an moderne Waffen und militärische Ausrüstung aus. Für die europäische Industrie entsteht dadurch zusätzlicher Druck, mehr und schneller zu produzieren.

Analysten halten eine vollständige Umstellung von Autofabriken auf den Verteidigungssektor nicht für wahrscheinlich. Realistischer ist eine schrittweise Einbindung von Autounternehmen in Rüstungslieferketten.

Besonders naheliegend sind Bereiche wie fortgeschrittene Fertigung, Elektronik, Software und Mobilitätslösungen. Europa braucht nicht zwingend neue Fabriken. Es braucht vor allem eine bessere Nutzung der vorhandenen industriellen Kapazitäten.

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