Finanzen

Ethisches Investieren: Der Vatikan predigt Moral und kauft Tech-Aktien

Der Vatikan will Geld nach moralischen Kriterien anlegen und landet dabei ausgerechnet bei Meta, Nvidia, Apple, Amazon und Alphabet. Was nach sauberer Ethik klingt, zeigt bei genauerem Hinsehen die Widersprüche moderner ESG-Strategien: Wer entscheidet eigentlich, welche Unternehmen gut sind und warum bleibt die vollständige Liste hinter einer Bezahlschranke?
07.07.2026 22:03
Lesezeit: 6 min

Vatikan-Investments: Warum ESG bei SpaceX plötzlich zum Thema wird

Die Debatte über unterschiedliche Investmentstrategien gewinnt neue Schärfe, seit SpaceX zuletzt die niedrigstmögliche ESG-Bewertung erhalten hat. ESG ist als Konzept zwar nachvollziehbar. Schwerer zu verstehen ist allerdings, warum sich jemand, der in Raumschiffe und künstliche Intelligenz unter der Kontrolle von Elon Musk investieren will, ausgerechnet an dieser Bewertung stören sollte. Diese Frage führt schnell in die Welt des "ethischen Investierens". Dort stößt man auf einen besonders bemerkenswerten Fall, der inzwischen als "Vatican Lehman" bekannt ist. Das berichten unsere Kollegen von der Business Post.

Zwischen 2014 und 2018 begann der Vatikan über italienische Finanzleute, in das frühere Harrods-Gebäude in London zu investieren. Das gesamte Engagement wuchs auf rund 350 Millionen Euro an. Darin enthalten waren Kaufpreis, Provisionen und Finanzierungskosten. Im Jahr 2022 verkaufte der Heilige Stuhl das Gebäude mit einem Verlust von 140 Millionen Euro. Nach dem Skandal zentralisierte der damalige Papst Franziskus die Finanzen des Vatikans. Alle Vermögensangelegenheiten wurden fortan über das IOR abgewickelt, die wichtigste Bank des Vatikans. Allerdings beklagten sich Vatikanbehörden über langsame Abläufe. Sie waren von nur einem Verwalter abhängig.

Dann griff Papst Leo XIV. im Oktober 2025 ein. Per Dekret stellte er die Autonomie wieder her. Die Institutionen des Heiligen Stuhls können nun wieder ihre eigenen Vermögensverwalter auswählen. Das IOR bleibt die bevorzugte Wahl, ist aber nicht länger die einzige Option. Um dennoch sicherzustellen, dass Investitionen nicht der ethischen Kontrolle entgleiten und die Bank ihre Rolle als Referenzpunkt behält, führte das IOR im Februar dieses Jahres zwei Indizes ein. Ein Blick auf diese Indizes zeigt, wie ein päpstliches Portfolio aussehen könnte.

Ethisches Investieren: Der Vatikan setzt auf positive Auswahl

Das IOR hat sich mit Morningstar zusammengeschlossen, um zwei Indizes zu schaffen. Der erste Index umfasst Investments aus Europa, der zweite aus den USA. Klassische ethische Fonds nehmen meist einen bestehenden allgemeinen Index und streichen Unternehmen heraus, die nicht zu den eigenen Kriterien passen. Morningstar und das IOR gehen anders vor. Sie filtern Investments nicht nur. Sie wählen sie aktiv aus. Grundlage ist eine positive Auswahl. Es geht also nicht nur darum, ethisch "schlechte" Unternehmen auszuschließen. Vielmehr sollen ethisch "gute" Unternehmen aufgenommen werden. Jedenfalls solche, die der Vatikan dafür hält. Zu den Kriterien gehören unter anderem die Heiligkeit des menschlichen Lebens, der Schutz der Natur, der Kampf gegen Korruption und die Achtung der Prinzipien des UN Global Compact.

Was steckt also in diesen Indizes? Jeder Index enthält 50 große und mittelgroße Unternehmen. Im europäischen Index finden sich unter den führenden Positionen der Halbleiterausrüster ASML, der Softwarekonzern SAP, die Bank UniCredit und der Versicherer Allianz. Im US-Index stehen Nvidia und Apple nach Anteil ganz oben. Auch Meta Platforms, Amazon und Alphabet sind enthalten.

Papst-Portfolio: Warum Meta plötzlich als "gut" gilt

Gerade Meta wirft Fragen auf. Das Unternehmen wurde wegen der Auswirkungen seiner Algorithmen auf die psychische Gesundheit Jugendlicher kritisiert, wegen Datenschutzverstößen und wegen jener merkwürdigen Praxis, über die die Business Post zuletzt berichtete. Dass ausgerechnet Meta vom Vatikan als "gut" eingestuft wird, wirkt erklärungsbedürftig. Offenbar bewertet das IOR nicht nur die Endprodukte oder Dienstleistungen eines Unternehmens. Es betrachtet den gesamten Geschäftsbetrieb. Eine Art vatikanisches ESG also.

Als die Indizes vor einigen Monaten aufgelegt wurden, veröffentlichte das IOR lediglich ein Factsheet mit ausgewählten Beteiligungen. Die vollständige Zusammensetzung aller 50 Unternehmen in jedem Index ist nur über ein kostenpflichtiges Abonnement oder eine Lizenzgebühr verfügbar.

Morningstar verdient sein Geld mit der Lizenzierung von Indizes an Fondsmanager, nicht damit, die Daten kostenlos zu veröffentlichen. Solange kein Vermögensverwalter einen ETF auf Basis dieser Indizes auflegt, wird die breite Öffentlichkeit die vollständige Liste nicht sehen.

Gott möge den Autor strafen, falls diese Einschätzung falsch ist. Doch der Nutzen einer Investmentstrategie, die sich an solchen Kriterien orientiert, bleibt schwer erkennbar.

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