Wirtschaft

Chinas Wirtschaft gerät ins Stocken: Experten zweifeln an den Zahlen

Chinas Wirtschaft wächst weiter, doch hinter den offiziellen Zahlen zeigen sich immer tiefere Risse. Während Exporte und KI die Konjunktur stützen, geraten Konsum, Immobilienmarkt und das Vertrauen in die Statistik zunehmend unter Druck.
15.07.2026 09:59
Lesezeit: 7 min
Chinas Wirtschaft gerät ins Stocken: Experten zweifeln an den Zahlen
Mao Shengyong (M), Vize-Kommissar des chinesischen Statistikamtes, sitzt während einer Pressekonferenz neben, Shou Xiaoli (l), Sprecherin des Staatsrates Chinas, und Wang Guanhua, Sprecherin des chinesischen Statistikamtes. (Foto: dpa) Foto: Johannes Neudecker

Chinas Wirtschaft wächst langsamer als erwartet

Chinas Wirtschaft ist im zweiten Quartal langsamer als erwartet gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie das nationale Statistikamt in Peking mitteilte. Analysten hatten im Schnitt mit einem Wachstum von 4,5 Prozent gerechnet. Es war das schwächste Quartalswachstum seit Ende 2022. Im ersten Quartal hatte das Plus noch 5,0 Prozent betragen. Im gesamten ersten Halbjahr wuchs die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im Vorjahresvergleich um 4,7 Prozent.

Wirtschaft: Zwei Entwicklungen driften auseinander

Die Zahlen zeichnen das Bild einer zunehmend zweigeteilten Wirtschaft. Industrie und Außenhandel entwickeln sich weiterhin vergleichsweise robust. Konsum, Investitionen und der Immobilienmarkt bleiben dagegen schwach. Die hohe Auslandsnachfrage stützt Chinas Industrie, sorgt bislang aber nicht für eine breite Erholung im Inland.

Chinas Statistiker zeigten sich dennoch optimistisch. Der Rückgang des Wachstums im zweiten Quartal sei auf "äußere Faktoren" zurückzuführen, sagte der Vize-Kommissar des Statistikamtes Mao Shengyong. Er nannte unter anderem die Konflikte im Nahen Osten und das langsamere Wachstum der Weltwirtschaft. In China sei besonders die Petrochemie-Branche betroffen gewesen. Alle anderen Sektoren hätten sich jedoch normal entwickelt, erklärte er.

Industrie: Produktion und Exporte bleiben stark

Im gesamten ersten Halbjahr wuchs die Industrieproduktion nach Angaben der Statistikbehörde um 5,4 Prozent. Im Juni legte sie gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,3 Prozent zu. Vor allem die internationale Nachfrage nach Halbleitern, Computertechnik und Autos stützt die chinesischen Hersteller.

Das zeigte sich auch in den am Vortag veröffentlichten Handelszahlen. Die Exporte stiegen im Juni, in US-Dollar gerechnet, um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, die Importe legten um 36 Prozent zu.

Der Exportboom dürfte allerdings die Handelskonflikte weiter verschärfen. In Deutschland und der EU wird darüber diskutiert, wie mit den rasch steigenden Einfuhren chinesischer Produkte und den Überkapazitäten in einzelnen Industriezweigen umgegangen werden soll.

Binnenmarkt: Konsum und Immobilien bleiben unter Druck

Im Inland bleibt die Lage dagegen schwierig. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im gesamten ersten Halbjahr lediglich um 1,3 Prozent. Die Anlageinvestitionen gingen von Januar bis Juni um 5,7 Prozent zurück. Auch für deutsche Unternehmen in China ist diese Nachfrageschwäche ein Problem. "Die dringend nötige Ankurbelung des Konsums bleibt ganz klar eine unserer zentralen Forderungen", kommentierte Oliver Oehms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in Nordchina, die aktuellen Zahlen.

Noch deutlicher zeigt sich die Schwäche auf dem Immobilienmarkt. Die Investitionen in den Sektor brachen im ersten Halbjahr um 18 Prozent ein. Der Wert der verkauften Neubauimmobilien sank um 13,6 Prozent. Der Abschwung auf dem Immobilienmarkt gilt als Belastung für das Vertrauen und die Kaufbereitschaft vieler Haushalte.

Laut Statistiker Mao zeigte eine Umfrage seiner Behörde, dass die Immobilienbranche in diesem Jahr mit stabilen oder sogar steigenden Wohnungspreisen rechne. Erste politische Maßnahmen, um die Nachfrage anzukurbeln und den Wohnungsbestand zu senken, hätten Wirkung gezeigt, sagte er.

KI: Regierung setzt auf neue Wachstumsimpulse

Ministerpräsident Li Qiang hatte am Montag bei einem Treffen mit Experten und Unternehmern eine stärkere Unterstützung der Wirtschaft sowie weitere Maßnahmen zur Belebung der Binnennachfrage gefordert. Für das Gesamtjahr strebt die chinesische Regierung ein Wachstum zwischen 4,5 und 5 Prozent an. Das Halbjahreswachstum von 4,7 Prozent entspricht damit der Zielspanne für das Gesamtjahr.

Außerdem fördert China verstärkt Zukunftsbranchen wie die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) und erhofft sich dadurch zusätzliches Wirtschaftswachstum. Der Antrieb soll nicht nur aus neuen Wirtschaftszweigen kommen, sondern auch aus der Modernisierung traditioneller Branchen mithilfe von KI.

Unter den führenden Tech-Konzernen wie Alibaba oder Tencent herrscht bereits seit Längerem ein harter Wettbewerb, etwa bei der Integration von KI in ihre Apps. Laut Statistikerin Wang Guanhua trugen IT- und Unternehmensdienstleistungen im ersten Halbjahr etwa ein Viertel zum Gesamtwachstum der Wirtschaft bei.

Zudem habe der weltweite technologische Wandel im Bereich KI die Nachfrage nach Computerchips stark erhöht, erklärte Wang. Im ersten Halbjahr hätten Chinas Industrieunternehmen deshalb 279,8 Milliarden Chips hergestellt, ein Anstieg um 23,1 Prozent.

Arbeitsmarkt: Experten sehen größere Probleme

Die Jugendarbeitslosigkeit soll bei 15 Prozent liegen. Mehrere Analysten weisen jedoch darauf hin, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich schlechter ausfallen könnten und Unterbeschäftigung weit verbreitet sei.

Viele Ökonomen warnen davor, dass Pekings Abhängigkeit von Produktion und Exporten zur Kompensation der schwachen Nachfrage privater Haushalte immer schwieriger aufrechtzuerhalten sein wird, da sich das globale Wachstum abkühlt und die externe Nachfrage jenseits der Halbleiterindustrie an Dynamik verliert.

"Die Zahlen zeigen eine wachsende Kluft zwischen Inlands- und Auslandsnachfrage. Die überdurchschnittliche Exportleistung wurde durch die Nachfrage nach KI-Hardware und grüner Technologie getrieben, während die Inlandsnachfrage durch den anhaltenden Abschwung auf dem Immobilienmarkt belastet wurde", schreibt Junyu Tan, Ökonom beim Kreditversicherer Coface in Hongkong.

Wie Di berichtete, warnte auch die chinesische Zentralbank davor, dass die verzerrte Wirtschaft des Landes zu einem ernsthaften Risiko werde.

Statistik: Zweifel an offiziellen Wachstumszahlen

Gleichzeitig befürchten einige Ökonomen eine zunehmende Unsicherheit hinsichtlich der offiziellen chinesischen Statistiken. Viele Forschungsinstitute haben deshalb alternative Messmethoden entwickelt, von denen die meisten ein geringeres Wachstum als die von Peking veröffentlichten Zahlen nahelegen.

Laut Financial Times schätzt Logan Wright, China-Direktor des amerikanischen Beratungsunternehmens Rhodium Group, das reale BIP-Wachstum Chinas für das zweite Quartal auf null bis ein Prozent.

Zur Untermauerung seiner These sagt Logan Wright, dass er nach 20 Jahren Berichterstattung über China noch keinen einzigen Regierungsbeamten getroffen habe, der den offiziellen Zahlen Glauben schenke.

"Wenn die Führung in Peking nicht immer dem trauen kann, was ihre eigenen Provinzen ihr berichten, ist es für externe Analysten schwierig, dem zu vertrauen, was Peking der Welt mitteilt", schreibt der Newsletter Dragonometry zu den heutigen Zahlen.

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