Panorama

Oasis-Index: Was kosten 5 Bier und 2 Schachteln Zigaretten weltweit?

Die globale Preisordnung gerät ins Wanken: Während Japan überraschend günstig wird, explodieren anderswo Mieten, Nebenkosten und Alltagsausgaben. Eine neue Analyse der Deutschen Bank zeigt, welche Städte gewinnen, welche verlieren – und warum das auch für Anleger und Verbraucher wichtig ist.
17.07.2026 06:01
Lesezeit: 10 min
Oasis-Index: Was kosten 5 Bier und 2 Schachteln Zigaretten weltweit?
Tokio wird überraschend günstig, Deutschland hat die höchsten Nebenkosten: Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem neuen Preisreport. (Bild: ChatGPT)

Weltweite Preis-Verschiebungen: Wo das Leben boomt, wo es teuer ist und wo die Wende droht

Der sogenannte "Oasis-Index" zeigt anschaulich, was der Genuss nach Feierabend rund um den Globus kostet: Für fünf Biere und zwei Schachteln Zigaretten zahlt man in Melbourne aufgrund drastischer "Sündensteuern" satte 111,20 US-Dollar (rund 95 Euro) – absolute Weltspitze. Auch britische Metropolen wie London und Birmingham rangieren weit oben, während man in Shanghai für denselben Konsumkorb mit rund 10,40 US-Dollar (rund neun Euro) am günstigsten auskommt. Der Index ist weit mehr als nur eine kuriose Statistik: Er ist ein prägnantes Detail aus der zehnten Ausgabe des Reports "Mapping the World's Prices 2026" von Deutsche Bank Research, der zeigt, wie Inflation, Währungsschwankungen, Demografie und Geopolitik die globale Preiskarte im vergangenen Jahrzehnt grundlegend verändert haben.

Japan: Vom teuren Pflaster zur globalen Schnäppchen-Hochburg

Einer der markantesten strukturellen Wandel der Weltwirtschaft vollzieht sich derzeit in Japan. In den 1990er Jahren war Tokio ein Synonym für extreme Lebenshaltungskosten, heute liegt das kaufkraftbereinigte Preisniveau der Stadt im Vergleich zu den USA (100) jedoch nur noch bei einem Wert von 60. Ein Drei-Zimmer-Apartment zur Miete kostet in Tokio nur noch etwa ein Viertel dessen, was in New York City verlangt wird. Diese historisch beispiellose Entwicklung – getrieben durch den extrem schwachen Yen – könnte zugleich den Grundstein für Japans Zukunft legen: Angesichts massiver demografischer Probleme ist das Land gezwungen, konsequent auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz zu setzen. Die aktuelle Erschwinglichkeit Tokios könnte die Stadt deshalb schon in naher Zukunft zu einem hochinnovativen und attraktiven Tech-Hub für internationale Talente machen.

iPhone-Index: Zölle und Steuern werden sichtbar

Für international agierende Investoren liefert der Report einen weiteren spannenden Gradmesser: den iPhone-Index. Da Apple das Smartphone weltweit als identisches Produkt anbietet und die Preise zentral festlegt, machen Preisunterschiede unmittelbar die Auswirkungen von Steuern, Zöllen und lokalen Währungskrisen sichtbar. Während Japan dank der Yen-Schwäche für internationale Käufer der günstigste Standort für ein iPhone ist, zeigt sich am anderen Ende die Wucht der Fiskalpolitik: In der Türkei kostet ein iPhone aufgrund hoher Steuern und des massiven Lira-Verfalls das 2,4-Fache des US-Preises. Auch in Brasilien liegt der Preis beim 2,1-Fachen des US-Niveaus – ein Spiegel gezielter protektionistischer Steuern, die eine lokale Produktion fördern sollen.

Tel Aviv steigt auf: Zentraleuropa holt auf

Auf der Landkarte der Preissteigerungen sticht Tel Aviv als deutlicher Ausreißer hervor. Getrieben von einem starken Schekel, einer florierenden Tech- und Verteidigungsindustrie sowie regionalen Lieferengpässen zählt die Stadt inzwischen zu den teuersten Metropolen der Welt. Nirgendwo sonst kostet ein McDonald's-Menü mittlerweile so viel wie in der israelischen Metropole.

Gleichzeitig erlebt Zentraleuropa eine bemerkenswerte wirtschaftliche Konvergenz. Die Zeiten, in denen Metropolen wie Prag, Warschau oder Budapest als günstige Reiseziele galten, sind endgültig vorbei. Enge Arbeitsmärkte, EU-Strukturfonds und kräftige Gehaltssteigerungen haben die Städte preislich in hohem Tempo an Westeuropa herangeführt. Besonders auffällig ist Budapest: Dort sind die Immobilienkaufpreise in den vergangenen zehn Jahren um 209 Prozent gestiegen – der höchste Wert im gesamten weltweiten Sample des Deutsche-Bank-Reports.

Energie-Kosten: Deutschland führt bei den Nebenkosten

Besonders brisant für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist der Blick auf die monatlichen Nebenkosten, also Ausgaben für Strom, Wasser und Heizung. Deutsche Städte belegen hier die weltweiten Spitzenplätze – ein dauerhaftes Erbe der europäischen Energiekrise sowie der Abkehr von russischem Gas und der Kernkraft. Berlin liegt weltweit auf Platz eins, gefolgt von München auf Rang sechs und Frankfurt auf Rang sieben. Lediglich Tel Aviv schiebt sich infolge massiver regionaler Energieverwerfungen im Nahen Osten zwischen die deutschen Städte an der Spitze.

Lebensqualität: Hohe Mieten bremsen die USA aus

Trotz hoher Nebenkosten dominieren europäische Städte das Ranking der Lebensqualität. Luxemburg verteidigt den ersten Platz, gefolgt von Kopenhagen, Wien, München und Frankfurt. Die Metropolen punkten mit geringer Umweltbelastung, hoher Sicherheit und – im Fall Frankfurts – den weltweit kürzesten Pendelzeiten.

Die USA zeigen dagegen ein gespaltenes Bild und deuten darauf hin, dass der "Peak US" – der Höhepunkt amerikanischer Preisdominanz – möglicherweise erreicht ist. Zwar verzeichnen US-Städte gemeinsam mit Zürich und Genf weiterhin die höchsten Bruttogehälter weltweit. Werden jedoch die extrem hohen Mieten berücksichtigt, fällt insbesondere New York City im Ranking des tatsächlich verfügbaren Einkommens um 34 Plätze auf Rang 39 zurück. Die Wohnkosten zehren den Gehaltsvorteil nahezu vollständig auf. Deshalb schafft es keine US-amerikanische Stadt gleichzeitig in die Top zehn bei Lebensqualität und verfügbarem Einkommen.

Fazit: Die globale Preiskarte wird neu gezeichnet

Die alten Gewissheiten darüber, welche Regionen der Welt günstig oder teuer sind, lösen sich zunehmend auf. Die Stärke des US-Dollars, die außergewöhnliche Schwäche des Yens, die dauerhaft hohen Energiekosten in Deutschland und die rasante Preisentwicklung in Zentraleuropa zeigen deutlich, wie stark sich die globalen Preisstrukturen verschieben. Der aktuelle Report "Mapping the World's Prices 2026" von Deutsche Bank Research macht deutlich: Für Anleger, Expats und international tätige Unternehmen verändern sich Chancen und Risiken derzeit mit ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Maximilian Modler

                                                                            ***

Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Notenbanker belassen Leitzins der Eurozone bei 2,5 Prozent
29.10.2026

Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen am 29. Oktober 2026 unverändert. Der Einlagenzins bleibt bei 2,50 Prozent. Zugleich...

DWN
Politik
Politik Merz warnt vor Nordkoreas Rolle im Ukraine-Krieg
29.10.2026

Zum Abschluss seiner Asienreise besucht Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Bereits zuvor...

DWN
Politik
Politik Steinmeier in China: Appell für Regeln, Frieden und freien Handel
29.10.2026

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einer Rede an der renommierten Peking Universität für eine stärkere regelbasierte...

DWN
Panorama
Panorama Arbeitspausen: Darf der Chef den Zeitpunkt bestimmen?
29.10.2026

Kurz durchatmen, etwas essen oder einen Kaffee trinken: Arbeitspausen gehören zum Alltag. Wann sie stattfinden, entscheiden Beschäftigte...

DWN
Finanzen
Finanzen Lagarde tritt vorzeitig ab: Rennen um die EZB-Spitze beginnt früher
29.10.2026

Christine Lagarde verlässt die Spitze der Europäischen Zentralbank früher als geplant. Damit müssen die Eurostaaten ihre Nachfolge...

DWN
Finanzen
Finanzen Vonovia-Aktie rutscht ab: Vonovia muss Sparen und senkt Erwartungen für 2026 und 2028
29.10.2026

Die Vonovia-Aktie steht am Donnerstag mächtig unter Druck. Der Immobilienkonzern nimmt seine Wachstumsziele zurück und will Investitionen...

DWN
Politik
Politik Spritpreisdeckel lässt auf sich warten: SPD drängt Reiche zur Eile
29.10.2026

Im September hatte sich die schwarz-rote Koalition auf einen erneuten Tankrabatt und einen Spritpreisdeckel verständigt. Während der...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes-Benz-Aktie: Abfindungen bei Autobauer gehen in neue Runde – warum der Sparkurs teuer bleibt
29.10.2026

Mercedes-Benz will ab Dezember 2026 erneut freiwillige Abfindungen für Beschäftigte in Deutschland anbieten. Die jüngste Quartalsbilanz...