Wirtschaft

Russische Wirtschaft: China legt den Kreml an die technologische Leine

Russland pumpt Milliarden in seine Rüstungsindustrie, doch die Wirtschaft schrumpft, die Inflation steigt und die Devisenreserven schwinden. Statt eines spektakulären Zusammenbruchs droht dem Land ein schleichender industrieller Abstieg. Besonders gefährlich für den Kreml ist die wachsende Abhängigkeit von China, denn ohne ausländische Technologie lässt sich die Kriegsmaschinerie kaum dauerhaft am Laufen halten.
16.07.2026 13:39
Lesezeit: 7 min
Russische Wirtschaft: China legt den Kreml an die technologische Leine
Zapfsäulen als Symbol für Russlands verwundbare Einnahmequelle: Schwächere Öl- und Gaserlöse setzen die Kriegswirtschaft zunehmend unter Druck. (Foto: dpa/AP | Pavel Bednyakov) Foto: Pavel Bednyakov

Russische Wirtschaft stößt an ihre Produktionsgrenzen

Russland gerät in einen industriellen und technologischen Rückschritt, der die Wirtschaft zunehmend belastet. Ob diese Entwicklung den Krieg beenden kann, ist ungewiss. Sie trifft jedoch das Zentrum der russischen Militärmaschinerie. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.

Mehrere ungünstige Entwicklungen verstärken sich gegenseitig: Russland fehlen eigene technologische, industrielle und personelle Ressourcen. Gleichzeitig treibt die massive Ausweitung der Staatsausgaben die Inflation nach oben. Dadurch muss das Land immer mehr Technologien, Maschinen und andere Ressourcen aus dem Ausland importieren. Bezahlt werden müssen diese Importe jedoch in ausländischen Währungen, und genau davon besitzt Russland immer weniger.

Der Kreml steht damit vor zwei Problemen, die das industrielle Fundament des Landes zunehmend erschüttern.

Das erste Problem ist eine weitgehende Blockade auf der Angebotsseite. Praktisch unbegrenzte Finanzmittel in der eigenen Währung werden inzwischen selbst zu einer wirtschaftlichen Begrenzung. Mit zusätzlichen Rubeln lassen sich Nachfrage und Produktion nicht mehr beliebig steigern.

Russland gibt enorme Summen für die Rüstungsindustrie aus. Im ersten Quartal 2026 belief sich das Haushaltsdefizit auf 4,6 Billionen Rubel. Umgerechnet waren das rund 52,5 Milliarden Euro. Damit übertraf das Defizit bereits das für das gesamte Jahr angesetzte Ziel von 3,8 Billionen Rubel beziehungsweise rund 43,4 Milliarden Euro.

Seit Beginn des Krieges stieg die Kreditverschuldung russischer Unternehmen um 34 Billionen Rubel. Das entspricht rund 388,2 Milliarden Euro und damit dem Doppelten des kumulierten staatlichen Haushaltsdefizits in diesem Zeitraum.

Trotz dieser enormen finanziellen Expansion schrumpft das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 0,3 Prozent. Nach nicht offiziellen Berechnungen könnte der Rückgang sogar noch stärker ausfallen. Gleichzeitig stieg die Inflationsrate offiziell auf 5,5 Prozent. Nicht offizielle Schätzungen gehen dagegen von bis zu 13 Prozent aus.

Die russische Wirtschaft hat damit offenbar die Grenze ihrer gegenwärtigen Produktionskapazitäten erreicht. Jeder weitere Geldzufluss erhöht vor allem den Preisdruck, anstatt Nachfrage und Produktion dauerhaft auszuweiten.

Chinas Technologien werden für Russland unverzichtbar

Das zweite Problem ist die zunehmende Abhängigkeit von chinesischer Unterstützung. Weil Russland nicht mehr über ausreichende personelle, technologische und industrielle Ressourcen verfügt, muss es diese aus dem Ausland beziehen. Nach Angaben des Kiel Instituts für Weltwirtschaft hängt Russland bei der Einfuhr fortschrittlicher Technologien mit ziviler und militärischer Verwendung inzwischen zu 80 Prozent von China ab.

Damit rückt das eigentliche Problem in den Mittelpunkt: China akzeptiert für diese Lieferungen nicht ohne Weiteres russische Rubel. Peking verlangt chinesische Yuan oder international handelbare Währungen wie Dollar. Russland verfügt jedoch über immer weniger Devisen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Erstens schwinden die kurzfristig verfügbaren Reserven des russischen Nationalen Wohlstandsfonds. Zu Beginn des Krieges entsprachen dessen liquide Mittel noch 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Inzwischen sind es nur noch 1,8 Prozent.

Der Fonds dient als finanzielle Sicherheitsreserve. Russland baute ihn über Jahre mit Überschüssen aus dem Export von Öl und Gas auf. Die Mittel wurden überwiegend in ausländischen Vermögenswerten gehalten, darunter chinesische Yuan und Gold. Sie sollten wirtschaftliche Schocks abfedern, etwa bei sinkenden Ölpreisen oder einem wachsenden Haushaltsdefizit.

Zweitens gingen die russischen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 45 Prozent zurück. Verantwortlich dafür waren teilweise verschärfte westliche Sanktionen. Hinzu kamen ukrainische Drohnenangriffe, von denen bis zu 40 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten betroffen gewesen sein sollen.

Steigende Ölpreise infolge des Krieges im Nahen Osten könnten Russlands Rohstoffexporteinnahmen teilweise stabilisieren. Der Effekt dürfte jedoch begrenzt und vorübergehend bleiben. Eine deutlich stärkere Entlastung wäre nur zu erwarten, wenn der Konflikt länger andauert und die Ölpreise erneut kräftig steigen.

Russland verliert somit schrittweise die Fähigkeit, seine Technologieimporte aus China zu bezahlen. Gleichzeitig benötigt der Kreml genau diese Lieferungen, um das Land auf seinem eingeschlagenen Rüstungskurs zu halten.

Russische Wirtschaft: Der Niedergang dürfte schleichend verlaufen

Wie diese Entwicklung endet, lässt sich nicht eindeutig vorhersagen. Ein plötzlicher, spektakulärer Finanzkollaps oder ein Staatsbankrott erscheint jedoch eher unwahrscheinlich. Russland verfügt über eine vergleichsweise geringe Auslandsverschuldung und erwirtschaftet weiterhin einen Überschuss in der Leistungsbilanz.

Wahrscheinlicher ist eine schrittweise wirtschaftliche und technologische Degradierung.

In einem solchen Szenario könnte die Inflation vollständig außer Kontrolle geraten. Marktmechanismen würden zunehmend ihre Funktion verlieren. Um die militärische Produktion aufrechtzuerhalten, könnte der Kreml dann Preise und Kapitalströme stärker staatlich kontrollieren.

Die Regierung könnte beispielsweise die Preise grundlegender Waren und Rohstoffe einfrieren. Arbeitskräfte, Maschinen und Materialien könnten nicht mehr über finanzielle Anreize, sondern durch administrative Vorgaben in die Rüstungsindustrie gelenkt werden.

Die vollständige Abhängigkeit von chinesischen Technologien dürfte zugleich das Verhältnis zwischen Moskau und Peking verändern. Russland wäre dann nicht mehr gleichberechtigter Partner Chinas. Das Land würde vielmehr in eine Position geraten, in der Peking die Bedingungen für wirtschaftliche und technologische Unterstützung weitgehend bestimmen könnte.

Für Deutschland ist diese Entwicklung vor allem mit Blick auf Exportkontrollen, Sanktionen und die Überwachung von Gütern mit ziviler und militärischer Verwendung relevant: Je stärker Russland von chinesischer Technologie und ausländischen Devisen abhängig wird, desto wichtiger werden für Deutschland und die Europäische Union wirksame Kontrollen möglicher Umgehungsgeschäfte.

Ob diese wirtschaftliche Erschöpfung den Krieg beendet, bleibt offen. Sie dürfte aber zunehmend darüber entscheiden, wie lange Russland seine derzeitige militärische Produktion und seinen technologischen Wettlauf noch finanzieren kann.

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Gabriel Chrostowski

Gabriel Chrostowski ist Journalist bei Puls Biznesu, dem polnischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit polnischer Perspektive auf Wirtschaft und Unternehmen. Bei Puls Biznesu ist er für makroökonomische und branchenspezifische Analysen zuständig. Er taucht gerne in umfangreiche Datensätze und Forschungsstudien ein, um den tatsächlichen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen. In seiner Freizeit liest er, geht laufen, spielt Fußball und wandert. Er ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Posen (Poznań University of Economics and Business).
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