Finanzen

Gefällt Dir das Produkt? Dann kaufe die Aktie!

Früher war Aktienauswahl oft erstaunlich einfach: Wer ein Produkt mochte und verstand, investierte auch in das Unternehmen dahinter. Doch diese Logik scheint nicht mehr zu funktionieren. Was bedeutet das für Anleger in einer Welt voller KI, Quantencomputer und Zukunftsvisionen?
19.07.2026 13:30
Lesezeit: 2 min
Gefällt Dir das Produkt? Dann kaufe die Aktie!
Die Börse hat sich verändert. Wer investieren will, muss stärker auf langfristige Trends vertrauen als auf das eigene Produktverständnis. (Bild: ChatGPT)

Cherry Coke und Industriegase

Lange war das eine erfolgreiche Anlagestrategie: Wenn dir das Produkt gefällt, kaufe die Aktie. Das war ja auch die Botschaft von Warren Buffett: ich kaufe nur, was ich verstehe. Coca-Cola, Cherry-Coke versteht er. Industriegase von Linde, sicher ein gutes Investment, aber da hatte ich persönlich nie so ein richtiges Feeling für. Und das ist okay so.

Aber ansonsten klappte das gut: zum Frühstück gabs neben der Aktie noch einen Joghurt von Danone, und vielleicht Cerealien von Nestlé – eine zugegeben defensive Depotbeimischung, dann fuhrst du mit deinem Mercedes, ins Büro in einem Anzug von Boss, vielleicht eine Sonnenbrille von Luxottica auf der Nase, ein leichtes Eau de Toilette von Gucci (Kering), zücktest den Füller von Montblanc für die Unterschriften, klar, von der Luxusgütergruppe Richemont, die neben dem Südafrikaner Anthony Rupert praktisch mir gehört.

Meine Prada-Tasche bringt mich weiter

Wenn du deine Prada-Tasche so liebst, dann kauf doch auch die Aktie. Da meinte meine Bekannte, beides könne sie nicht und ihre Prada-Tasche würde sie im Leben deutlich weiterbringen als die Aktie. Das mag in ihrem konkreten Fall zutreffen, das Upside ist vielleicht höher, aber die Wahrscheinlichkeit ist auch geringer. Und bei mir funktioniert das nicht.

Anyway, die Anlagewelt war voller schöner Luxury Brands, Consumer Staples und konsumnaher Techanwendungen, das Silicon Valley war stark consumer-orientiert. Man verstand das Produkt und konnte es zu Hause ausprobieren. Und es gibt auch ein gutes Gefühl, wenn man weiß, wohin das schöne Geld geht. Da darf‘s auch schon mal etwas teurer sein, da wird nicht so auf den Preis geschaut. Es dient einem guten Zweck: der Stützung der Aktie. Das neue iPhone, kauft sich auch viel lockerer, wenn man fühlt, dass das gleichzeitig der Aktie guttut.

Warren Buffets Anlagestrategie: Was ist mit Quantencomputing?

Es fällt mir aber auf, dass sich diese gemütliche Welt der consumer-driven Investment Strategy geändert hat, die attraktivsten Anlagefelder sind heute eher AI-Tech, Energy und Defense. Und die meisten Produkte kann man nur noch bedingt zu Hause aufstellen oder mit sich rumtragen wie eine Tasche von Louis Vuitton. Die Investment-Welt ist virtueller geworden. Ich kann am Wochenende nicht meine Drohne vor dem Haus unter den Blicken der Nachbarn putzen. Die ganzen heißen Chips von NVIDIA, Micron, TSMC, Qualcomm, AMD und so weiter, da kann man auch nur glauben, was einem Jensen Huang und die anderen auf Instagram erzählen.

Beim Quantencomputing ist mir trotz mehrfacher Erklärung in der Journaille unklar geblieben, was da genau abgeht und wo es klemmt. Biotechnologie, da schaut man auch nicht wirklich durch. KI wird zur Blackbox und die Energie-Netzwerke, Grids, neuen Atomkraftwerke, das ist auch nichts, was man im Bastelkeller testen kann.

Kaufe, obwohl du es nicht verstehst

Die schönen Zeiten, in denen man mit Warren Buffett nur kaufte, wenn man das Produkt verstand und es einem gefiel, sind wohl vorüber. Man muss wohl heute eher sagen: kaufe, obwohl du es nicht verstehst, aber weil du irgendwie eine dumpfe Ahnung hast, dass da eine große Zukunft liegt (SpaceX mit Data Centers in Orbit). The Next Big Thing. Anlegen wird damit visionär, futuristisch, orwellianische Science-Fiction, von Zukunftseuphorie und Hoffnung getrieben. Das Upside ist vermutlich sogar deutlich höher. Aber gewiss nicht sicherer.

Zur Person

Ulrich Seibert ist Kunstsammler (www.Seibert-Collection.Art), Facebook-Philosoph, Wirtschaftsrechtsprofessor, Investor, Schauspieler in Low-Budget-Filmen, Freund des angeregten Smalltalks und, wie er betont, ein sehr seriöser Mann.

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Prof. Dr. Ulrich Seibert

                                                      ***

Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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