Politik

Sanktionsumgehung Russland: Indien wird zum Schlupfloch für Europas Technologie

Indien lockt Europas Industrie mit Wachstum, doch zugleich gelangen immer mehr sensible Güter über das Land nach Russland. Neue Daten zeigen, wie schnell wirtschaftliche Chancen zum Risiko für Sanktionen, Lieferketten und deutsche Unternehmen werden können.
Autor
avtor
11.08.2026 05:50
Lesezeit: 8 min
Sanktionsumgehung Russland: Indien wird zum Schlupfloch für Europas Technologie
Scania und AB Volvo versichern, über robuste Systeme zu verfügen, um zu verhindern, dass ihre Lkw in Russland landen (Foto: dpa | Hauke-Christian Dittrich) Foto: Hauke-Christian Dittrich

Sanktionsumgehung Russland über Indien nimmt massiv zu

Indien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Wachstumsmärkte für europäische Unternehmen entwickelt. Gleichzeitig nutzt Russland das Land offenbar zunehmend, um westliche Sanktionen zu umgehen. Besonders auffällig ist der starke Anstieg sensibler Technologie schwedischen Ursprungs, die über Indien nach Russland gelangt. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.

Seit Beginn der groß angelegten russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 wurden mehr als 50.000 sensible Produkte beziehungsweise Güter mit möglicher doppelter Verwendung aus Indien an russische Verteidigungsunternehmen geliefert. Das zeigt eine Untersuchung des Analyseunternehmens Strider Technologies. Das Unternehmen untersuchte die Herkunft von Waren, die aus Indien nach Russland exportiert wurden und zu Produktgruppen gehören, die häufig Exportbeschränkungen unterliegen. Dazu zählen Elektronik, Maschinen, Präzisionsinstrumente, Transportausrüstung, Metalle sowie technisch anspruchsvolle elektrische Komponenten.

Die Analyse zeigt zwischen 2022 und 2025 einen starken Anstieg gegenüber den drei Jahren von 2019 bis 2021. Unter den untersuchten europäischen Herkunftsländern fällt Schweden besonders auf. Die Zahl sensibler Waren schwedischen Ursprungs, die aus Indien nach Russland exportiert wurden, nahm laut Strider um 455 Prozent zu. Bei Waren aus der Schweiz betrug der Anstieg 131 Prozent, bei britischen Produkten 180 Prozent.

Viele der erfassten Produkte stammen aus europäischen Volkswirtschaften. Bei den sensiblen Gütern handelt es sich nach Angaben von Strider unter anderem um Glasfaserkomponenten und leistungsfähige Prozessoren, die auch in modernen militärischen Systemen eingesetzt werden können. Dazu gehören unbemannte Fluggeräte, Raketen und Anwendungen in der Luft und Raumfahrt.

Parallel dazu entwickelt sich Indien zu einem immer wichtigeren Markt für europäische Unternehmen. Die EU und Indien schlossen am 27. Januar 2026 die Verhandlungen über ein weitreichendes Freihandelsabkommen ab. Die Europäische Kommission erwartet, dass damit der Marktzugang für europäische Unternehmen erheblich verbessert wird. Die formelle Unterzeichnung und die anschließenden Ratifizierungsverfahren sind allerdings weitere notwendige Schritte, bevor das Abkommen vollständig in Kraft treten kann.

Für Schweden bietet Indien dabei besonders große wirtschaftliche Chancen. Nach Berechnungen der schwedischen Handelsbehörde Kommerskollegium könnte die schwedische Ausfuhr nach Indien infolge des geplanten Abkommens deutlich steigen. Besonders große Potenziale sieht die Behörde bei Kraftfahrzeugen, Metallen sowie Maschinen und elektrischen Ausrüstungen.

Als die schwedische Wirtschaftszeitung Dagens industri im Februar den AI Impact Summit in Neu Delhi besuchte, sprach auch der schwedische Industrielle Marcus Wallenberg über die großen Möglichkeiten, die er für die Unternehmen seines Familienimperiums in Indien sieht.

Gleichzeitig mit der zunehmenden Präsenz europäischer Unternehmen baut jedoch auch Russland seine wirtschaftlichen und technologischen Beziehungen zu Indien aus.

Russland nutzt Indiens Industrie für die Sanktionsumgehung

Diese Entwicklung stellt Unternehmen und politische Entscheidungsträger vor ein Dilemma. Viele europäische Regierungen setzen darauf, dass engere wirtschaftliche Beziehungen zu Indien Europas Widerstandsfähigkeit erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferketten reduzieren. Gleichzeitig kann die stärkere Einbindung Indiens in globale Produktionsnetze neue Möglichkeiten für die Sanktionsumgehung Russlands schaffen. Darauf weist David Vigneault hin, der Leiter des Nachrichtendienstbereichs von Strider und frühere Chef des kanadischen Inlandsnachrichtendienstes Canadian Security Intelligence Service. "Unsere Forschung zeigt, dass Russland viele derselben Ökosysteme in den Bereichen Produktion, Forschung und Technologie nutzt, um den Zugang zu kritischen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten und Sanktionen zu umgehen", erklärte Vigneault. "Die heutige geopolitische Lage bedeutet, dass Regierungen und Unternehmen neben diesen Chancen auch ein klares Bild der Wettbewerbssituation benötigen."

Strider warnt insbesondere vor dem Risiko einer unbeabsichtigten Verwicklung europäischer Unternehmen. Indien gewinnt als globaler Produktionsstandort und Importeur westlicher Güter an Bedeutung. Damit steigt nach Einschätzung des Analyseunternehmens zugleich seine Attraktivität als Zwischenstation für Russlands Strategie zur Abschwächung westlicher Sanktionen. Aus dem Bericht geht allerdings nicht im Einzelnen hervor, welche Produkte schwedischer Herkunft über Indien nach Russland gelangten oder von welchen Unternehmen diese ursprünglich hergestellt wurden.

Auch Daten der schwedischen Handelsbehörde Kommerskollegium zeigen jedoch, dass bestimmte Bereiche der schwedischen Ausfuhren nach Indien stark an Bedeutung gewinnen. Fahrzeuge gehören grundsätzlich zu den wichtigsten schwedischen Exportgütern. Für den indischen Markt sieht die Behörde durch die Vertiefung der Handelsbeziehungen zusätzliches Potenzial insbesondere bei Kraftfahrzeugen, Maschinen, elektrischen Geräten und Metallen.

Die schwedischen Nutzfahrzeughersteller Scania und AB Volvo erklären allerdings, über umfassende Kontrollmechanismen zu verfügen, die verhindern sollen, dass ihre Lastwagen nach Russland gelangen. Nach Angaben von Scanias Pressechef Erik Bratthall ist die direkte Ausfuhr des Unternehmens nach Indien sehr begrenzt. In den vergangenen drei Jahren sei sie eher gesunken als gestiegen. Er betont, dass alle Scania Händler Vereinbarungen über die Endverwendung der Fahrzeuge unterzeichnen müssen. Damit sollen die Vertriebspartner kontrollieren, wohin die Lastwagen anschließend gelangen. "Allen unseren Distributoren und Händlern ist es untersagt, unsere Scania Produkte nach Russland oder Belarus zu verkaufen, zu übertragen oder zu exportieren", erklärte Bratthall. "Und diese Anforderungen müssen entlang der gesamten Vertriebskette weitergegeben werden."

Gleichzeitig räumt Scania ein, dass sich ein Lastwagen nicht während seiner gesamten Nutzungsdauer kontrollieren lässt. "Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um sicherzustellen, dass keine Lastwagen nach Russland gelangen", sagte Bratthall. "Man muss jedoch auch ganz offen sagen, dass Scania irgendwann im Laufe der Lebensdauer eines Lastwagens die Kontrolle darüber verliert, wem das Fahrzeug gehört." Mit einem mehrere Jahre alten Lastwagen könne schließlich etwas geschehen, das sich vom ursprünglichen Hersteller nicht mehr vollständig nachvollziehen lasse.

Sanktionsumgehung Russland wird auch für deutsche Unternehmen zum Risiko

AB Volvo produziert selbst in Indien und betreibt gemeinsam mit Eicher Motors das Gemeinschaftsunternehmen VECV. Verkaufszahlen nach einzelnen Ländern weist der Konzern nach Angaben seines Pressechefs Claes Eliasson allerdings nicht aus. Eliasson betont, dass Volvo sich nicht an Konstruktionen beteiligt, mit denen bestehende Beschränkungen umgangen werden sollen. "Wenn wir Produkte an Dritte außerhalb Russlands verkaufen, haben wir robuste Due Diligence Maßnahmen eingeführt, um die Umgehung von Sanktionen zu verhindern. Dazu gehören Überwachungsmaßnahmen, aktive Nachkontrollen und letztlich auch die Verweigerung von Lieferungen", erklärte Eliasson schriftlich. Sollte ein Händler ein Produkt dennoch an ein sanktioniertes Land weiterverkaufen, verliere dieser die Möglichkeit, weiterhin Produkte von Volvo zu beziehen. "Wir nehmen die Einhaltung der Exportkontroll und Sanktionsvorschriften sehr ernst", erklärte Eliasson.

Für deutsche Unternehmen ergibt sich daraus ein vergleichbares Risiko, da deutsche Industrieunternehmen stark in internationale Lieferketten eingebunden sind und Indien als Produktions und Absatzstandort an Bedeutung gewinnt. Gerade Maschinenbau, Fahrzeugindustrie, Elektronik und industrielle Komponenten zählen zu Bereichen, in denen deutsche Unternehmen international stark vertreten sind. Das geplante Freihandelsabkommen dürfte den wirtschaftlichen Austausch zwischen der EU und Indien zusätzlich intensivieren. Die Europäische Kommission erwartet, dass mehr als 96 Prozent der europäischen Warenexporte nach Indien von Zollsenkungen oder dem vollständigen Abbau von Zöllen profitieren können.

Damit steigt jedoch auch die Bedeutung einer lückenlosen Kontrolle von Händlern, Zwischenunternehmen und Endkunden. Die Sanktionsumgehung Russlands über Drittstaaten macht deutlich, dass eine rechtlich einwandfreie Ausfuhr aus Deutschland oder einem anderen EU Staat allein nicht ausreicht. Unternehmen müssen zunehmend nachvollziehen können, wie Produkte entlang internationaler Lieferketten weiterverkauft und letztlich verwendet werden.

Für exportorientierte deutsche Unternehmen entsteht damit ein schwieriger Balanceakt. Indien bietet erhebliche Wachstumschancen und kann dazu beitragen, Lieferketten geografisch breiter aufzustellen. Gleichzeitig erhöhen komplexere Handelswege die Anforderungen an Exportkontrolle, Compliance und die Überwachung der tatsächlichen Endverwendung sensibler Technologien.

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Malin Rising

Malin Rising ist seit 20 Jahren Journalistin. Erfahrung sammelte sie als Reporterin, Korrespondentin, Redakteurin und Podcast-Produzentin für internationale Zeitungen. Sie war beispielsweise für The Wall Street Journal tätig und arbeitet nun als Europa-Reporterin bei der schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens Industri.

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