Rückkehr nach Polen: Der große Migrationstrend dreht sich
Die große Rückkehr nach Polen ist in vollem Gange. Allein in den vergangenen sechs Jahren hat sich der Wanderungssaldo zwischen Polen und Deutschland von minus 6.000 auf fast 17.000 Personen zugunsten Polens verschoben. Daten aus den Niederlanden, Großbritannien und Irland weisen in dieselbe Richtung. Ein bekanntes polnisches Sprichwort bringt den Trend auf den Punkt: „Überall ist es schön, aber zu Hause ist es am schönsten.“ Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.
Es ist ein schöner Maitag im Jahr 2004. Nach jahrelangen Bemühungen tritt Polen endlich der Europäischen Union bei. Das Ereignis wird zum Symbol für Freiheit, Weltoffenheit und Kapitalismus. Doch wirtschaftlich ist längst nicht alles rosig. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, die Wirtschaft arbeitet sich nur langsam aus der Stagnation heraus und in der Bevölkerung herrscht nach Jahren politischer Instabilität und zahlreicher Affären große Ernüchterung. Am Ende führen diese Entwicklungen zu einer Vertrauenskrise und zum Zusammenbruch der Regierung aus SLD und UP. Die schwierige politische und wirtschaftliche Situation trifft gleichzeitig auf den EU-Beitritt. Beides verstärkt eine ohnehin verbreitete Überzeugung: Nur im Ausland lasse sich ein Wohlstand erreichen, der ein angemessenes Leben ermöglicht.
Die Polen verlassen ihr Land in großer Zahl. Nach Daten zu Migrationen mit einer Aufenthaltsdauer von mindestens zwölf Monaten ziehen allein 2004 mehr als 139.000 Menschen von Polen nach Deutschland. In den folgenden Jahren sind es 159.000 im Jahr 2005, 164.000 im Jahr 2006 und 153.600 im Jahr 2007. Die Auswanderung nach Großbritannien erreicht im Rekordjahr 2006 fast 18.000 Menschen. Auch die Niederlande, die skandinavischen Länder und Irland gehören zu den beliebten Zielen. Die polnische Gesellschaft zieht nach Westen, auf der Suche nach einem besseren Leben und mehr Wohlstand für die eigene Familie.
Zwei Jahrzehnte schnellen Wirtschaftswachstums, steigender Löhne und ein Rückgang der Arbeitslosenquote auf einen der niedrigsten Werte innerhalb der EU haben den Migrationstrend inzwischen umgekehrt. So wie die Polen einst massenhaft ihre Heimat verließen, kehren sie heute häufiger zurück. Gleichzeitig entscheiden sich weniger Menschen dafür, Polen zu verlassen.
Auf Grundlage von Eurostat sowie den nationalen Statistikämtern wurden Migrationsdaten für neun europäische Staaten zusammengetragen, die zu den wichtigsten Zielländern polnischer Auswanderer gehören. Erfasst werden Menschen, die ihren gewöhnlichen Wohnsitz für mindestens zwölf Monate in ein anderes Land verlegen. Der Wanderungssaldo wird aus polnischer Perspektive berechnet: Von der Zahl der Einreisen nach Polen wird die Zahl der Ausreisen abgezogen. Die jüngsten Daten beziehen sich auf 2025. Wo diese noch nicht vorlagen, wurden die Zahlen des Vorjahres verwendet.
Dabei ist zu beachten, dass die nationalen Statistikämter unterschiedliche Register und Methoden verwenden. Daten nach vorherigem und anschließendem Wohnsitzland erfassen zudem nicht immer die Staatsangehörigkeit der Migranten. Die Zahlen zeigen daher die Richtung der Wanderungsbewegungen. Nicht jede Einreise aus dem Ausland bedeutet jedoch zwangsläufig, dass ein polnischer Staatsbürger in seine Heimat zurückkehrt.
Im Jahr 2025 kamen 83.700 Menschen aus Deutschland nach Polen, während 66.800 Menschen in die entgegengesetzte Richtung zogen. Daraus ergibt sich ein Saldo von fast 17.000 Personen zugunsten Polens. Das ist der höchste Wert in der untersuchten Datenreihe von 1998 bis 2025. Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts stieg die Zahl der Zuzüge aus Deutschland um 153,3 Prozent und damit auf mehr als das Zweieinhalbfache. Gleichzeitig sank die Zahl der Fortzüge nach Deutschland um fast 33 Prozent.
Ähnlich entwickelt sich die Situation im Verhältnis zu Großbritannien und den Niederlanden, auch wenn die Wanderungsbewegungen dort deutlich kleiner ausfallen. Der Saldo mit Großbritannien lag 2024, dem jüngsten Jahr mit vergleichbaren Daten, bei 338 Personen. Aus Polen zogen 2.200 Menschen fort, während fast 2.600 Menschen aus Großbritannien nach Polen kamen.
Der Wanderungssaldo mit den Niederlanden erreichte 2025 insgesamt 186 Personen. 18.900 Menschen zogen aus Polen in die Niederlande, rund 19.000 kamen in die entgegengesetzte Richtung. Es war das erste Jahr, in dem der Saldo gegenüber den Niederlanden positiv ausfiel. Einen positiven Wanderungssaldo verzeichnete Polen auch gegenüber Österreich mit plus 960 Personen und Belgien mit plus 858 Personen.
Polens Wirtschaft macht die Rückkehr attraktiver
Ein etwas anderes Bild liefern die Statistiken des polnischen Statistikamtes GUS zur Migration mit dauerhaftem Wohnsitzwechsel. Sie beruhen auf den Anmeldungen von Menschen, die aus dem Ausland nach Polen ziehen, sowie den Abmeldungen von Personen, die das Land verlassen. Deshalb erfassen sie nicht sämtliche tatsächlichen Umzüge und lassen sich nicht unmittelbar mit den zuvor beschriebenen Wanderungsbewegungen mit einer Aufenthaltsdauer von mindestens zwölf Monaten vergleichen. Sie ermöglichen jedoch, die langfristige Entwicklung anhand einer einheitlichen Datenreihe nachzuvollziehen.
In dieser Statistik brachte das Jahr 2025 sowohl die höchste Einwanderung als auch den höchsten positiven Wanderungssaldo der gesamten Datenreihe von 1966 bis 2025. Der Saldo erreichte 10.900 Personen. Innerhalb eines Jahrzehnts stieg die Einwanderung um 63,4 Prozent, während die Auswanderung um 49,2 Prozent zurückging.
Für den positiven Wanderungssaldo bei dauerhaften Wohnsitzwechseln sind sowohl zurückkehrende Polen als auch ausländische Staatsbürger verantwortlich. Ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch erheblich. Nach Angaben des GUS stellten polnische Staatsbürger 2024 insgesamt 56,3 Prozent der Einwanderer. Der Wanderungssaldo polnischer Staatsbürger lag bei plus 1.016 Personen, während der Gesamtsaldo plus 9.301 erreichte.
Damit entfielen rund 89 Prozent des gesamten positiven Wanderungssaldos auf ausländische Staatsbürger. Gleichzeitig bestätigt der positive Saldo unter polnischen Staatsbürgern, dass inzwischen mehr Polen in ihre Heimat zurückkehren, als das Land verlassen.
Nahezu unabhängig davon, welche Daten betrachtet werden, ist der Wanderungssaldo entweder positiv, bewegt sich um die Nulllinie oder nähert sich dieser schrittweise an. Die Wanderungsbilanz verschiebt sich immer deutlicher zugunsten Polens. Auch die Zahlen zu polnischen Staatsbürgern bestätigen, dass die Rückkehr inzwischen die Auswanderung überwiegt.
Im Jahr 2024 überstieg die Differenz zwischen Einwanderung und Auswanderung polnischer Staatsbürger 1.000 Personen. Das war eines der höchsten Ergebnisse seit 2012. Lediglich 2019 wurde mit plus 1.222 Personen ein etwas höherer Saldo verzeichnet.
Warum kehren die Polen zurück? Die einfachste Antwort lautet: Weil eine Rückkehr nicht mehr zwangsläufig mit einer deutlichen Verschlechterung des Lebensstandards verbunden ist. Polen bietet weiterhin keine mit Deutschland, den Niederlanden oder Irland vergleichbaren Gehälter. Doch der Abstand beim Wohlstand ist deutlich kleiner geworden.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner stieg unter Berücksichtigung der Preisunterschiede von 52 Prozent des EU-Durchschnitts im Jahr 2005 auf 79 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig nahm das reale Haushaltseinkommen pro Einwohner zwischen 2004 und 2024 um 91 Prozent zu.
Wer Wohnkosten, Kinderbetreuung und alltägliche Lebenshaltungskosten berücksichtigt, stellt fest, dass ein westliches Gehalt nicht mehr zwangsläufig einen so großen finanziellen Vorteil bietet wie noch vor zehn oder 15 Jahren. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit in Polen von rund 20 Prozent zum Zeitpunkt des EU-Beitritts auf einen der niedrigsten Werte Europas gesunken. Der Arbeitskräftemangel hat zudem die Beschäftigungssicherheit und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer gestärkt.
Wirtschaftliche Faktoren erklären die Entwicklung allerdings nicht vollständig. Die Menschen, die nach dem EU-Beitritt Polen als Zwanzigjährige verlassen haben, sind heute häufig 40 oder 50 Jahre alt. Sie haben Familien gegründet, ziehen Kinder groß und ihre in Polen lebenden Eltern benötigen zunehmend Unterstützung.
Migrationsstudien zeigen, dass gerade familiäre und soziale Bindungen besonders häufig eine Rückkehrentscheidung auslösen. Die gute wirtschaftliche Lage sorgt wiederum dafür, dass eine solche Entscheidung finanziell möglich wird und nicht zwangsläufig bedeutet, auf wirtschaftliche Sicherheit verzichten zu müssen.
Aus denselben Gründen nimmt auch die Bereitschaft zur erstmaligen Auswanderung ab. Junge Polen treten heute nicht mehr mit der Aussicht auf Massenarbeitslosigkeit in den Arbeitsmarkt ein. Eine Auswanderung ist immer seltener der einzige Weg, wirtschaftliche Stabilität zu erreichen.
Aus einer Massenstrategie einer ganzen Generation wird die Emigration zunehmend zur Entscheidung bestimmter Gruppen. Dazu gehören etwa Fachkräfte, die eine internationale Karriere anstreben, sowie Menschen, die in ihrer Heimatregion weiterhin keine passenden beruflichen Möglichkeiten finden.
Deutschland und Polen: Der veränderte Wanderungssaldo hat wirtschaftliche Bedeutung
Polen ist schlicht zu einem guten Ort zum Leben geworden. Das zeigt unter anderem der von Eurostat veröffentlichte Indikator zur allgemeinen Lebenszufriedenheit. Im Jahr 2024 bewerteten die Polen ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von null bis zehn durchschnittlich mit 7,6 Punkten. Der EU-Durchschnitt lag bei 7,2 Punkten. Der Indikator ist subjektiv und hängt unter anderem von der familiären, gesundheitlichen und finanziellen Situation ab. Dennoch ergänzt er das Bild, das sich aus Wirtschafts- und Migrationsdaten ergibt.
Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant, weil die deutsch-polnischen Wanderungsbewegungen unter den betrachteten Ländern die größte Größenordnung erreichen. 2025 kamen 83.700 Menschen aus Deutschland nach Polen, während nur 66.800 Menschen von Polen nach Deutschland zogen. Noch vor wenigen Jahren war die Bilanz umgekehrt. Damit verliert Deutschland zumindest in dieser Wanderungsstatistik seine frühere Rolle als eindeutiges Nettoziel der Migration aus Polen.
Für den deutschen Arbeitsmarkt ist dieser Trend vor allem deshalb von Interesse, weil Polen über viele Jahre eines der wichtigsten Herkunftsländer von Arbeitskräften aus der EU war. Aus den vorliegenden Migrationsdaten allein lässt sich allerdings nicht ableiten, welche Branchen in Deutschland besonders betroffen sind oder welche Qualifikationen die Zu- und Fortziehenden besitzen. Eine solche Aussage wäre ohne zusätzliche Arbeitsmarktdaten nicht belastbar. Klar erkennbar ist jedoch, dass sich das wirtschaftliche Gefälle zwischen beiden Ländern verringert und damit ein zentraler Anreiz für die Migration von Polen nach Deutschland schwächer geworden ist.
Kaum etwas beschreibt den gegenwärtigen Migrationstrend der Polen daher besser als das bekannte und beliebte Sprichwort: „Überall ist es schön, aber zu Hause ist es am schönsten.“

