Politik

Jan Christian Kaack: Marineinspekteur der Bundeswehr warnt vor russischer Schattenflotte und Drohnenkrieg

Die russische Bedrohung in der Ostsee bleibt hoch, zugleich stellt sich die Deutsche Marine personell und technisch neu auf. Kurz vor seinem Abschied zieht Jan Christian Kaack, Marineinspekteur der Bundeswehr, Bilanz. Doch reichen bessere Aufklärung, mehr Personal und moderne Drohnen für die kommenden Konflikte?
28.08.2026 08:46
Aktualisiert: 28.08.2026 08:46
Lesezeit: 3 min
Jan Christian Kaack: Marineinspekteur der Bundeswehr warnt vor russischer Schattenflotte und Drohnenkrieg
Für Vizeadmiral Jan Christian Kaack, Inspekteur der Marine, verhält sich der Kreml "aggressiv auf See". (Bild: dpa) Foto: Marcus Brandt

Marineinspekteur Jan Christian Kaack warnt vor russischer Schattenflotte und Drohnenkrieg

Kurz vor seinem Abschied von der Spitze der Deutschen Marine warnt Marineinspekteur Jan Christian Kaack vor einer anhaltend hohen Gefahr in der Ostsee, das berichten schwaebische.de und n-tv. Der Vizeadmiral sieht zugleich Fortschritte bei Aufklärung, Personal und Modernisierung. Seine Bilanz nach vier Jahren zeigt, wie grundlegend sich Auftrag und Ausrüstung der Seestreitkräfte seit Beginn des Ukraine-Kriegs verändert haben.

Russland trete "aggressiv auf See, durch das Ausspähen von Stützpunkten und Einheiten, durch Einschüchterungs- und Sabotageversuche, Drohnenüberflüge sowie den Einsatz der Schattenflotte in der Ostsee" auf, sagte Jan Christian Kaack in Berlin. Moskau schütze die Schiffe der Schattenflotte inzwischen mit Marineschiffen oder bewaffneten Wachteams an Bord. Das binde jedoch Kapazitäten: "Das nutzt eine Marine, die auch nicht unendliche Ressourcen hat, auch in einem gewissen Maße ab."

Zur Schattenflotte zählen Tanker und Frachter, mit denen Russland Sanktionen und den westlichen Preisdeckel für Ölexporte in Drittstaaten umgehen will. Die Schiffe fahren unter fremder Flagge, deaktivieren nach westlichen Angaben ihr automatisches Identifizierungssystem oder übertragen ihre Ladung auf See auf andere Tanker.

Jan Christian Kaack fordert mehr Drohnen für die Ostsee

Deutschland und seine Verbündeten verbinden inzwischen Daten von Schiffen, Flugzeugen, Küstenradaren und Satelliten. Dadurch sank die Zeit zur Erkennung von Auffälligkeiten von 17 Stunden auf eine Stunde. Der Marine-Inspekteur sieht freie Seewege dennoch keineswegs als selbstverständlich an. Die Entwicklungen im Nahen Osten, im Roten Meer und im Persischen Golf belegten die Risiken. "Internationales Krisen- und Konfliktmanagement muss total neu gedacht werden", sagte Jan Christian Kaack. Für Verbraucher gelte: "no shipping, no shopping".

Der Schwerpunkt liegt wieder auf der Landes- und Bündnisverteidigung an der Nordflanke der Nato. Besonders die Ostsee könnte im Krisenfall zur militärischen Lebensader für Soldaten, Munition, Versorgungsgüter und Verwundetentransporte werden. Marineinspekteur Jan Christian Kaack erwartet dort eine Entwicklung wie in der Ukraine und im Schwarzen Meer: "In der Ostsee werden wir genau das Gleiche sehen, was wir jetzt in der Ukraine und im Schwarzen Meer sehen." Dafür brauche die Marine "Unmengen an Drohnen" und müsse "viel, viel stärker Unbemannt gehen".

Sein Konzept bleibt dennoch hybrid. Unbemannte Technik soll Besatzungen aus gefährlichen Aufgaben heraushalten, bemannte Schiffe aber nicht verdrängen. Sie "ergänzen bemannte Systeme. Sie ersetzen sie aber nicht." Auf dem Atlantik sollen Schiffe weiterhin mit Hubschraubern, U-Booten, Aufklärern und autonomen Systemen zusammenarbeiten. Bei der Minenabwehr bleiben neben Technik und Minenjagdbooten auch Minentaucher gefragt; die Kampfschwimmer sollen wachsen.

Tausende neue Kräfte für die Deutsche Marine

Beim Personal meldet Jan Christian Kaack eine Trendwende. "Beim Personal ist die Kehrtwende geschafft", sagte er. Seit 2024 stieg die Zahl der Soldatinnen und Soldaten in Ausbildung um mehr als 1000, rund 4000 befinden sich inzwischen in Ausbildung. 2025 erreichten die Grundausbildungen den höchsten Stand seit 2018; im Juli dieses Jahres lag die Marine bereits auf dem Niveau, das 2025 erst zum Jahresende erreicht worden war. "In 2026 erwarten wir 3000 Menschen mehr in der Marine, die selbstverständlich auch nachhaltig aufgenommen und ausgebildet werden müssen", sagte er. Mehr als 250 freie Dienstposten wurden in diesem Jahr besetzt.

Erstmals seit fast zehn Jahren wächst damit die Seestreitkraft wieder. Von den zwei für einen möglichen Minenräumeinsatz in der Straße von Hormus entsandten Schiffen bleibt das Minenjagdboot "Fulda" zunächst im Mittelmeer und wechselt die Besatzung. Der Tender "Mosel" wird über mehrere Stationen zurückverlegt und bei Bedarf ersetzt.

MEKO A-200 ersetzt gescheitertes F126-Projekt

Materiell kommen P-8-Poseidon-Seefernaufklärer, Sea-Tiger-Hubschrauber, neue U-Boote, Flottendienstboote und unbemannte Systeme hinzu. Nach dem Ende des F126-Projekts im Juni sollen statt sechs Großfregatten zunächst vier MEKO A-200 von TKMS beschafft werden. Die erste ist für 2029 vorgesehen. Der kalkulierte Stückpreis stieg von knapp einer Milliarde Euro auf rund 1,6 Milliarden Euro. Eine große unbemannte Unterwassereinheit wurde innerhalb eines Jahres nach der Erprobung eingeführt.

Der 63-Jährige scheidet in wenigen Wochen aus, ein Jahr früher als geplant. Nachfolger wird Konteradmiral Wilhelm Tobias Abry. Der Marine-Inspekteur war im März 2022 ins Amt gekommen und hatte damals befohlen: "Alles was schwimmt, geht raus." Heute fällt die Bilanz von Jan Christian Kaack vorsichtig positiv aus – auch wenn Personal für ihn "immer eine Wette auf die Zukunft" bleibt.

Fortschritte unter wachsendem Druck

Die Deutsche Marine hat seit 2022 wichtige Schritte vollzogen: Ihre Aufklärung arbeitet schneller, die Personalzahlen entwickeln sich positiv und neue Technik erreicht die Truppe. Gleichzeitig verschärfen bewaffnete Schattenflotten, Sabotageversuche und Drohnen die Lage in der Ostsee. Jan Christian Kaack hinterlässt deshalb keine abgeschlossene Zeitenwende, sondern eine Marine mitten im Umbau. Bemannte Schiffe und unbemannte Systeme müssen künftig wirksam zusammenspielen, während freie Seewege geschützt und neue Soldaten ausgebildet werden. Die geplanten Fregatten zeigen zudem, wie teuer die Modernisierung wird. Entscheidend bleibt, ob Personalaufbau, Beschaffung und technologische Anpassung schnell genug mit der wachsenden Bedrohung Schritt halten können.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

DWN
Politik
Politik Kanada offen für EU-Vorschlag - Trump reagiert mit Drohungen
17.09.2026

Kanada rückt näher an die EU – und Donald Trump reagiert mit einer deutlichen Warnung. Der US-Präsident droht mit hohen Zöllen, falls...

DWN
Technologie
Technologie Blackout? Was die Hitze mit unserem Stromnetz macht
17.09.2026

Hitze, Dürre und wenig Wind könnten Deutschlands Stromsystem künftig gleichzeitig belasten. Noch droht kein Blackout – doch die...

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Zinsentscheid: Höhere Zinsen treffen auch Deutschland
17.09.2026

Die Fed dreht wieder an der Zinsschraube und macht klar, dass weitere Erhöhungen folgen könnten. Das verteuert Kredite, setzt Aktien und...

DWN
Finanzen
Finanzen Platzt die KI-Blase aufgrund des überhitzten Anleihemarktes?
17.09.2026

Ist der KI-Boom nur ein überzogener Hype? Wann ziehen die Investoren die Bremse - oder werden alle Erwartungen an die Einnahmen durch...

DWN
Finanzen
Finanzen Bilfinger-Aktie bricht ein: 1.500 Stellen gefährdet
17.09.2026

Die Bilfinger-Aktie stürzt ab, nachdem der Konzern seine Prognose erneut senkt und bis zu 1.500 Stellen streicht. Für die Bilfinger-Aktie...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt kühlt ab: Bauzinsen durchbrechen neue Marke
17.09.2026

Ob Eigenheim oder Wohnung: Viele Menschen wollen in die eigenen vier Wände. Doch stark steigende Bauzinsen machen für viele die Rechnung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zweite Meerenge Bab al-Mandab zu: Dieselpreis schon jetzt auf Rekordhoch
17.09.2026

Die Huthi haben die strategisch wichtige Insel Perim im Bab al-Mandab erobert und ihre Stellungen an der Meerenge ausgebaut. Neben der...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Erholung nach dem Fed-Schock – doch Dollar und Zinsen bremsen
17.09.2026

Der Goldpreis holt nach heftigen Ausschlägen wieder auf. Doch die erste US-Zinserhöhung seit drei Jahren verändert das...