KI-Blase: Tech-Aktien ziehen trotz wachsender Zweifel wieder an
Die Sorgen vor einer KI-Blase an den Aktienmärkten nehmen zu. Gleichzeitig steigen jedoch auch die Kurse der großen Technologieunternehmen wieder. Der Appetit der Anleger erweist sich bislang als stärker als ihre Zweifel. Das berichten unsere Kollegen von Investoru Klubs.
Die Aktien der großen Technologiekonzerne hatten bereits seit Beginn des Sommers ihre klare Richtung verloren. Nach der gewaltigen Investitionsparty rund um Künstliche Intelligenz im Frühjahr begannen sich viele Marktteilnehmer zu fragen, ob die Euphorie nicht inzwischen zu weit gegangen ist.
Entsprechend angespannt blickten Anleger auf den Beginn des Herbstes. Für die Aktien der sogenannten „Magnificent Seven“, also Alphabet, Amazon, Apple, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia und Tesla, machte zeitweise sogar die spöttische Bezeichnung „Lagging Seven“ die Runde.
Es ist durchaus möglich, dass zumindest ein Teil dieser Skepsis berechtigt ist. Die jüngsten Entwicklungen zeigen allerdings, dass der Wunsch der Anleger, Aktien der führenden Technologiekonzerne zu kaufen, bislang stärker bleibt als die Zweifel.
Mit Ausnahme von Amazon.com haben innerhalb eines Monats sämtliche Aktien der „Magnificent Seven“ deutlich zugelegt. Zu Beginn dieser Woche sprang die Aktie von Meta Platforms um 11,4 Prozent nach oben. Auf Monatssicht beträgt das Plus sogar 34 Prozent. Für Optimismus sorgten unter anderem die Erwartungen an das KI-Werkzeug beziehungsweise die KI-Anwendung Muse des Unternehmens.
Auch die Apple-Aktie legte innerhalb eines Monats um zehn Prozent zu.
Der gemeinsame Börsenwert der sieben Unternehmen erreichte damit erstmals seit Mitte Mai wieder einen Rekordstand.
Der Aufschwung hat zugleich dazu beigetragen, den technologielastigen US-Index Nasdaq Composite auf ein neues Allzeithoch zu treiben. Seit Jahresbeginn ist der Index um 16,7 Prozent gestiegen. Auch der Standard & Poor's 500 befindet sich in unmittelbarer Nähe eines neuen Rekordstands.
Damit lässt sich derzeit erneut feststellen: Während die Warnungen lauter werden, zieht die Aktienkarawane weiter. Wer konsequent auf einen großen Einbruch gesetzt hat, wurde bislang nicht belohnt.
Anlegerhunger übertrumpft die Angst vor der KI-Blase
Investoren werden weiterhin dafür belohnt, Aktien großer Technologieunternehmen einfach zu halten. Zwar lässt sich argumentieren, dass sich das Wachstum inzwischen abgeschwächt hat. Gleichzeitig können Anleger zwischenzeitliche Kursrückgänge nutzen, um Aktien solcher Unternehmen günstiger einzusammeln.
Zuletzt häuften sich die Zweifel an den enormen Ausgaben für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig haben selbst die Leiter führender KI-Labore darüber diskutiert, dass die Technologie für die Menschheit existenzielle Risiken bedeuten könnte.
Bislang ist der Hunger der Investoren jedoch stärker. Die neue Nachfrage nach KI-Investments überschattet in diesem Monat die Sorgen über Kosten und Sicherheit.
Historisch zählt der September häufig zu den Monaten, in denen Investoren ihre Bereitschaft zur Risikoübernahme überdenken. In diesem Jahr scheint dies bislang nicht geschehen zu sein, auch wenn der September noch nicht beendet ist.
Die Aktienkurse der größten Unternehmen der Welt steigen zudem, obwohl der Ölpreis wieder über 100 US-Dollar je Barrel liegt. Gleichzeitig erhöhen Zentralbanken angesichts des zunehmenden Preisdrucks ihre Zinsen.
Eine mögliche Schlussfolgerung lautet deshalb: Die Marktteilnehmer sehen am Ende des Tunnels trotz aller Unsicherheiten weiterhin Licht. Oder sie wollen dieses Licht zumindest unbedingt sehen.
Besonders stark greifen Anleger bei Apple und Meta Platforms zu. Beide Unternehmen galten bislang als Nachzügler im Wettbewerb um Künstliche Intelligenz.
Auch Advanced Micro Devices hat nach der Orientierungslosigkeit des Sommers kräftig zugelegt. Innerhalb eines Monats sprang die Aktie um 30 Prozent nach oben. Auf Sicht von zwölf Monaten beträgt das Plus fast 300 Prozent.
KI-Blase erkennen heißt nicht, ihren Absturz vorhersehen zu können
Natürlich lässt sich argumentieren, dass sich an den Märkten eine Blase gebildet hat. Der legendäre Kommentator des "Wall Street Journal", Jason Zweig, erkennt bei Vermögenspreisblasen durchaus erhebliche Gefahren. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die Annahme einer Blase sogar gefährlicher sein kann, wenn tatsächlich gar keine existiert.
Anleger lassen sich regelmäßig von der Vorstellung erschrecken, dass sich eine gewaltige Preisblase aufbaut und anschließend platzt. Genau diese Angst kann jedoch zu einem der größten Anlagefehler überhaupt führen: gar nicht oder zu wenig zu investieren.
Verschiedene Anlegerbefragungen zeigen traditionell, dass Investoren einem unmittelbar bevorstehenden allgemeinen Finanz- oder Börsencrash eine unverhältnismäßig hohe Wahrscheinlichkeit beimessen. Historische Daten zeigen dagegen, dass extrem zerstörerische Blasen, die große Vermögenswerte vernichten, deutlich seltener auftreten.
James Mackintosh, ebenfalls Kommentator beim „Wall Street Journal“, formuliert es so:
„Amerika ist hervorragend darin, Aktienmarktblasen zu erzeugen und sie anschließend zu ignorieren.“
Er weist darauf hin, dass selbst die zuletzt nachlassende Euphorie bei Aktien mit KI-Bezug durch steigende Kurse in anderen Bereichen des Marktes relativ gut ausgeglichen wurde.
Dieses Muster kennzeichne nahezu den gesamten, weitgehend kontinuierlichen Börsenaufschwung seit der Finanzkrise von 2008. Immer wieder habe es größere oder kleinere Kursrückgänge in einzelnen Teilen des Marktes gegeben. Bislang habe jedoch nichts den nahezu ununterbrochenen Aufwärtstrend des Gesamtmarktes dauerhaft gestoppt.
Mackintosh räumt allerdings ein, dass eines Tages tatsächlich eine Blase platzen könnte, die groß genug ist, um den gesamten Markt zu Boden zu ziehen. Die entscheidende Frage lautet jedoch, wie produktiv der Versuch ist, diesen Zeitpunkt vorherzusagen.
Nur weil etwas als „Blase“ bezeichnet wird, bedeutet das noch lange nicht, dass sie unmittelbar platzen muss. Blasen können deutlich größer werden und wesentlich länger bestehen bleiben, als selbst diejenigen erwarten, die sie korrekt erkannt haben.
Eine Blase kann zudem eine starke Eigendynamik entwickeln. Ihr Wachstum treibt Investitionen und Gewinne weiter nach oben, die ursprünglich zur Entstehung der Blase beigetragen haben. Dadurch fühlen sich die Befürworter des Aufschwungs in ihren Annahmen bestätigt. Skeptiker verlieren dagegen sowohl an Einfluss als auch an Überzeugung.
Mackintosh beschreibt das Risiko folgendermaßen:
„Spielt das überhaupt eine Rolle? Es gibt zwei Aspekte, die Anlass zur Sorge geben. Erstens war das Platzen riesiger Blasen für die Wirtschaft häufig katastrophal. Man denke an 1929 oder 2008. Zweitens saugen Blasen Kapital von Investoren auf und fördern dessen Fehlallokation, wodurch sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt.“
Die kleineren Blasen der vergangenen Jahre hätten das Wachstum nicht zerstört, weil sie größtenteils nicht mit Fremdkapital finanziert worden seien. Als sie platzten, verloren Investoren Geld. Das Finanzsystem selbst blieb jedoch intakt.
Angesichts der gewaltigen Summen, die inzwischen in Künstliche Intelligenz fließen, bewege sich der Markt nach Einschätzung von Mackintosh nun in gefährlicheres Terrain.
Schätzungen zufolge sollen in den kommenden vier Jahren 7 Billionen US-Dollar in Rechenzentren investiert werden. Sollte der Produktivitätszuwachs nicht groß genug sein, um diese Ausgaben zu rechtfertigen, könnte eine solche Summe der Wirtschaft erheblich schaden.
Zudem steigt die Nutzung von Fremdkapital. Sollte sich die gesamte KI-Branche tatsächlich als KI-Blase erweisen, könnte ein Einbruch deshalb nicht nur Aktionäre treffen, sondern auch das Finanzsystem belasten. In diesem Fall könnte auch der breite Aktienmarkt die Folgen kaum ignorieren.
Für deutsche Anleger stellt sich damit dieselbe grundsätzliche Frage wie für Investoren in den USA: Entscheidend ist weniger, ob einzelne Marktbeobachter bereits heute eine KI-Blase erkennen wollen, sondern wie stark Unternehmen, Kapitalmärkte und Finanzierungen von dauerhaft hohen Erwartungen an Künstliche Intelligenz abhängig werden.

