VW-Aktie: Belastungstest für Anleger
Die VW-Aktie ist am Donnerstag im frühen Frankfurter Börsenhandel in die Verlustzone gerutscht. Auf XETRA büßte das Papier des Wolfsburger Autobauers kurz nach Handelsstart annähernd ein Prozent ein. Im weiteren Handelsverlauf gingen die Verluste zurück, gegen 9:30 Uhr zeigte sich die VW-Aktie noch 0,1 Prozent schwächer bei 68,98 Euro.
Volkswagen ist im dritten Quartal durch eine milliardenschwere Abschreibung auf Porsche, schwache China-Geschäfte und Aufwendungen für den Konzernumbau tief in die Verlustzone gerutscht. Zwischen Juli und September betrug das Konzernergebnis nach Steuern rund minus 5,82 Milliarden Euro, teilte der Automobilhersteller mit. Bereits im entsprechenden Vorjahresquartal hatte VW einen Verlust ausgewiesen, seinerzeit gut 1,07 Milliarden Euro. Ausschlaggebend waren diesmal Sondereffekte über 7,8 Milliarden Euro. Zusätzlich drückten laut Konzern das schwierige Marktumfeld in China, wachsender weltweiter Preis- und Wettbewerbsdruck, US-Zölle und ein höherer Verkaufsanteil margenschwächerer Elektroautos auf das Ergebnis. Im dritten Quartal verringerte sich der Konzernumsatz um 6,3 Prozent auf rund 75,28 Milliarden Euro.
Porsche-Abschreibung drückt operativen Gewinn
Eine besonders hohe Belastung entsteht durch die Abschreibung auf den Firmenwert des Sportwagen- und Geländewagenherstellers Porsche. Nach Konzernangaben beträgt sie rund 6,4 Milliarden Euro. Zwar führt die Wertberichtigung zu keinem Geldabfluss, sie schmälert jedoch erheblich das operative Ergebnis. Dahinter stehen gesunkene Erwartungen für die weitere Geschäftsentwicklung der Stuttgarter Konzerntochter.
Schon im Vorjahr zählten die Schwierigkeiten bei Porsche zu den wesentlichen Ursachen des Quartalsverlusts. Die frühere Gewinnperle unter den Konzernmarken befindet sich seit Längerem in einer Krise. Vor allem das eingebrochene China-Geschäft, die amerikanische Zollpolitik und Änderungen an der Elektrostrategie belasteten die Luxusmarke. Zuletzt zeigten die Porsche-Geschäftszahlen allerdings eine Stabilisierung.
Konzernumbau verursacht weitere Milliardenkosten
Zusätzlich belastet eine weitere Wertberichtigung bei Gesellschaften in China, die ebenfalls keinen Geldabfluss verursacht. Ihr Umfang liegt bei rund einer Milliarde Euro. Auch der geplante Verkauf des Osnabrücker Werks an Finanzinvestor Aurelius und das Land Niedersachsen wirkt sich nach VW-Angaben negativ aus. Die beiden Käufer wollen den Standort für Rüstung ausrichten. Noch nicht enthalten sind zusätzliche Sonderaufwendungen für erweiterte Vorruhestandsregelungen im Rahmen des 2024 beschlossenen Stellenabbaus. Diese sollen früheren Angaben zufolge ebenfalls im zweiten Halbjahr anfallen.
Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Volkswagen-Konzern insgesamt mit Sonderkosten von rund 10 Milliarden Euro. Bereits erfasst wurden 8,7 Milliarden, darunter 900 Millionen im ersten Halbjahr. Damit droht Europas größtem Automobilhersteller das erste Verlustjahr seit dem Dieselskandal: Nach neun Monaten stand beim Konzernergebnis nach Steuern ein Minus von 2,72 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor hatte noch ein Überschuss von gut 3,4 Milliarden Euro gestanden. Der Umsatz erreichte in diesem Zeitraum rund 233,4 Milliarden Euro (minus 2,2 Prozent).
Finanzchef fordert rasches Handeln
Bereinigt um die Sondereffekte hätte Volkswagen im laufenden Geschäft 8,8 Milliarden Euro Gewinn erzielt. Daraus hätte sich eine operative Umsatzrendite von 3,8 Prozent ergeben. Finanzvorstand Arno Antlitz erklärte: "Das Neunmonats-Ergebnis zeigt deutlich: Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen schnell und entschlossen handeln." Der Zukunftsplan 2030 lege die wesentlichen Maßnahmen fest. Vorgesehen seien ein gestrafftes Modellangebot, vereinfachte Strukturen und eine verbesserte Kostensituation.
Mit seinem Plan will der Vorstand Einsparungen von 31 Milliarden Euro erreichen. Zugleich sollen die Produktionskapazitäten weiter zurückgehen. Das gefährdet rechnerisch zusätzliche 50.000 Arbeitsplätze im gesamten Konzern. Bereits vereinbart ist ohnehin, bis zum Ende des Jahrzehnts 50.000 Stellen abzubauen. Im November starten bei der Kernmarke Verhandlungen mit den Arbeitnehmern, bei denen auch diese Vorhaben Thema sein werden. Weltweit zählte der Konzern am 30. September 614.500 Beschäftigte, gegenüber etwa 628.900 Ende 2025.
Fahrzeugauslieferungen sinken weiter deutlich
Auch das operative Geschäft liefert derzeit keine Entlastung. Zwischen Juli und September übergab VW 1,89 Millionen Fahrzeuge an Kunden, fast 14,3 Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Besonders angespannt bleibt die Situation auf dem bedeutenden chinesischen Automarkt. Im dritten Quartal setzten die Wolfsburger dort knapp 406.000 Fahrzeuge ab (minus 38,5 Prozent). Konzernweit lieferten die Marken bis Ende September gut 6 Millionen Fahrzeuge aus. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Rückgang um 9,0 Prozent oder rund 600.000 Fahrzeuge.
Der kräftige Zuwachs bei Elektroautos in Europa hilft Volkswagen in der gegenwärtigen Lage bei der Profitabilität ebenfalls nur bedingt. "Der Markterfolg unserer Elektrofahrzeuge setzt unser Ergebnis zusätzlich unter Druck, weil wir mit Elektroautos heute noch weniger verdienen als mit Verbrennern", erklärte Antlitz der Mitteilung zufolge. In Europa fuhr in den ersten neun Monaten jedes fünfte ausgelieferte Auto rein elektrisch. Zugleich steigen die Auftragseingänge weiter. Für die vollelektrische Kleinwagenfamilie rund um den ID. Polo waren zuletzt allein 150.000 Bestellungen eingegangen.
Volkswagen senkte Gewinnprognose bereits im September
Schon Mitte September hatte die Konzernführung um Vorstandschef Oliver Blume ihre Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr deutlich zurückgenommen. Als operativer Gewinn soll vom Umsatz dieses Jahr maximal noch ein Prozent verbleiben. Zuvor hatte Volkswagen mit einer Bandbreite von 4,0 bis 5,5 Prozent gerechnet. Im Jahr 2025 lag die operative Umsatzrendite bei 2,8 Prozent. Für 2026 wird ein Umsatz von rund 315 Milliarden Euro angestrebt. Damit läge er mittig innerhalb der bereits im Juli reduzierten Prognosespanne. Im Vorjahr hatte der Konzern 321,9 Milliarden Euro Umsatz erzielt.
VW-Aktie: Drei Kennzahlen, die Anleger beachten sollten
Erstens ist die operative Marge wichtig. Sie zeigt, wie viel vom Umsatz nach operativen Kosten übrig bleibt. Einmalige Effekte sollten dabei vom laufenden Geschäft getrennt werden.
Zweitens zählt der Netto-Cashflow des Automobilbereichs. Der Konzern muss neue Modelle finanzieren, seine Werke anpassen und zugleich die Bilanz stabil halten. Ohne ausreichenden Mittelzufluss werden diese Aufgaben schwieriger.
Drittens ist der Ausblick auf die wichtigsten Absatzmärkte entscheidend. Schwächen in China können nicht ohne Weiteres durch Zuwächse in Europa kompensiert werden. Zölle, Konkurrenz und ein anspruchsvoller Technologiewandel bleiben Unsicherheitsfaktoren.
Volkswagen muss Ertragskraft und Zukunftsinvestitionen zusammenbringen
Der Milliardenverlust verdeutlicht, wie eng Volkswagens finanzieller Spielraum geworden ist. Abschreibungen erklären einen großen Teil des Minus, doch auch das laufende Geschäft steht unter Druck. Entscheidend wird deshalb, ob der Konzern seine Kosten senken und Elektroautos zugleich profitabler verkaufen kann.
Eine zusätzliche Perspektive bietet die eigene Batteriefertigung: Laut Volkswagen hat PowerCo in Salzgitter erstmals Batteriezellen vollständig in Europa entwickelt und produziert. Damit nimmt der Konzern eine Schlüsseltechnologie stärker selbst in die Hand. Für die wirtschaftliche Wende genügt dieser Schritt allein jedoch nicht. Volkswagen muss zeigen, dass aus dem Umbau bessere Margen entstehen, während Absatz und Wettbewerb weiter herausfordern.

