Finanzen

Girokonten werden teurer: Commerzbank bereitet sich mit Radikal-Umbau auf neue Krise vor

Die Führung der Commerzbank hat heute offiziell harte Einschnitte bei der Zahl der Beschäftigten und Filialen bekanntgegeben. Man bereitet sich auf den kommenden Wirtschaftsabschwung vor.
27.09.2019 09:28
Aktualisiert: 27.09.2019 09:34
Lesezeit: 3 min

Die Commerzbank steht unter dem Druck der niedrigen Zinsen und schwindender Einnahmen vor einem weiteren Radikalumbau. 4300 Stellen werden gestrichen, jede fünfte der insgesamt 1000 Filialen geschlossen, die polnische Tochter mBank verkauft und die Gebühren für Kunden erhöht, wie die Commerzbank am Donnerstag nach einer zweitägigen Sitzung des Aufsichtsrats mitteilte. Das Kontrollgremium genehmigte die in der vergangenen Woche bereits in Grundrissen vorgestellte Strategie. Vor allem wegen des schlechten Firmenkundengeschäfts kippte die Commerzbank am Donnerstag ihre Prognose für dieses Jahr und rechnet nun nicht mehr mit steigenden bereinigten Erträgen.

Nachdem die Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank im Frühjahr gescheitert waren, muss die Commerzbank nun allein einen Weg finden, um zu bestehen. Denn der Wettbewerb - angetrieben auch durch neue Konkurrenten im Internet - bleibt hart, ein Ende der Niedrigzinspolitik der EZB ist nicht in Sicht und nun drohen durch die Konjunktureintrübung auch noch steigende Kreditausfälle. Die Deutsche Bank hatte sich vor diesem Hintergrund im Juli den Abbau von weltweit sogar 18.000 Jobs verordnet - der größte Stellenabbau in der Konzerngeschichte.

Die zweitgrößte Privatbank Deutschlands legt nun nach. Mit der neuen Strategie "Commerzbank 5.0" mache sich das Institut "wetterfest", um auch in einem schwierigen Marktumfeld erfolgreich zu sein, sagte Konzernchef Martin Zielke. "Wir verringern unsere Kostenbasis deutlich. Gleichzeitig investieren wir kräftig in den Vertrieb und eine schnellere Digitalisierung."

WAS WIRD AUS DEM "KOSTENLOSEN" GIROKONTO?

Künftig setzt die Bank noch stärker auf das Online- und Smartphone-Banking. Das Filialnetz bleibe aber eine feste Säule der Commerzbank. Die Kunden müssen sich auf höhere Gebühren einstellen. Die Bank kündigte eine neue Preisstrategie ein, bei dem die Kunden neben einem Basisangebot weitere Leistungen hinzubuchen können. Wie stark die Leistungen des "kostenlosen" Girokontos eingeschränkt werden, mit denen die Commerzbank seit langem auf Kundenfang ist, blieb zunächst offen. Bereits in den vergangenen Jahren hatte sie für einzelne Dienstleistungen wie beleghafte Überweisungen Gebühren eingeführt.

Zudem erhofft sich das Geldhaus, das seit Jahren unter schwindenden Erträgen leidet, höhere Einnahmen durch die verstärkte Nutzung von Daten. Durch den Rausschmiss von einer Million inaktiver Kunden und dem bereits erfolgten Verkauf der Tochter eBase mit ihren ebenfalls eine Million Kunden sinkt die Kundenzahl zunächst auf 11,1 Millionen. Auf dieser Basis wolle die Bank aber weiter wachsen und bis Ende 2023 netto mehr als eine Million Neukunden gewinnen.

Die Online-Bank Comdirect, an der die Commerzbank bislang 82 Prozent hält, übernimmt das Frankfurter Institut komplett und greift dafür tief in die Taschen. Den Minderheitsaktionären bietet sie 11,44 Euro je Comdirect-Aktie, ein Aufschlag von 25 Prozent vor der Ankündigung der Übernahmepläne vor einer Woche. Im Firmenkundengeschäft, das nicht nur unter dem Konjunktureinbruch leidet und seit Jahren unter Druck ist, hofft die Commerzbank, durch den Ausbau ihres Vertriebs mehr Geschäft zu machen.

Um Kapital für den Konzernumbau freizuschaufeln, will sich die Commerzbank dagegen von ihrer Ertragsperle mBank trennen. Sie hält rund 69 Prozent an Polens viertgrößter Bank, die an der Warschauer Börse umgerechnet rund 3,3 Milliarden Euro wert ist. Bei Analysten stießen die Pläne bereits in den vergangen Tagen auf wenig Gegenliebe: Durch den geplanten Verkauf der mBank verliere die Bank einen wichtigen Ertragsbringer und erhöhe gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom chronisch ertragsschwachen deutschen Heimatmarkt, kritisierte etwa die Ratingagentur Moody's.

UMBAU KOSTET 1,6 MILLIARDEN EURO

"Wir werden im Rahmen von Commerzbank 5.0 insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro in die Digitalisierung und in die weitere Verbesserung unserer Kosteneffizienz investieren", sagte der scheidende Finanzchef Stephan Engels. Davon verschlingen der Arbeitsplatzabbau und die Filialschließungen 850 Millionen Euro. In den nächsten Jahren streicht die Bank 4300 Vollzeitstellen, will aber gleichzeitig in strategischen Bereichen wie Vertrieb, IT und Regulatorik 2000 Jobs schaffen. Unter dem Strich werden somit rund 2300 Stellen abgebaut. Die Details will sie in den kommenden Monaten mit den Arbeitnehmervertretern ausarbeiten. Ende Juni zählte der Konzern inklusive mBank 40.700 Vollzeitstellen, Ende 2020 sollte die Zahl nach bisherigen Planung auf gut 38.000 sinken. Bis 2023 will die Commerzbank ihre Kosten um 600 Millionen Euro verringern.

Die Commerzbank befindet sich seit Jahren im Umbau und legt nun bereits das vierte Programm zum Stellenabbau seit der Fusion mit der Dresdner Bank vor einem Jahrzehnt auf. Die in ihren vorherigen Strategien herausgegeben Ertrags- und Renditeziele hat sie stets gerissen. Nun verspricht sie den Anlegern bis 2023 höhere Erträge - ohne dies genauer zu beziffern - und mittelfristig eine Eigenkapitalrendite von mehr als vier Prozent. Das ist nicht nur im internationalen Vergleich eine magere Ertragskraft. Große europäische Wettbewerber kommen bereits heute auf mehr als acht Prozent Rendite und auch die Deutsche Bank hat sich für 2022 eine Rendite von acht Prozent vorgenommen. Wegen der niedrigen Zinsen fehlen dem größten deutschen Geldhaus jedoch eingeplante Einnahmen, das Renditeziel wackelt.

Neue Finanzchefin wird spätestens zum 31. März 2020 Bettina Orlopp. Die 49-jährige bisherige Rechts- und Personalvorständin tritt die Nachfolge von Stephan Engels an, der bereits seinen Wechsel zur Danske Bank angekündigt hatte. Sabine Schmittroth zieht als Arbeitsdirektorin zum 1. Januar 2020 in den Vorstand ein, sofern die Aufsicht zustimmt. Die 54-jährige ist bei der Commerzbank bislang Bereichsvorständin Private Kunden.

Am Freitag will die Commerzbank die Pläne in aller Ausführlichkeit der Presse und Investoren präsentieren.

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