Wirtschaft

Der indische Tiger tappt in eine Kreditkrise

Indien gilt bei vielen Beobachtern als ein ambitionierter Wachstumsmarkt, der früher oder später einmal den westlichen Ländern den Rang ablaufen werde. Doch hat sich nun eine versteckte Kreditkrise ausgebreitet, die sich zu einem Flächenbrand auf dem indischen Subkontinent entwickeln könnte. Und wieder einmal trifft es die Autoindustrie besonders hart.
22.12.2019 10:00
Lesezeit: 3 min
Der indische Tiger tappt in eine Kreditkrise
Der indische Premierminister Narendra Modi (Foto: dpa). Foto: Twitter

Indien ist ein Staat, den viele Beobachter für einen ambitionierten Tigerstaat halten, welcher mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten seiner Volkswirtschaft für internationale Anleger und Investoren besonders lukrativ ist. Doch beginnt das Wachstum der indischen Wirtschaft, die weltweit mit einer jährlichen Leistung von 2,7 Billionen Dollar auf dem siebten Platz liegt, sich immer mehr zu verlangsamen.

In der jüngsten Vergangenheit hat sich zudem fast unbemerkt von der Weltpresse eine Kreditkrise ausgebreitet. Diese könnte die gesamte Wirtschaft infizieren und sich als ernstes Problem für den Subkontinent herausstellen.

So hat die US-Ratingagentur Moody’s am vergangenen Montag ihre Prognosen für das Wachstum des indischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Geschäftsjahr 2019/ 2020 gesenkt. Die Agentur geht jetzt nur noch von einem Plus von 4,9 Prozent aus. Zuvor hatten die Volkswirte von Moody’s noch mit 0,9 Prozentpunkten mehr gerechnet – also mit einer Steigerung um 5,8 Prozent. Die Analysten begründeten ihre Entscheidung damit, dass der Verbrauch der privaten Haushalte schwach ausgefallen sei.

„Obwohl wir mit einem moderaten Wachstum im kommenden Jahr rechnen, wird die Steigerung geringer als in den vergangenen Jahren ausfallen,“, erklärten die Volkswirte. „Dies wird negative Auswirkungen auf die indischen Kreditgeber in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen haben“, sagten die Experten und wiesen damit darauf hin, dass die Konsumenten immer weniger in der Lage sein werden, ihre Kredite zurückzuzahlen.

Wirtschaft wächst so langsam wie seit 23 Jahren nicht mehr

Diese Verlangsamung hatte sich schon im dritten Quartal bemerkbar gemacht, als das BIP nur noch um 4,5 Prozent zugelegt hatte. Der Grund: Der Output der Industrie war rückläufig gewesen. Zwölf Monate zuvor hatte es noch ein Wachstum um fünf Prozent gegeben. Die Steigerung im dritten Quartal war die langsamste Steigerung seit 23 Jahren.

In der Industrie leidet besonders die Autobranche – wie überall auf der Welt. So werden insbesondere die Autohändler von der schwachen Nachfrage und der geringen Zahlungsfähigkeit der Kunden belastet. „Obwohl noch kein wesentlicher Zahlungsverzug zu sehen ist, könnte sich die Kreditentwicklung verschlechtern, wenn sich die Gesamtwirtschaft für einen längeren Zeitraum weiter verlangsamt“, schrieben die Volkswirte von Moody’s.

Sehr viele faule Kredite belasten die Banken

Hintergrund: In Indien ist eine inländische Kreditkrise zu beobachten, die sich nur im Land selbst bemerkbar macht. Allerdings hat sie noch kein internationales Ausmaß angenommen wie bei früheren größeren Krisen. Das bedeutet, es gibt massive Probleme, in Indien das Geld der Sparer in Kredite umzusetzen. Besonders wichtig ist, dass die Banken derzeit sehr viele faule Kredite in ihren Portfolios haben, die überwiegend an Kunden aus der Immobilienwirtschaft vergeben worden ist.

Der Bau- und Immobiliensektor ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, der sehr eng mit anderen Schlüsselindustrien verbunden ist. Dazu gehören die Zement-, Stahl-, Metallindustrie als Lieferanten und der Kohlsektor als Energielieferant für diese Branchen, die sehr viel Energie benötigen.

Wenn die Immobilienwirtschaft massive Probleme bekommt, dann wirkt sich dies sehr schnell auf die anderen Wirtschaftszweige aus, wodurch die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Von hier aus entsteht rasch eine Art Flächenbrand, der die gesamte Ökonomie Indiens anstecken kann.

Sogar Schattenbanken bekommen massive Probleme

Da die zumeist staatlichen Banken schon länger nicht mehr in der Lage waren, neue Kredite zu vergeben, sind die Schattenbanken eingesprungen. Jetzt bekommen aber auch diese Parabanken massive Probleme. Ein weiteres wichtiges Problem ist, dass die Parabanken oft auch die Konsumkredite für den Kauf von Autos bereitstellen. Dies können sie aber auch nicht mehr leisten. Deshalb können immer weniger Kunden Autos kaufen. Das lässt sich klar an den Absatzzahlen für den September ablesen. So haben sich in diesem Monat 2019 nur rund 2,2 Millionen Inder einen Neuwagen zugelegt. Das waren ein Fünftel weniger als noch zwölf Monate zuvor.

Die Krise ist nicht zuletzt deswegen verdeckt, weil sich die indischen Börsen derzeit gut entwickeln. Niemand denkt, es könne den Indern schlecht gehen. Allerdings decken die offiziellen Statistiken über die volkswirtschaftliche Entwicklung oft nicht die Realität ab. Denn in Indien gibt es viele Wirtschaftssektoren, die ihre Geschäfte schwarz machen, ohne dass dies der Staat kontrollieren kann. Beispielsweise sind 90 Prozent der Aktivitäten der Bauindustrie illegal. Darüber hinaus nehmen die Parabanken am Finanzsektor einen spürbaren Anteil ein.

Ein weiteres Problem ist die Korruption, die sich auch auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auswirkt. Das Land befindet auf dem internationalen Index von Transparency International für 2018 auf dem 78. Rang von insgesamt 180 Staaten.

Ein angesichts der latenten Bankenkrise schwerer Fehler des indischen Premiers Narendra Modi war, 2016 alle Geldscheine mit höheren Beträgen als Zahlungsmittel aus dem Verkehr zu nehmen. Offiziell war dies eine Maßnahme, um die Korruption und den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Doch hat dies den Einzelhandel und viele Wirtschaftsaktivitäten erheblich geschädigt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Topökonom verteidigt Warsh: „Er wurde unfair behandelt“
31.08.2026

Der Markt sucht nach Signalen der amerikanischen Notenbank, nachdem Kevin Warsh als neuer Chef die Forward Guidance abgeschafft hat. Nach...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Umfrage: Deutsche Firmen bleiben bei Klimainvestitionen zurückhaltend
31.08.2026

Der klimafreundliche Umbau der deutschen Wirtschaft erfordert erhebliche Investitionen. Eine Ifo-Umfrage zeigt jedoch, dass viele...

DWN
Politik
Politik Schwarzes Meer blockiert: Jetzt rückt Polen als Getreidekorridor auf
31.08.2026

Angriffe auf Schiffe im Schwarzen Meer erhöhen die Nachfrage nach europäischen Agrargütern. In den Häfen herrscht deshalb Hochbetrieb....

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin vererben: Wenn das Testament nicht reicht
31.08.2026

Die Blockchain kennt keinen Erbschein. Wer Bitcoin, Ethereum oder andere Kryptowerte vererben will, muss auch den Zugriff sichern. Sonst...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Wirtschaftsweise Grimm nimmt Mütterrente ins Visier
31.08.2026

Veronika Grimm erhöht den Druck auf die Bundesregierung: Die Wirtschaftsweise verlangt tiefgreifende Änderungen bei mehreren...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo EX60 im Test: Ein schwedischer Triumph
31.08.2026

Der lange erwartete neue Volvo verbindet Ruhe und Vernunft mit technischer Raffinesse und souveränen Reserven. In mehreren Bereichen setzt...

DWN
Politik
Politik EU-Referendum: Island entscheidet sich gegen Brüssel – die Hintergründe
31.08.2026

Am Samstag stimmten die Isländer darüber ab, ob sie bereit sind, die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder...

DWN
Finanzen
Finanzen Zinserwartungen bewegen XRP-Kurs: XRP Ledger verliert beim Stablecoin RLUSD gegen Ethereum
31.08.2026

Der XRP-Kurs zeigt sich nach einer starken August-Rally am Montag volatil. Auf der einen Seite belasten die US-Zinserwartungen den Kurs des...