Politik
Anzeige

Südamerika: Hunger und Elend erreicht man auch ohne Krieg

Mehrere der großen Staaten Südamerikas machen vor, wie man in kurzer Zeit Wohlstand beziehungsweise Hunger und Elend erreicht. Wo es heute die größten Probleme gibt, zeigt sich deutlich anhand der Migrationsströme.
Autor
27.02.2020 09:24
Aktualisiert: 27.02.2020 09:24
Lesezeit: 4 min

In den letzten Jahren haben rund 10 Prozent der venezolanischen Bevölkerung ihr Land verlassen. Venezuela und Kolumbien gehören zu den fünf Staaten, aus denen im letzten Jahr die meisten Asylbewerber in die Europäische Union eingereist sind. Und auch die Zahl der deutschen Auswanderer nach Südamerika war zuletzt deutlich niedriger als die Zahl der Deutschen, die wieder aus den verschiedenen südamerikanischen Staaten in die deutsche Heimat zurückgekommen sind.

Dass Südamerika heute im Vergleich zu Europa, Asien oder Nordamerika insgesamt weniger erfolgreich ist, zeigt sich auch, wenn man etwa das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt zum Maßstab nimmt. Nur Uruguay und Chile erreichen laut Daten des IWF heute immerhin etwa das Niveau von Ungarn und Polen. Argentinien liegt immerhin etwa auf dem Niveau Russlands. Die anderen südamerikanischen Länder liegen unter dem weltweiten Durchschnitt. Und keines von ihnen findet sich heute unter den führenden 50 Staaten beim Pro-Kopf-BIP.

Allerdings gab es für einige der Länder Südamerikas durchaus Zeiten in der Geschichte, in denen die Welt mit Neid auf sie blickte. So hatte etwa Argentinien laut Daten des Maddison Project in den Jahren 1895 und 1896 das weltweit höchste Pro-Kopf-BIP. Das Land wurde zu einem führenden Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten wie Rindfleisch und Weizen. Sein Aufstieg im 19. Jahrhundert war auch eine Folge der starken europäischen Zuwanderung vor allem aus Spanien und Italien. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist Südamerika in seiner Entwicklung dann weit hinter Westeuropa und Nordamerika zurückgeblieben.

Südamerika zeigt eben nicht nur, wie schnell es mit einem Land wirtschaftlich bergauf gehen kann, sondern auch wie schnell es bergab geht. Darin ähnelt es durchaus Deutschland, das im Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahre zerstört wurde und anschließend aus den Ruinen wieder auferstand. In Südamerika brauchte es allerdings keinen großen Krieg, um einen schnellen wirtschaftlichen Niedergang zu bewirken. In Venezuela etwa reichte eine Mischung aus hohen Staatsdefiziten, interventionistischer Wirtschaftspolitik, massivem Gelddrucken und umfangreichen Enteignungen.

Viele Venezolaner sind zuletzt aus ihrem Land in Richtung Chile geflohen, das heute wohl das Vorzeigeland Südamerikas ist. Im Hinblick auf Wirtschaft, Infrastruktur und Lebensweise erreicht es durchaus europäische Standards. Allerdings sind die Unruhen seit Oktober ein Grund zur Sorge. Denn die Proteste richten sich unter anderem gegen die marktwirtschaftlichen Reformen aus der Zeit der Pinochet-Diktatur – also genau gegen jene Reformen, die Chile zum wirtschaftlich erfolgreichsten Land Südamerikas gemacht haben. Es ist ja auch durchaus schwer zu akzeptieren, dass der verhasste General Augusto Pinochet die Grundlage für den heutigen chilenischen Wohlstand geschaffen haben soll. Doch so war es.

Im August 1973 bat das chilenische Parlament mit zwei Dritteln der Stimmen das Militär um Hilfe, weil der amtierende Präsident Salvador Allende seiner Meinung nach die Verfassung missachtete und die Demokratie zerstörte. Nach Ansicht der Abgeordneten wollte Allende mit Unterstützung aus Kuba und der Sowjetunion eine kommunistische Diktatur errichten. Er ruinierte die Wirtschaft des Landes durch die Verstaatlichung von Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben sowie durch massives Gelddrucken. Zudem ermordeten von Allende unterstützte Gruppen dessen politische Gegner. General Pinochet, der von Allende eingesetzt worden war, kam dem Hilferuf des Parlaments nach und entfernte Allende durch einen Putsch. Später setzte er sich als Diktator auf Zeit ein. Erst im Jahr 1988 ließ er das Volk darüber abstimmen, ob er weiter regieren solle. Doch nur 44 Prozent der Chilenen wollten dies. Daher machte er Platz für eine Demokratie.

Zwar gab es unter Pinochet zehntausende politische Morde und andere Menschenrechtsverletzungen. Doch im Hinblick auf die Wirtschaft war der Diktator ein nachhaltiger Segen für das Land. So schaffte er die Preiskontrollen ab, privatisierte und deregulierte die Wirtschaft und bändigte die Inflation. Diese so erfolgreichen Maßnahmen sind in Chile heute ebenso verhasst wie der einstige Diktator Pinochet. Der einstige Präsident Allende hingegen und seine wirtschaftlichen Konzepte sind hoch angesehen. Daher dürfte Chile künftig auch wieder auf das südamerikanische Mittelmaß absinken.


DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft startet mit Wachstum ins Jahr 2026 – Exporte sorgen für Auftrieb
22.05.2026

Die deutsche Wirtschaft ist mit einem überraschend positiven Signal ins Jahr 2026 gestartet. Trotz internationaler Unsicherheiten und der...

DWN
Immobilien
Immobilien Tiefpunkt beim Wohnungsbau: Fertigstellungen brechen auf Niveau von 2012 ein
22.05.2026

Der Wohnungsbau in Deutschland erlebt einen historischen Dämpfer. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, wurden im...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 21: Die wichtigsten Analysen der Woche
22.05.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 21 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Meilenstein in Den Haag: UN-Gericht bestätigt internationales Streikrecht
22.05.2026

Das höchste Gericht der Vereinten Nationen stärkt Beschäftigten weltweit den Rücken. In einem wegweisenden Rechtsgutachten stellte der...

DWN
Politik
Politik Drohnen-Vorfälle im Baltikum: Estland, Lettland und Litauen fordern Nato-Verstärkung
22.05.2026

Nach wiederholten Drohnen-Vorfällen in ihrem Luftraum fordern die baltischen Staaten ein entschlosseneres Eingreifen der Nato. Angesichts...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street feiert nach Nvidia-Zahlen Comeback, während Ölpreis wegen Iran-Hoffnungen nachgibt
21.05.2026

Ein turbulenter Handelstag voller unerwarteter Wendungen hält die Anleger in Atem und offenbart neue Chancen am Markt.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Düngemittelpreise explodieren und Brüssel liefert nur erste Hilfen
21.05.2026

Erst Energiekrise, dann Nahost-Krieg, jetzt die nächste Kostenwelle auf den Feldern. Europas Bauern sollen vor der kommenden Aussaat...

DWN
Politik
Politik Kreml signalisiert Gesprächsbereitschaft gegenüber Europa
21.05.2026

Russland zeigt sich nach Angaben des Kremls offen für direkte Gespräche mit europäischen Staaten. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von...