Finanzen

Aktuelle Gold-Rallye hat ihren Ursprung im Westen, nicht im Osten

Die Goldverkäufe in Indien und China sind dieses Jahr massiv eingebrochen. Zugleich ist die Nachfrage in Amerika und Europa stark angestiegen. Kurios: Sowohl im Osten wie auch im Westen spielt dabei die Angst eine gewichtige Rolle.
16.07.2020 09:28
Aktualisiert: 16.07.2020 09:28
Lesezeit: 3 min

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben Anleger im Westen ihre Investitionen in Gold deutlich erhöht. Sie haben damit den Einbruch der Nachfrage nach dem Edelmetall im chinesischen und indischen Einzelhandel mehr als ausgeglichen und den Goldpreis in Dollar auf den höchsten Stand seit mehr als acht Jahren getrieben.

Die Zuflüsse in börsengehandelte Fonds (ETFs) im laufenden Jahr liegen nur noch knapp unter dem bisherigen Jahresrekord, der 2009 aufgestellt wurde. Dies ist vor allem auf Investoren in Nordamerika und Europa zurückzuführen. Aber auch asiatische Gold-ETFs verzeichneten zuletzt starke Zuflüsse, darunter vor allem die chinesischen Fonds.

Verschiebung der Goldnachfrage

Zugleich ist jedoch die Nachfrage nach Goldbarren, Münzen und Schmuck in China und Indien eingebrochen. Denn die Corona-Krise hatte die Importe der beiden weltweit größten Goldkäufer und den Einzelhandel in den Ländern zum Stillstand gebracht. Zwar kehren die Verkäufe nun langsam zurück, doch die hohen Preise schrecken die Käufer ab in Indien und China ab.

Während westlichen Investoren verstärkt einen sicheren Hafen suchen, halten sich die traditionellen Nachfragezentren für physisches Gold in Asien zurück. Laut einem Bericht von Bloomberg streiten Investoren nun darüber, ob der Goldpreis noch in diesem Jahr wieder fallen wird, wenn die Zuflüsse in die ETFs sich verlangsamen, oder ob die Preise weiter steigen werden, wenn die Nachfrage in China und Indien wieder anzieht.

Laut Goldman Sachs hat die von Angst getriebene Investitionsnachfrage im Westen etwa 18 Prozent zum diesjährigen Preisanstieg beigetragen und die zurückhaltenden Verbraucher in den Schwellenländern haben einen Rückgang um 8 Prozent bewirkt. Eine wirtschaftliche Erholung und ein schwächerer Dollar könnten nun aber in der zweiten Jahreshälfte für "Rückenwind" aus den Schwellenländern sorgen.

Laut dem Commerzbank-Analysten Carsten Fritsch könnten höhere Goldpreise die "Nachfragevernichtung" im Osten verstärken und die Preise noch stärker von Investoren im Westen abhängig machen. Im Westen liegen sind im Rahmen der letzten Eingriffe der Zentralbanken die realen Renditen weit in den negativen Bereich gesunken, was in der Regel ein Treiber für den Goldpreis ist.

Hoher Goldpreis schreckt die Asiaten ab

Der Spot-Goldpreis in Dollar ist im laufenden Jahr bereits um 17 Prozent gestiegen und hat das zweite Quartal mit der größten Rallye seit mehr als vier Jahren beendet. Vor zwei Wochen überschritten die Gold-Futures an der New Yorker Rohstoffbörse Comex erstmals seit 2011 die Marke von 1.800 Dollar je Unze, und letzte Woche Mittwoch stieg auch der Spot-Preis erstmals seit neun Jahren über diese Marke.

Die höheren Preise hatten offenbar einen abschreckenden Effekt auf asiatische Käufer, auch wenn die Wirtschaft dort wieder geöffnet worden ist. Die Nachfrage nach Schmuck in China und Indien, der traditionell als Wertanlage angesehen wird, ist eingebrochen. Denn die Lockdowns, haben zu massiven Arbeitsplatzverlusten geführt und die allgemeine Unsicherheit dämpft die Ausgaben.

Die chinesischen Goldverkäufe könnten dieses Jahr um bis zu 30 Prozent niedriger sein als 2019, zitiert Bloomberg den CEO der China Gold Association, Zhang Yongtao. Dies sei jedoch eine Verbesserung gegenüber einer früheren Schätzung. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise vor einigen Monaten habe man noch einen Rückgang der Goldverkäufe in China um 50 Prozent erwartet.

Auch die Handelsströme sind durch die Corona-Krise massiv beeinträchtigt worden. In Indien, das fast das gesamte Gold, das es verbraucht, importieren muss, gingen die Einfuhren im April und Mai um etwa 99 Prozent zurück. Im Gegensatz dazu ist die Nachfrage der ETFs sprunghaft angestiegen. Denn wegen globaler Rezession, negativer Realzinsen und Inflation suchen Anleger einen sicheren Hafen.

Nicht nur die ETFs kaufen massiv Gold

Die Gesamtbestände an physischem Gold in den börsengehandelten Fonds sind laut Daten von Bloomberg in diesem Jahr um mehr als 600 Tonnen gestiegen. Die Zuflüsse in Gold-ETFs waren im ersten Quartal zum ersten Mal seit 2009 höher als die Umsätze im Einzelhandel in China und Indien. Auch nahmen im zweiten Quartal nahmen die Käufe der börsengehandelten Fonds weiter zu.

Allerdings machen die ETF-Käufe nur einen Teil der diesjährigen dramatischen Goldströme von Ost nach West aus - eine Umkehrung der vorherigen Richtung. Mehr als 700 metrische Tonnen Gold wurden in diesem Jahr in Tresoren rund um New York eingelagert - ein Rekordwert in den entsprechenden Aufzeichnungen, die bis 1993 zurückreichen.

Die rekordhohen Gold-Importe in die USA waren zum Teil auf ein Gerangel um Gold unter den New Yorker Händlern zurückzuführen, nachdem der Markt auf den Kopf gestellt worden war, weil Flugzeuge aufgrund von Virensperren am Boden blieben und Raffinerien geschlossen wurden. Die Bestände an der Comex sind in der Folge auf ein Rekordhoch angestiegen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Investitionsnachfrage nach Gold in einer Zeit globaler Unsicherheit sprunghaft angestiegen ist, was die Preise in die Höhe getrieben und asiatische Käufer abgeschreckt hat. Doch nach der globalen Finanzkrise erholten sich die Verbraucherkäufe in China und Indien innerhalb eines Jahres von ihren Tiefständen und erreichten dann sogar neue Rekorde, als der Goldpreis 2013 einbrach.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VDI-Ingenieurmonitor: Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren erreicht Rekordniveau
03.08.2026

Ingenieure und Informatiker galten lange als besonders gefragt. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass selbst technische Berufe die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Getreideernte droht ein Einbruch, wie er seit Jahrzehnten nicht zu sehen war
03.08.2026

Hitzewellen in Europa, die niedrigsten Prognosen für die Getreideernte in den USA seit 1970 und durch Kriege gestörter Handel treiben die...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie auf Rekordhoch: KI-Nachfrage treibt Amazon über Börsenwert von 3 Billionen US-Dollar
03.08.2026

Die Rekordjagd der Tech-Konzerne geht weiter: Die Amazon-Aktie klettert kräftig, der US-Tech-Gigant knackt erstmals die Marke von drei...

DWN
Panorama
Panorama AfD-Verbotsverfahren: Über 1.000 Juristen fordern in offenem Brief AfD-Verbot
03.08.2026

Mehr als 1.000 Juristinnen und Juristen erhöhen den Druck auf die Politik und verlangen ein AfD-Verbotsverfahren. Ein offener Brief sorgt...

DWN
Politik
Politik Rente mit 63 vor dem Aus? Das wären die Folgen
03.08.2026

Kaum ein Thema bewegt Millionen Beschäftigte so sehr wie der frühere Renteneintritt. Die geplanten Reformen könnten das Rentensystem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schwedens kleinste Mine profitiert vom Goldpreis
03.08.2026

Botnia Gold betreibt eine der kleinsten Gold-Minen Europas. Doch hohe Preise für Gold und Silber haben dem Unternehmen einen starken Start...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Bitcoin kann laut Kryptoprofis den Dollar nicht ersetzen
03.08.2026

Die Tech-Rally läuft weiter, doch unter der Oberfläche wächst die Nervosität. Microsoft und Amazon retten den KI-Glauben, Steve Eisman...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmarkt: Immer mehr Vermieter geben Geschäft auf – Investitionen unter Druck
03.08.2026

Wohnungsmangel, steigende Kosten und wachsende Unsicherheit setzen den Wohnungsmarkt unter Druck. Immer mehr Privatvermieter und...