Finanzen

Der Sommer an den Aktienmärkten wird turbulent

Jetzt beginnt wieder die schönste Zeit des Jahres, der Sommerurlaub, in dem auch mal abgeschaltet wird und die Seele baumelt. Aber wie wird der Sommer an den Aktienmärkten? Scheinbar kommen einige Donnerwetter auf die Anleger zu.
09.07.2020 11:59
Lesezeit: 3 min
Der Sommer an den Aktienmärkten wird turbulent
Nach unten zeigt in der Börse in Frankfurt am Main die Dax-Kurve. (Foto: dpa)

Die Berichtsaison für das II. Quartal wird schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Kein Wunder, denn in diesem Zeitraum hat Corona wirtschaftlich besonders heftig gewütet. Und die Angst vor einer zweiten Infektionswelle mit nachfolgenden Shutdowns spricht auch nicht für eine fundamental stabile Schönwetterfront am Aktienmarkt. Und leider - ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube - springt auch das deutsche Konjunkturpaket zu kurz. Gegen die schlechte Kauflaune hat die nur zeitweise verringerte Mehrwertsteuersenkung wenig Chancen auf „Wumms“. Es wäre besser gewesen, den Soli sofort abzuschaffen, der ja auch von Selbstständigen und Personengesellschaften gezahlt wird. Wäre auch noch der Steuerfreibetrag kräftig erhöht worden, um insbesondere den Geringverdienern mehr Netto vom Brutto zu lassen, hätte man deutlich mehr für die nachhaltige Konjunkturstabilisierung getan. Daneben kommen die Investitionen in Bildung und Digitalisierung zu kurz. Die Wiedererreichung des Zustands vor dem Corona-Ausbruch mit all seinen Strukturdefiziten ist kein lohnendes wirtschaftspolitisches Ziel, wenn die Konkurrenz aus Asien und Amerika die Zukunft gewinnen will.

Für Schlechtwetterperioden wird auch der Orkan „Trump“ sorgen. Ganz sicher wird sich der US-Präsident nicht in die Sommerfrische zurückziehen oder gar eine Twitter-Diät machen. Angesichts der US-Wirtschaftskrise und heftigen Neuinfektionen liegt er in Umfragen dramatisch hinter seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden. Wer hätte das noch vor einem halben Jahr gedacht? Daher wird er im Sommer aus allen Rohren schießen, um seine Chancen bei den Präsidentschaftswahlen am 3. November 2020 zu wahren. Peking droht er mit der Keule des Handelskriegs. Und die in puncto Außenhandel sicher auch nicht heiligzusprechenden Chinesen werden entsprechend zurückkeulen.

Nicht zuletzt wird Trump weiter gegen die EU bzw. das transatlantische Bündnis wettern, obwohl es jahrzehntelang eine einzigartige Sicherheitsarchitektur sogar für die gesamte Welt bot. Vor allem seinem Lieblingsfeind Deutschland wird er mit Genuss gegen das Schienbein treten. Exportüberschuss, Nato-Beitrag und russische Gaspipeline sind für ihn lohnende Wahlkampf-Munition. Dass seine Aktionen dem geopolitischen Einfluss Amerikas selbst schaden, interessiert ihn wenig. Alles ist erlaubt, solange es ihm nützt. America First heißt für ihn Trump First. Die neuen herzhaften Darbietungen des US-Präsidenten werden an den Aktienmärkten für wenig Entzückung sorgen.

Leider schafft es Europa bislang nicht, eigenes Gewicht auf die geostrategische Waage zu bringen. Der innere Zusammenhalt ist brüchig und kann - ähnlich wie bei einem zerstrittenen Ehepaar - nur mit teuren Geschenken zusammengehalten werden. Doch machen die mit 500 Milliarden Euro Beschenkten wenig Anstalten, sich mit Gegenleistungen in Form harter Reformen zu bedanken. Aber nur damit werden sie längerfristig der Dauerrezession entkommen. Ansonsten droht entweder neuer Sprengstoff für das europäische Gemeinschaftswerk oder ein permanenter EU-Länderfinanzausgleich, der es erlaubt, noch mehr dem Müßiggang, dem Dolce Vita, zu frönen. Dazu passt eine EZB, die längst ohne rot zu werden, Staatsfinanzierung praktiziert. „Elvis has left the building“ hieß es früher nach Konzerten des King of Rock ‘n‘ Roll. Stability has left Europe heißt es heute bei uns.

Betrachtet man schließlich auch noch die historische Überbewertung von Aktien, die nicht mehr nur sportlich ist, spricht in der Tat doch viel für kräftige Donnerwetter im Aktien-Sommer 2020, oder?

Doch auch die Hochs kommen nicht zu kurz

Ja, eine zweite Infektionswelle ist nicht auszuschließen. Doch verläuft die Epidemie in Europa deutlich weniger gravierend als in den USA. Zwar bilden sich in Deutschland Hotspots. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass hüben wie drüben Radikal-Lockdowns wie im März oder April angeordnet werden. Die Politik hat panische Angst, dass dann das ohnehin nur langsam wiederkehrende Wirtschaftsleben vollends zum Erliegen kommt. Da zudem die allgemeine Erwartungshaltung auf Öffnung ausgerichtet ist, drohte ein Wirtschaftsschock die psychologische Wirkung der Konjunkturpakete verpuffen zu lassen.

Bei der Quartalsberichterstattung kommt es vor allem auf die Ausblicke an. Diese dürften angesichts der vielen positiven Frühindikatoren und der u.a. von Siemens fortwährend bestätigten Wirtschaftserholung in China Licht am Ende des Tunnels zeigen. Und Aktien bezahlen die Zukunft.

Durch die Trumpschen Galavorstellungen müssen wir leider durch. Doch selbst bei ihm gilt, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Ein tatsächliches Wiederaufflammen des Handelskriegs würde seinen Exportunternehmen, ihren Beschäftigten sowie den Mais-, Soja- und Weizen-Farmern aus dem Mittleren Westen - das sind treue Trump-Wähler - das Leben noch schwerer machen. Bei Donald ist immer viel Schaumschlägerei dabei. Aber ein politischer Selbstmörder ist er nicht.

Beim erzwungenen Zusammenhalt Europas mit instabilen Methoden kommt bestimmt keine Freude auf. Selbst die deutsche EU-Ratspräsidentschaft kann keine Stabilitäts-Schönheitspreise mehr gewinnen. Doch müssen die Anleger das Beste daraus machen. Immerhin sorgt die Geldpolitik der EZB für ein stabiles Aktienumfeld. Da beim Zinssparen heutzutage viele Renditen schon vor Inflation negativ sind, ergibt sich ein kolossaler Anlagenotstand pro Aktien. In diesem Zusammenhang ist übrigens auch deren absolute Überbewertung zu relativieren. Mir gehen die Superlative aus, wenn ich im Vergleich die Bewertung von Zinstiteln - auch angesichts ihrer mangelnden Bonität - beschreiben will.

Sicher, aufgrund dieser Liquiditätshausse haben sich Aktien weit von ihrer fundamentalen, also umsatz- und gewinnseitigen Basis entfernt. Doch ob man es mag oder nicht, dieser Umstand gehört mittlerweile zur Realität an den Finanzmärkten dazu. Früher wurden fundamentale Übertreibungen - siehe u.a. die Dotcom- oder Immobilienblase - noch durch restriktive Geldpolitik und zum Verdruss der Anleger bereinigt. Heute sind Zinserhöhungen und Liquiditätsverknappungen angesichts der dramatischen Überschuldung der Welt nicht mehr möglich. Ansonsten riskierten (Geld-)Politiker den finalen Super-GAU der (Finanz-)Welt mit allen sozialen Kollateralschäden.

2020 kein Jahrhundert- und auch kein Horrorsommer für Aktien

Vor diesem Hintergrund ist insgesamt über den Sommer weder ein Crash noch eine Rallye zu erwarten. Je nach vorliegenden politischen bzw. Konjunkturdaten werden die Aktienmärkten volatil in breiten Seitwärtstrends schwanken. Mit regelmäßigen Aktiensparplänen kann man diese Gemengelage gut parieren.

Nach dem Sommer aber, wenn die geld- und fiskalpolitische Konjunktur-Saat aufgeht und das Angstthema Shutdown an Bedeutung verliert, wird auch der Herbst schöne (Aktien-)Tage haben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Robert Halver

                                                                            ***

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse-Abteilung der Baader Bank. Er ist einer der bekanntesten Finanzanalysten im DACH-Raum.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Krise der deutschen Automobilindustrie: Wo geht die Reise hin?
11.10.2026

Die deutsche Automobilindustrie, das historische Rückgrat des nationalen Wohlstands, steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...