Politik

Alle zufrieden mit Billionen-Programm der EU: Merkel, Macron und Conte - aber auch die sparsamen Länder

Das Haushalts- und Finanzpaket der EU von Höhe von fast zwei Billionen Euro ist beschlossene Sache.
21.07.2020 16:14
Lesezeit: 4 min
Alle zufrieden mit Billionen-Programm der EU: Merkel, Macron und Conte - aber auch die sparsamen Länder
Brüssel: Auf einer Terrasse des Gebäudes des EU-Rats beratschlagen der Präsident des EU-Rats, Charles Michel (l/mit Bart), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 3.v.r), der französische Präsident Emmanuel Macron (2.v.r) sowie EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen (CDU/r). (Foto: dpa) Foto: Francisco Seco

Mit einem Haushalts- und Finanzpaket von historischem Umfang nimmt die Europäische Union den Kampf gegen die Corona-bedingte Wirtschaftskrise auf. Nach einem gut viertägigen, zwischendurch immer wieder dem Scheitern nahen Verhandlungsmarathon hat sich der Sondergipfel der 27 Mitgliedsstaaten am heutigen Dienstag auf einen Kompromiss im Umfang von 1,8 Billionen Euro geeinigt. Zahlreiche Staats- und Regierungs-Chefs – unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron – sowie die Spitzen der EU zeigten sich erleichtert und sprachen von einem Erfolg. Es gab aber auch Kritik.

Das Paket umfasst 1.074 Milliarden Euro für den siebenjährigen Haushaltsrahmen bis 2027 und 750 Milliarden Euro für ein Konjunktur- und Investitionsprogramm. Diese 750 Milliarden beinhalten 390 Milliarden an nicht zurückzuzahlenden Zuschüssen und 360 Milliarden an Krediten. Ursprünglich sollte das Verhältnis 500 Milliarden Euro an Zuschüssen zu 250 Milliarden Euro an Krediten betragen.

Mit dem Programm will sich die Europäische Union gegen den beispiellosen Wirtschaftseinbruch stemmen und den EU-Binnenmarkt zusammenhalten. Gleichzeitig soll in eine digitalere und klimafreundlichere Wirtschaft investiert werden.

Erst am Montag waren zwei der umstrittensten Streitpunkte gelöst worden. Das machte den Weg zum Gesamtdeal frei. Zum einen akzeptierten die sogenannten „sparsamen Vier“ (Österreich, Niederland, Schweden, Dänemark), dass gemeinsame Schulden aufgenommen werden und Geld als Zuschuss an EU-Staaten geht. Im Gegenzug willigten Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ein, die Summe dieser Zuschüsse zu verringern.

Zudem fand man eine – allerdings eher vage – Formel zur Koppelung von EU-Geldern an die Rechtsstaatlichkeit, die alle 27 Staaten annahmen. Zuvor hatten sich Polen und Ungarn strikt gegen einen solchen Rechtsstaats-Mechanismus gewehrt, zumal gegen beide Staaten Verfahren wegen Verletzung von EU-Grundwerten laufen. Im Kompromiss heißt es nun, dass der Europäische Rat die Bedeutung des Schutzes der finanziellen Interessen der EU und des Respekts der Rechtsstaatlichkeit unterstreiche. Wie diese Formel konkret ausgelegt wird, wurde direkt nach dem Gipfel sehr unterschiedlich interpretiert.

«Das war nicht einfach», sagte Merkel nach der Gesamteinigung. Für sie zähle aber, «dass wir uns zum Schluss zusammengerauft haben». Der Haushalt sei auf die Zukunft Europas ausgerichtet.

«Historischer Tag für Europa», schrieb Macron auf Twitter. Auch EU-Ratschef Charles Michel und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen feierten den Beschluss als historisch. «Wir haben es geschafft», sagte Michel. Das sei der richtige Deal für Europa. «Wir sind uns bewusst, dass dies ein historischer Moment in Europa ist», ergänzte von der Leyen.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz sprach von einem «guten Resultat für die EU und Österreich». Er lobte namentlich das Bündnis, das Österreich mit Schweden, Dänemark und den Niederlanden eingegangen war. «Vielen Dank an alle Kollegen, besonders an die ´Sparsamen´», twitterte er. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach von einem «umfangreichen und guten Paket, durch das die niederländischen Interessen gewahrt bleiben».

Ähnlich äußerte sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Es handele sich um eine solidarische Abmachung mit einem weiterhin großen Volumen, das jedoch nun eine bessere Balance habe. Aus dänischer Sicht sei wichtig, einen großen Rabatt erhalten zu haben. «Das lässt erkennen, dass man gleichzeitig für dänische und für europäische Interessen kämpfen kann». Trotz aller Schwierigkeiten habe die EU gezeigt, dass sie in einer schwierigen Lage handeln könne, sagte Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin. Aus finnischer wie aus europäischer Sicht sei das Ergebnis zufriedenstellend.

Erleichtert zeigten sich auch die Regierungen, deren Staaten am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen sind und daher am härtesten um EU-Hilfe gekämpft hatten . Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sagte, er sei «zu 95 Prozent zufrieden» mit dem Ergebnis. Für sein Land stünden «in etwa» 140 Milliarden zur Verfügung, davon 72,7 Milliarden nicht rückzahlbare Subventionen. «Wir sind zufrieden», sagte auch Italiens Regierungschef Giuseppe Conte. Der Wiederaufbauplan entspreche den enormen Herausforderungen der Krise. Für Italien seien etwa 209 Milliarden Euro vorgesehen. «Es ist ein historischer Moment für Europa, es ist ein historischer Moment für Italien», betonte Conte.

Die Reaktionen konservativer Parteien fielen derweil ganz anders aus: «Doch 390 Milliarden Euro Zuschüsse für Südeuropa. ... Wahnsinn! Milliarden weggeschmissen, die wir im eigenen Land ausgeben müssten», twitterte der Niederländer Geert Wilders.

«Noch nie hat eine Regierungschefin so lange und hartnäckig darum gekämpft, die Steuergelder ihrer Bürger im ganz großen Stil an andere verschenken zu dürfen, wie Angela Merkel in Brüssel», sagte die AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel. Merkel betreibe einmal mehr Europapolitik gegen die Interessen der Bürger, «um sich als ´große Europäerin´ feiern zu lassen».

CSU-Chef Markus Söder lobte dagegen das Ergebnis. «Zum Glück konnte sich Europa einigen. Das neue Finanzpaket ist die entschlossene Antwort auf Corona», schrieb er bei Twitter. In der CSU gibt es aber auch kritische Stimmen. «Der Preis des Deals ist hoch», monierte der Europaabgeordnete Markus Ferber. «Jeder Mitgliedstaat hat ein ´Zuckerl´ für die Heimfahrt in die Hauptstädte bekommen, aber wer das Ganze als großen Wurf verkauft, lügt sich in die eigene Tasche.»

Zu dem von Ferber angesprochenen Punkt gehören teure Zugeständnisse an die ´Sparsamen Vier´ – also die Niederlande, Österreich, Dänemark und Schweden. Sie sollen deutlich höhere Nachlässe auf ihre Einzahlungen in den EU-Haushalt bekommen als ursprünglich vorgesehen. So wurde etwa die jährliche Rabattsumme für Österreich von 237 Millionen Euro auf 565 Millionen Euro angehoben - eine Steigerung um 138 Prozent.

Umstritten ist auch, wie strikt künftig die Auszahlung von EU-Geldern an die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien gekoppelt ist. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban sagte in Brüssel: «Jeder Versuch, der darauf abzielte, zwei wichtige Fragen - die der EU-Gelder und die der Rechtsstaatlichkeit - miteinander zu verbinden, wurde erfolgreich zurückgewiesen.»

Die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley, warf den EU-Staats- und Regierungschefs zu große Nachgiebigkeit gegenüber Staaten wie Ungarn und Polen vor. «Ja, man ist eingeknickt und das Schlimme ist, man ist schon sehr früh eingeknickt», sagte die SPD-Politikerin dem TV-Sender «Welt».

Von der Leyen und Michel bestritten dagegen, dass eine starke Lösung zugunsten des Kompromisses geopfert worden sei. Mit qualifizierter Mehrheit der EU-Staaten könnten bei Verstößen Maßnahmen ergriffen werden, sagte von der Leyen. Rutte, der die Rechtsstaatsklausel zur Bedingung für eine Zustimmung gemacht hatte, betonte, mit der gefundenen Lösung «können die Auszahlungen gestoppt werden».

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Politik
Politik Wie gewinnt man den nächsten Krieg? Ex-US-Verteidigungsminister Austin erläutert in Warschau die NATO-Strategie
14.10.2026

Der pensionierte General Lloyd Austin, der unter Präsident Joe Biden US-Verteidigungsminister war, hat beim Warsaw Security Forum die...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Nach US-Inflationsschub blicken Anleger auf die Fed
14.10.2026

Der Goldpreis tendiert am Mittwochnachmittag in der Verlustzone, weil höhere US-Verbraucherpreise die Hoffnung auf eine Zinssenkung...

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...

DWN
Finanzen
Finanzen Sollte ich US-Banken kaufen? Warum ich Citigroup und Wells Fargo genauer prüfe
14.10.2026

Nach der starken Rally ist bei US-Bankaktien Ernüchterung eingekehrt. Gleichzeitig steigen die Gewinne vieler Institute weiter. Für mich...