Politik

Brexit reißt 75-Milliarden-Lücke in EU-Kasse, Deutschland wird übernehmen

Der EU werden zwischen 2021 bis 2027 75 Milliarden Euro weniger zur Verfügung stehen. Ursächlich dafür ist der Brexit. Deutschland soll fast den gesamten Fehlbetrag übernehmen.
07.09.2020 13:09
Lesezeit: 2 min
Brexit reißt 75-Milliarden-Lücke in EU-Kasse, Deutschland wird übernehmen
21.08.2019, Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, geben bei einer Pressekonferenz vor ihrem Gespräch im Bundeskanzleramt einander die Hand. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union verursacht in den kommenden Jahren eine Milliardenlücke in der EU-Kasse. Deutschland wird deshalb den ausfallenden jährlichen Beitrag von Großbritannien fast komplett übernehmen. Dieser jüngsten Berechnungen zufolge soll der jährliche Beitrag um etwa 14 Milliarden Euro steigen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wörtlich: „Es sind etwa 75 Milliarden Euro weniger für die gesamte Periode.“

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte zuvor die Spannungen bei den seit Monaten festgefahrenen Brexit-Verhandlungen durch ein Ultimatum verschärft. Johnson verlangte einen Tag vor der neuen Gesprächsrunde in London eine Einigung bis zum 15. Oktober. Andernfalls könne es kein Handelsabkommen zwischen beiden Seiten geben. Zudem drohte die Regierung Medienberichten vom Montag zufolge in einer der überraschendsten Wendungen in der vierjährigen Brexit-Saga damit, bei Ausbleiben einer Einigung über die künftigen Beziehungen Teile des Austrittsabkommens vom Januar außer Kraft zu setzen. Dies könnte nicht nur den Vertrag gefährden sondern auch den Nordirland-Konflikt wieder anfachen. Der Zeitdruck war bereits vorher groß. Denn auch EU-Chefunterhändler Michel Barnier hatte kürzlich darauf verwiesen, dass bis spätestens Ende Oktober eine Vereinbarung stehen müsse, damit der Ratifizierungsprozess rechtzeitig bis Jahresende abgeschlossen werden könne.

Wenn keine Einigung zustande kommen sollte, werde Großbritannien Handelsbeziehungen mit der EU wie zu Australien aufnehmen, erklärte Johnson. Auch das wäre „ein gutes Ergebnis“. Für die Europäische Union käme dies dem befürchteten ungeregelten Brexit gleich. Barnier, der am Dienstag in London erwartet wird, äußerte sich besorgt. „Die Verhandlungen sind schwierig, weil die Briten das Beste aus beiden Welten wollen“, sagte der Franzose dem Radiosender France Inter. Er halte es aber immer noch für möglich, ein Abkommen über die besonders strittige Frage der Fischerei-Rechte zu finden. Daneben ist vor allem Großbritanniens Beharren auf eine vollständige Autonomie bei Staatshilfen ein Knackpunkt.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mahnte Großbritannien, sich an seine Zusagen aus dem Brexit-Abkommen zu halten, wenn es eine Vereinbarung über künftige Beziehungen mit der EU haben möchte. Sie vertraue darauf, dass London dies tun werde, twitterte sie. Ein Sprecher der der Bundesregierung sagte in Berlin, eine Einigung sei noch möglich. Großbritannien müsse sich aber bewegen.

EU-Diplomaten warnten die Regierung in London, dass eine Abkehr von vertraglichen Zusagen Großbritannien weltweit einen Vertrauensverlust einbrocken und die Chancen für ein Handelsabkommen schmälern würde. „Wer würde Handelsabkommen mit einem Land vereinbaren wollen, das internationale Verträge nicht umsetzt“, fragte ein Diplomat. „Es wäre eine verzweifelte und letztlich selbstzerstörerische Strategie.“

Die britische Regierung äußerte sich nicht direkt zu den Berichten unter anderem in der „Financial Times“ über eine Teilabkehr von dem Austrittsabkommen. Eine Sprecherin sagte lediglich zu dem dazugehörigen Nordirland-Protokoll, man arbeite daran, die noch offenen Fragen mit der EU zu lösen, erwäge aber Rückzugsmöglichkeiten. Die Regierung werde im besten Interesse Nordirlands und des britischen Binnenmarktes handeln. Oberste Priorität sei es aber, die Errungenschaften des Friedensprozesses in Nordirland zu wahren. Die britische Regierung hat im Austrittsabkommen zugesagt, eine harte Grenze zwischen dem EU-Land Irland und Nordirland zu vermeiden. Ein Abrücken von der Vereinbarung könnte zu einem Konflikt mit Irland und mit Nationalisten in Nordirland führen.

Großbritannien ist im Januar aus der EU ausgetreten. Bis Jahresende gilt aber noch eine Übergangsphase, in der die künftigen Beziehungen etwa im Bereich Handel geklärt werden sollen. Gelingt keine Einigung, droht ein ungeregelter Austritt. Experten warnen in einem solchen Fall vor schweren wirtschaftlichen Folgen für beide Seiten. Die Sorgen machten sich auch am Finanzmarkt bemerkbar: Das Pfund Sterling fiel um rund ein halbes Prozent zu Dollar und Euro.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Unternehmen
Unternehmen Mindestlohn: Lohnerhöhungen führen zu Preissteigerungen und Stellenabbau
21.01.2026

Schritt für Schritt steigt der Mindestlohn in Deutschland - das führt zu einer Welle von Lohnerhöhungen. Wie die Unternehmen nun...

DWN
Politik
Politik Kabinett bringt digitales Führungszeugnis auf den Weg
21.01.2026

Wer ehrenamtlich Fußball-Nachwuchs trainiert, braucht es, wer als Kaufhausdetektiv arbeitet auch: Das Führungszeugnis soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: Fristen, Formulare, Fallstricke – so vermeiden Sie typische Fehler
21.01.2026

Die Steuererklärung 2025 muss kein Stressfaktor sein – wenn Sie frühzeitig die richtigen Unterlagen sammeln. Viele verschenken jedes...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mehr arbeiten - wofür? Arbeit als Sinn des Lebens verliert an Bedeutung
21.01.2026

Kanzler Merz fordert mehr Leistung, mehr Einsatz, mehr Arbeitsstunden: Doch für viele Menschen steht das Ziel, mit Freude eine sinnvolle...

DWN
Finanzen
Finanzen Ära der Milliardäre: Vermögen von Milliardären legt rasant zu
21.01.2026

Debattenstoff für das Weltwirtschaftsforum in Davos: Seit 2020 wurden Milliardäre inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent reicher....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Stahlbranche: Stahlproduktion 2025 gesunken - Krise dauert an
21.01.2026

Strompreise, Importdruck, schwache Nachfrage: Warum die deutsche Stahlbranche auch 2025 unter massiven Problemen leidet – und was die...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitalwährung: Sparkassenverband sieht digitalen Euro kritisch
21.01.2026

Verbandspräsident Hirsch sieht hohe Kosten und keinen Nutzen für Kunden. Außerdem wirft er Fragen zu möglichen Rollenkonflikten bei der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neue Unternehmensform EU Inc: EU will Firmen-Registrierung in 48 Stunden möglich machen
21.01.2026

Firmengründer sollen neue Unternehmen in der EU künftig innerhalb von 48 Stunden online anmelden können. Das kündigt...