Politik

Der nächste Bundeskanzler könnte Jens Spahn heißen

Friedrich Merz hat mit seinen seltsamen Aussagen über Homosexuelle dafür gesorgt, dass der umstrittene Bundesgesundheitsminister plötzlich von der Öffentlichkeit unterstützt wird. Wenn Spahn die Steilvorlage von Merz richtig nutzen sollte, könnte er am Ende vielleicht der nächste Bundeskanzler werden.
22.09.2020 08:12
Aktualisiert: 22.09.2020 08:12
Lesezeit: 2 min
Der nächste Bundeskanzler könnte Jens Spahn heißen
15.11.2018, Schleswig-Holstein, Lübeck: Erste CDU-Regionalkonferenz mit den Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz (alle CDU,l-r), Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Gesundheitsminister Jens Spahn stehen nebeneinander auf der Bühne. (Foto: dpa) Foto: Carsten Rehder

Derzeit wird in den Medien viel über die CDU-Kanzlerkandidatur debattiert. Als Kandidaten werden Markus Söder, Friedrich Merz, Armin Laschet, Norbert Röttgen und auch Jens Spahn gehandelt.

Doch Stefan Lange von der Augsburger Allgemeinen führt scharfsinnig aus: „Jens Spahn hat die Chance auf den ganz großen Karrieresprung: Mit der Duldung von Armin Laschet und Markus Söder könnte er Bundeskanzler werden.“

In einem Meinungsartikel der Deutschen Wirtschaftsnachrichten hatte zuvor der Redakteur Cüneyt Yilmaz unter Berücksichtigung der innen- und außenpolitischen Faktoren dafür plädiert, dass es zu einer konservativ-progressiven schwarz-grünen Koalition unter der Führung von Norbert Röttgen kommen muss oder sollte, um Deutschland aus der Gefahrenzone herauszuziehen. Er sprach sich in seinem Artikel, der für viel Wirbel sorgte, gegen eine Wiederholung der Großen Koalition aus.

Den Ansatz mit einer schwarz-grünen Koalition hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mittlerweile offen übernommen. Er teilte RP Online mit: „Mit guten Kompromissen könnte Schwarz-Grün viele gesellschaftliche Konfliktfelder befrieden. Eine weitere große Koalition halte ich nicht für gut.“

Die „Welt“ argumentiert - anders als aus dem Meinungsartikel der Deutschen Wirtschaftsnachrichten hervorgeht -, dass nicht Röttgen, sondern vielleicht Spahn der nächste deutsche Bundeskanzler werden könnte. „Mit der Pandemie wächst zwar die Kritik an dem 40-jährigen Münsterländer, aber auch seine Beliebtheit. Die zunehmende Sympathie der Bevölkerung mag mit an seinem Imagewechsel liegen. Und der hat mit seinem politischen Instinkt und dem Sinn für Stimmungen zu tun“, behauptet die „Welt“.

Und hier kommt Friedrich Merz als möglicher „Königsmacher“ ins Spiel. Er hat eine Debatte ausgelöst, die sich nach dem Vorbild von Klaus Wowereit („Ich bin schwul – und das ist auch gut so“) positiv auf die möglichen Kanzlerambitionen von Spahn auswirken könnte.

Die Antwort von CDU-Vorsitz-Kandidat Friedrich Merz auf eine Frage nach seiner Haltung zu einem schwulen Bundeskanzler hatte nämlich Kritik ausgelöst. Merz wurde im „Bild“-Politiktalk „Die richtigen Fragen“ gefragt, ob er Vorbehalte hätte, wenn heute ein Schwuler Bundeskanzler würde. „Nein“, sagte Merz. Auf die Nachfrage, ob das für ihn völlig normal wäre, fügte er hinzu: „Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft - an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht - ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“

Merz Aussage sorgte sogar bei der SPD für Empörung. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert, der sich in der Vergangenheit über seine eigene Homosexualität geäußert hatte, kritisierte am Montag auf Twitter: „So laviert jemand, der nicht kaschieren kann, dass er mit der Normalisierung des Umgangs mit Homosexualität eigentlich nichts anfangen kann.“ SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kommentierte: „Friedrich möchte aus dem letzten Jahrhundert abgeholt werden.“ In der „Bild“-Zeitung fügte er später hinzu: „Da ist eine deutliche Entschuldigung fällig.“

Ob Spahn diese Steilvorlage von Merz geschickt nutzen wird, um sich als möglicher Mitspieler um das Kanzleramt ins Spiel zu bringen, bleibt abzuwarten. Doch erstmals hat sich die gesamte Medienlandschaft auf die Seite von Spahn, der in den vergangenen Monaten aufgrund seines Zick-Zack-Kurses im Verlauf der Corona-Pandemie in der Kritik stand, gesellt.

Das ist auch Spahn bewusst. Er sagte auf die Frage, was eine solche Aussage eines Parteikollegen bei ihm auslöse: „Naja, wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen oder Pädophilie ist, dann müssen Sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.“

Das Magazin Politico hatte bereits im Jahr 2016 darauf hingewiesen, dass Spahn der nächste Bundeskanzler werden könnte. „Jens Spahn ist ein wandelnder Widerspruch, der möglicherweise die Antwort auf das größte und meist unausgesprochene Problem der regierenden Christdemokraten in Deutschland ist: Was tun an dem Tag, an dem Angela Merkel von der Bildfläche verschwindet? Als junger, offen schwuler Mann, der in wichtigen Politikbereichen wie Finanzen und Gesundheit Glaubwürdigkeit aufgebaut hat, hat der 35-jährige Spahn das Potenzial, die alternde Partei zu verjüngen und ihre Attraktivität zu erweitern - und gleichzeitig ihren konservativen Kern zufrieden zu stellen“, meint Politico.

Auch die Financial Times und der Guardian deuteten vor wenigen Jahren an, dass Spahn die Bundeskanzlerin beerben könnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Panorama
Panorama In Polen wächst die Zahl der Ultrareichen weltweit am schnellsten. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
04.10.2026

In keinem anderen untersuchten Land ist die Zahl der Ultrareichen zuletzt so stark gestiegen wie in Polen. Dahinter stehen ein stärkerer...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Geleakter Prospekt enthüllt die Milliardenrisiken hinter Claude
03.10.2026

Anthropic gilt als einer der heißesten Kandidaten für den nächsten großen KI-Börsengang. Doch ein geleakter Prospekt zeigt, welchen...

DWN
Panorama
Panorama Notstromversorgung: Warum ein Generator im Ernstfall nicht reicht
03.10.2026

Ein Stromausfall von wenigen Minuten ist lästig. Dauert er mehrere Tage, kann er für Unternehmen existenzbedrohend werden. Erfahrungen...

DWN
Immobilien
Immobilien Hitzeschutz: So bewahren Sie auch ohne Klimaanlage einen kühlen Kopf 
03.10.2026

Deutschland hat einen der heißesten Sommer hinter sich - und es wird nicht der letzte gewesen sein. Um sich in Gegenwart und Zukunft gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
03.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI und Arbeitsmarkt: Der Effizienzboom könnte den Fachkräftemangel verschärfen
03.10.2026

Künstliche Intelligenz macht Unternehmen schneller und produktiver. Doch ausgerechnet junge Berufseinsteiger könnten dafür einen hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wann lag die Inflation im Euroraum zuletzt bei vier Prozent?
03.10.2026

Zehn Wendepunkte zeigen, wie schnell eine Krise die Inflation nach oben treiben kann und wie langsam sich die Preise anschließend wieder...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Schock trifft Europa: Millionen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
03.10.2026

In der kommenden Woche reisen führende EU-Vertreter nach Peking, um von der chinesischen Führung zu verlangen, das enorme...