Politik

Hunderte Luft- und Raketenangriffe erschüttern Gazastreifen und Israel: Viele Tote

Der Nahost-Beauftragte der Vereinten Nationen forderte ein sofortiges Ende der Gefechte. Die Eskalation steuere auf einen vollständigen Krieg zu.
12.05.2021 09:32
Aktualisiert: 12.05.2021 09:32
Lesezeit: 3 min
Hunderte Luft- und Raketenangriffe erschüttern Gazastreifen und Israel: Viele Tote
Beschädigte Gebäude und Autos sind nach israelischen Luftangriffen auf Gaza-Stadt zu sehen. (Foto: dpa) Foto: Khalil Hamra

In Nahost toben die schlimmsten Kämpfe zwischen Israelis und militanten Palästinensern seit Jahren. Israels Militär flog am Mittwoch Hunderte weitere Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen, die radikal-islamische Hamas feuerte erneut Raketen auf israelische Städte. Seit Montag starben nach palästinensischen Angaben in dem Küstengebiet mindestens 43 Menschen, Israel meldete bislang sechs Tote. Der Nahost-Beauftragte der Vereinten Nationen, Tor Wennesland, forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe. Die Eskalation steuere auf einen vollständigen Krieg zu.

Der bewaffnete Flügel der Hamas feuerte nach eigenen Angaben 210 Raketen in Richtung der Städte Tel Aviv und Beerscheba. Sirenengeheul warnte die Bevölkerung, die Zuflucht in Schutzräumen suchte, Abfangraketen stiegen auf. Rund ein Drittel der Geschosse aus Gaza schaffte es nach israelischen Angaben nicht über das Gebiet des Küstenstreifens hinaus. Doch in Rischon Lesion, einem Vorort von Tel Aviv, traf eine Rakete ein Gebäude. Dadurch wurde nach Angaben einer Klinik eine 50-Jährige getötet. Zwei weitere Frauen seien zudem bei Einschlägen in Aschkelon gestorben. Ein Israeli starb laut Rettungskräften an der Grenze zum Gazastreifen durch eine Rakete getötet. "Die Kinder sind dem Coronavirus entkommen, und jetzt gibt es ein neues Trauma", sagte eine Frau dem israelischen Sender Kan 11.

In Lod bei Tel Aviv starben zwei Menschen, als ein Geschoss ein Fahrzeug traf. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte in dem Ort den Notstand, nachdem es dort mehrere Nächte zu Ausschreitungen gekommen war. Medienberichten zufolge setzte die arabische Minderheit Synagogen in Brand und Juden warfen Steine auf Autos, die von Arabern gefahren wurden.

SCHWERE BOMBARDEMENTS IM GAZASTREIFEN

Israel griff nach eigenen Angaben Büros der militanten Hamas und Häuser ihrer Anführer sowie Raketenstellungen an. Auch ein 13-stöckiger Wohn- und Bürokomplex wurde bombardiert. Videoaufnahmen zeigten schwarze Rauchwolken, die von dem Gebäude aufstiegen. Wenig später stürzte es ein. Bewohner des Blocks und in der Umgebung waren nach Angaben von Augenzeugen und des Militärs vor dem Angriff gewarnt worden, sich in Sicherheit zu bringen. Auch ein anderes Gebäude in dem Viertel wurde schwer beschädigt. Bewohner und Journalisten, die dort arbeiteten, hatten das Haus zuvor verlassen.

Dutzende Hamas-Mitglieder seien getötet worden, erklärte das israelische Militär. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza erhöhte sich die Zahl der Toten um elf auf nunmehr 43, darunter mehrere Kinder. Auch im besetzten Westjordanland flammte die Gewalt auf. Bei Zusammenstößen mit israelischen Streitkräften wurde ein 16-jähriger Palästinenser Medizinern zufolge getötet. "Israel ist verrückt geworden", sagte ein Mann in Gaza-Stadt, wo Menschen aus ihren Häusern auf die Straßen flüchteten, während Explosionen zu hören waren.

80 Kampfjets waren nach israelischen Angaben an den Angriffen beteiligt. Zudem seien Infanteristen zur Verstärkung der an der Grenze zum Gazastreifen postierten Panzereinheiten geschickt worden. Zuletzt war der Konflikt 2014 derart eskaliert. Damals wurden in einem siebenwöchigen Krieg nach palästinensischen Angaben mehr als 2100 Bewohner des Gazastreifens getötet und Tausende Gebäude zerstört. Auf israelischer Seite starben 73 Menschen.

KEINE ENTSPANNUNG IN SICHT

International mehrten sich Aufrufe, die Gewalt zu stoppen. Der UN-Beauftragte Wennesland sagte, die Vereinten Nationen arbeiteten mit allen Seiten daran, die Lage zu beruhigen. Ägypten forderte Sicherheitskreisen zufolge in einem Telefonat die Palästinenser-Führung zur Zurückhaltung auf. Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Bundesregierung verurteile die Raketenangriffe aufs Schärfste. Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung. Justizministerin Christine Lambrecht erklärte, auch die jüngsten Angriffe auf jüdische Synagogen und das Verbrennen von Israel-Fahnen in Deutschland seien auf das Schärfste zu verurteilen. "Dieser antisemitische Hass ist eine Schande".

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte dagegen nach Angaben seines Büros in einem Telefonat mit Russlands Staatschef Wladimir Putin, die internationale Gemeinschaft müsse Israel "eine andere Lektion erteilen". Er bekräftigte seine Forderung nach einer internationale Friedenstruppe zum Schutz der Palästinenser in die Region. Das US-Präsidialamt erklärte, Israel habe das Recht, sich gegen die Raketenangriffe zu verteidigen. Zugleich übte es aber auch Druck auf Israel wegen des Umgangs mit den Palästinensern aus: Jerusalem müsse "ein Ort der Ko-Existenz" sein. Netanjahu warnte indes, die Extremisten würden einen "sehr hohen" Preis für den Beschuss zahlen. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, es würden auch weiterhin "Gebäude zerbröckeln". Hamas-Anführer Ismail Hanijeh machte Israel für die Gewalt verantwortlich.

Die Gefechte zwischen Israel und den Palästinensern hatten am Montag begonnen. In den Tagen zuvor war es an der Al-Aksa-Moschee in Ost-Jerusalem zu Ausschreitungen zwischen beiden Seiten gekommen. Verschärft wurden die Spannungen durch Pläne, Häuser palästinensischer Familien in Ost-Jerusalem zu räumen. Das Land, auf dem sie leben, wird von jüdischen Siedlern beansprucht.

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