Panorama

Im Bann der Erinnerung: Abbas Comeback elektrisiert die deutschen Oldie-Fans

Als wären sie nie weg gewesen: Die ersten neuen Songs von Abba klingen so, wie Fans es wohl erhofft haben. Mehr Nostalgie war selten. Das Comeback der Schweden ist für viele eine Sensation.
04.09.2021 11:52
Aktualisiert: 04.09.2021 11:52
Lesezeit: 2 min
Im Bann der Erinnerung: Abbas Comeback elektrisiert die deutschen Oldie-Fans
Dieses undatierte Foto zeigt digitale Bilder von Björn Ulvaeus (l-r), Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad, Mitglieder der schwedischen Popgruppe Abba. (Foto: dpa)

Schon nach wenigen Stunden haben Millionen die beiden neuen Abba-Songs bei Youtube angeklickt. Es ist eine Sensation im Musikkosmos. Die legendäre schwedische Pop-Band veröffentlicht zwei neue Lieder, kündigt ein neues Album an und in London außerdem eine rund anderthalbstündige Show mit 22 Songs, in der ab Mai 2022 digitale Abbilder/Avatare (sogenannte Abbatare) der vier Musiker von einer zehnköpfigen Liveband begleitet werden sollen.

Für viele Fans wird ein Traum wahr: „Als sie das erste Lied angestimmt haben, liefen bei uns allen die Tränen“, erzählt Regina Grafunder am Freitag. Die 55-Jährige aus Niedersachsen hat in Berlin zusammen mit anderen geladenen Fans die Londoner «Abba Voyage»-Veranstaltung verfolgt, bei der Benny Andersson und Björn Ulvaeus die Rückkehr ankündigten. „Es war so wunderschön, als Frida anfing zu singen. Hinterher lagen wir uns in den Armen.“

Nach ihrer Trennung im Jahr 1982 hatten Abba immer wieder ausgeschlossen, wieder zusammenzukommen. Überraschend teilte die Popgruppe dann 2018 mit: „Es war so, als ob die Zeit stillgestanden habe, und wir waren nur für einen kurzen Urlaub weg.“ Damals verrieten Agnetha Fältskog, Benny Andersson, Björn Ulvaeus und Anni-Frid „Frida“ Lyngstad (deren Vornamen als sogenanntes Akronym den Bandnamen ABBA ergeben), zwei neue Songs aufgenommen zu haben.

Fans waren elektrisiert. Und mussten nochmal drei Jahre warten. Doch jetzt, wenn sie „Don't Shut Me Down“ und „I Still Have Faith In You“ hören, verstehen Millionen, was mit der gefühlt kurzen Abwesenheit von Agnetha (heute 71), Benny (74), Björn (76) und Anni-Frid (75) gemeint war. Es sind Songs, die wie aus einer Zeitkapsel der späten 70er in unsere Gegenwart gesprungen zu sein scheinen.

„Sie hören sich genauso an wie früher. Der Abba-Sound ist absolut zeitlos und berührt mich immer wieder“, sagt Grafunder, die einen internationalen Fanclub für die Band leitet.

Viele trauen ihren Ohren kaum: Ist das jetzt gerade das Jahr 2021 oder 1978? Passend dazu heißt das neue Album, das für Anfang November angekündigt worden ist, auch noch „Voyage“, also auf Deutsch „Reise“. Und die Musik ist wie eine Reise, eine bon voyage, in die Vergangenheit - in die gute alte Zeit, wie wohl manche denken.

Die 70er werden in (West-)Deutschland gerne verklärt: Dann wird weniger an die Konjunkturkrise, die Inflation und den RAF-Terrorismus gedacht als an sexuelle Befreiung, Schlaghosen und die freche Kinderserie „Pippi Langstrumpf“ mit Inger Nilsson. Die schwedische TV-Serie lief in der Bundesrepublik ab 1971. Schweden war in den 70ern das sozialdemokratische Vorzeige- und Sehnsuchtsland. Der Spitzensteuersatz lag bei bis zu 85 Prozent. Schweden, das war Wohlfahrt, Volvo, Ikea, Astrid Lindgren, Abba-Pop.

Online häufen sich am Freitag die Kommentare bei Youtube in vielen Sprachen: „Dass ich das noch erleben darf. Wie Geburtstag, Weihnachten und Silvester gleichzeitig“, schreibt ein Mann, der ergänzt, auch ein 50-Jähriger dürfe mal weinen. „Das Leben in diesen schwierigen Zeiten ist wieder heller und bunter.“ Und ein anderer Herr gesteht: „Abba ist wieder da und mit Abba meine Jugend und all' die vergessen geglaubten Gefühle.“

Patricia Dreyer beim «Spiegel» gab dagegen zu, damit zu hadern, „dass wir als Gesellschaft ständig Dinge tun, weil wir es können, und nicht fragen, ob es tatsächlich sinnvoll ist“: „Warum schon wieder etwas beleben, das seine Zeit doch hatte? Was abgeschlossen war, perfekt nicht nur in seiner Vollendung, sondern weil es endlich war.“

In der Bundesrepublik hatten Abba viele Nummer-eins-Hits in den Jahren zwischen 1974 und 1981. Abba zählt zu den erfolgreichsten Bands überhaupt. Es begann 1974 beim Eurovision Song Contest im südenglischen Seebad Brighton. In den Folgejahren wurde Abba europäischer Konsens-Pop. Die Lieder wurden immer wieder gecovert oder benutzt, etwa von Stars wie Cher.

Das Musical „Mamma Mia!“ mit Abba-Hits und dessen Verfilmung mit Meryl Streep und Amanda Seyfried festigte in den Nullerjahren ältere Fans und gewann auch Jüngere für die Ohrwürmer hinzu. Viele dieser Leute sind nun gerührt. Und Abba scheint sich auch an sie alle zu richten. Im Text von „Don't shut me down“ heißt es nämlich übersetzt: „Und jetzt siehst du ein anderes Ich, ich wurde neu geladen“. Und: „Ich bin wie ein Traum in einem Traum, der entschlüsselt wurde; Ich wurd entzündet, ich brenne, schalt mich nicht aus.“

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