Unternehmen

Abhängigkeit vom Ausland schadet Industrie massiv: Deutschland muss wieder eigene Rohstoffe produzieren

Die deutschen Stahl- und Metall-Verarbeiter stehen derzeit massiv unter Druck. Christian Vietmeyer, der Hauptgeschäftsführer des "Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung", stellt deswegen an die Bundesregierung eine Reihe unmissverständlicher Forderungen.
01.11.2021 10:38
Aktualisiert: 01.11.2021 10:38
Lesezeit: 2 min
Abhängigkeit vom Ausland schadet Industrie massiv: Deutschland muss wieder eigene Rohstoffe produzieren
Die Branche wird durch viele Probleme belastet - unter anderem in den Lieferketten. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat seine Frühjahrsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,9 Prozent auf 2,6 Prozent nach unten korrigiert.

Kommt das für Sie überraschend?

Christian Vietmeyer: Nein. Natürlich kann ich nicht für die gesamte Wirtschaft sprechen. Doch ist in unseren Industrien klar zu sehen, dass in den vergangenen Wochen und Monate verstärkt Probleme in den Lieferketten aufgetreten sind. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass die Bundesregierung ihre Prognose noch einmal zurückschrauben musste.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Könnten Sie die gesamte Lieferketten-Problematik noch einmal erläutern. Welche Schwierigkeiten gibt es?

Christian Vietmeyer: Ein wichtiges Problem ist, dass unsere Unternehmen notwendige Rohstoffe für die Produktion – beispielsweise Stahl – nicht kaufen konnten, weil die Produktionsländer nicht genügend geliefert haben. Zusätzlich haben unsere Kunden oft die Aufträge storniert, weil ihnen zu wenig Halbleiterprodukte zur Verfügung gestanden haben. Darüber hinaus hat eine enorme Preissteigerung beim Energiebezug die Firmen belastet. Zusätzlich waren mangelnde Verfügbarkeiten in der Logistik zu sehen. Die Transportmöglichkeiten waren eingeschränkt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: „2022 wird die Wirtschaft aber deutlich an Fahrt aufnehmen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Altmaier. „Das ist eine gute Nachricht für die neue Bundesregierung“, fügte er hinzu. Sehen Sie das auch so?

Christian Vietmeyer: Das sehe ich so nicht. Zwei Dinge dürften sich so schnell nicht ändern. Zum einen wird die Branche weiterhin vom Halbleitermangel belastet. Zum anderen werden wohl auch die Energiepreise exorbitant hoch sein.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was muss denn die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht jetzt unbedingt als erstes tun?

Christian Vietmeyer: Sie muss die Strom- und Gaspreise senken, indem sie die staatlichen Abgaben absenkt, die auf beiden liegen. Darüber hinaus muss die Bundesregierung eine Rohstoff-Initiative ins Leben rufen, die garantiert, dass den Firmen immer Rohstoffe zur Verfügung stehen. Ein neues Problem, das jetzt noch gar nicht so zu sehen ist, wird bis zum Jahresende der verstärkte Mangel an Magnesium sein, das unter anderem für die Herstellung von Aluminium wichtig ist. Wir dürften jetzt Probleme bekommen, Aluminium herzustellen. Derzeit wird das Magnesium überwiegend noch aus China eingekauft. Ein Grund, warum die Asiaten hier das Monopol haben, besteht darin, dass sich die Herstellung in Deutschland und in Europa wegen des hohen Energieeinsatzes schlichtweg nicht lohnt. Ein wichtiges Ziel der Initiative muss deshalb sein, dass die Produktion dieses Rohstoffs hierzulande wieder rentabel wird. Es kann nicht sein, dass unsere Firmen immer auf Importe aus China angewiesen sind. Wir müssen in Deutschland wieder Produktionsbedingungen für Unternehmen schaffen, die dringend benötigte Rohstoffe herstellen. Darüber hinaus kann man sich bei Rohstoffen, die besonders wichtig sind, gesonderte Lager mit Reserven anlegt. Man kann sich auch überlegen, ob man nicht eine Art Rohstoff-Beauftragten der Bundesregierung bestellt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie soll diese Rohstoff-Initiative ins Leben gerufen werden – national oder europäisch?

Christian Vietmeyer: Selbstverständlich muss man die anderen europäischen Staaten einbinden. Doch kann die Initiativen zweigleisig gründen – sowohl in Deutschland als auch in Europa.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wirkt sich denn noch die Pandemie auf die Märkte aus?

Christian Vietmeyer: Mit allen Folgen ist die Pandemie mit Sicherheit noch nicht überwunden. Die Probleme beim Transport und die Knappheiten, die die Märkte belasten, sind auch Rückschlag-Effekte, die von der Ausbreitung des Erregers herrühren. Die Pandemie wirkt sich nicht mehr direkt aus, zeigt aber durchaus noch auf indirekte Weise negative Effekte.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welchen Ausblick geben Sie?

Christian Vietmeyer: Für das laufenden Jahr ist die Prognose eher pessimistisch. Der Automobilverband VDA geht von einem Produktionsrückgang bei PKW in Deutschland gegenüber dem Vorjahr von 18 Prozent aus. Für 2022 zeigen wir uns verhalten, allerdings in keine Richtung. Wir sind weder sonderlich positiv noch sonderlich negativ gestimmt. Es ist schwer vorherzusagen, wie lange die Halbleiterkrise noch im kommenden Jahr andauern wird.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Vietmeyer, herzlichen Dank für das Gespräch.

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