Politik

Ist Putin im Herzen ein Grüner?

Wladimir Putin hat sich zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß deutlich zu reduzieren.
04.11.2021 10:11
Lesezeit: 4 min
Ist Putin im Herzen ein Grüner?
Pflanzt einen Baum: Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa) Foto: Alexey Druginyn/Ria Novosti/Krem

In einem sowjetischen Witz aus den 1970er Jahren lässt das Politbüro Stalin wieder auferstehen und fragt ihn, was es gegen die wirtschaftliche Stagnation und die weit verbreitete Desillusionierung hinsichtlich der kommunistischen Ideale tun soll. Stalin schlägt ein zweiteiliges Programm vor: erstens, alle Kommunisten zu erschießen, und zweitens, den Kreml grün anzustreichen. „Warum grün?“, fragen die schockierten Politbüromitglieder. Ein lächelnder Stalin antwortet: „Ich wusste, dass es zum ersten Teil keine Fragen geben würde.“

Angesichts der zunehmenden staatlich sanktionierten Unterdrückung sowie der Anwendung von Folter im heutigen Russland erscheint dieser Witz nicht mehr ganz so weit hergeholt oder veraltet. In einer Umfrage vom März 2021 gaben 52 Prozent der Befragten – der mit Abstand höchste Anteil in der postsowjetischen Geschichte Russlands – an, dass sie eine Rückkehr zur Tyrannei befürchten. Noch erstaunlicher ist jedoch, dass die russische Regierung nun Stalins zweitem Vorschlag folgt und den Kreml grün färbt.

Natürlich ist das Schloss aus dem fünfzehnten Jahrhundert in der Moskauer Innenstadt immer noch rot gestrichen. Aber seine Herren haben plötzlich begonnen, die Sprache der Dekarbonisierung zu sprechen. Am 13. Oktober verkündete Präsident Wladimir Putin auf dem Forum der Russischen Energiewoche, dass Russland bis 2060 CO2-neutral werden will – zehn Jahre nach den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, aber zur gleichen Zeit wie China.

Dies ist eine gewaltige Veränderung, denn Russland hat bislang vermieden, sich ehrgeizige Klimaziele zu setzen. Zwar hat sich das Land im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 auf 70-75 Prozent des Wertes von 1990 zu begrenzen. Da seine Emissionen im Jahr 2015 aber nur die Hälfte des Niveaus von 1990 betrugen, erlaubte diese Zusage Russland sogar einen Anstieg der Emissionen.

Im Juli 2019 verteidigte Putin bekanntlich fossile Brennstoffe, indem er behauptete, Windenergie verursache Umweltschäden, die Vögeln und Würmern schadeten (dies war jedoch eine Verbesserung gegenüber einer Rede aus dem Jahr 2010, in der er sagte, dass die Windenergie nicht nur Vögeln und Würmern schade, sondern auch Maulwürfen). Noch im Dezember 2019 sagte Putin, dass „niemand die Ursachen des Klimawandels wirklich kennt“. Darüber hinaus verabschiedete Russland im Juni 2020 eine auf 15 Jahre angelegte Energie-Strategie, die davon ausgeht, dass sich die Ölproduktion bis 2035 nicht verändert und die Kohle- und Gasproduktion nur geringfügig zunimmt. Solar- und Windenergie wurden in dem Dokument kaum erwähnt und keine quantitativen Ziele für sie festgelegt. Und die Regierung plante nicht einmal die Einführung eines Emissionshandelssystems.

Was hat sich also seit dem letzten Jahr geändert? Zunächst einmal hat die EU – Russlands wichtigster Handelspartner – ihre grüne Agenda deutlich ernster genommen. Im Juli stellte die Europäische Kommission ihr so genanntes Fit-for-55-Maßnahmenpaket vor, das darauf abzielt, die Treibhausgas-Emissionen der Union bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Insbesondere plant die EU die Einführung eines CO2-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM), der eine Abgabe auf einige kohlenstoffintensive Importe von außerhalb der EU erheben wird.

Da sich der vorgeschlagene CBAM nicht auf Öl und Gas bezieht, werden seine wirtschaftlichen Auswirkungen auf Russland insgesamt wahrscheinlich recht begrenzt sein und nach unabhängigen Schätzungen 2 Milliarden Euro pro Jahr nicht überschreiten, während die russische Regierung mit einer Milliarde pro Jahr rechnet. Selbst die höheren Schätzungen entsprechen weniger als 0,2 % des russischen BIP – ein geringer Betrag im Vergleich zu den Auswirkungen er weltweiten Ölpreisschwankungen auf den Staatshaushalt. Nichtsdestotrotz sind die russischen Unternehmen, die von der CBAM betroffen sein werden – Exporteure von Stahl, Aluminium und Düngemitteln – wichtige politische Akteure, denen es gelungen ist, die Regierung und den Präsidenten davon zu überzeugen, den Politikwechsel der EU ernst zu nehmen.

Der andere Grund für Putins offensichtliche Dekarbonisierungs-Bestrebungen ist, dass der Klimawandel Russland die Möglichkeit bietet, seine internationale Isolation zu überwinden. Da der Klimawandel ein globales Problem darstellt, hofft der Kreml, dass die Bewältigung dieses Problems den Westen dazu veranlasst, sich mit Russland auseinanderzusetzen und möglicherweise einige zerrüttete Beziehungen zu reparieren. So hat Putins Klimabeauftragter ausdrücklich ein Ende der Sanktionen gegen Gazprom und andere russische Unternehmen, die grüne Projekte durchführen, gefordert.

Der grüne Kehrtwende des Kremls scheint glaubwürdig. In diesem Sommer hat die Regierung sieben ressortübergreifende Arbeitsgruppen eingesetzt, die eine umfassende Dekarbonisierungs-Strategie ausarbeiten sollen. Im September verabschiedete das russische Parlament das erste Gesetz des Landes zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen von Großunternehmen. Im nächsten Jahr wird Russland sein erstes Pilotprogramm für den Emissionshandel auf der Insel Sachalin starten, die bis 2025 CO2-neutral sein soll.

Doch dies sind vorerst nur Erklärungen und Pläne; die Realität vor Ort sieht ganz anders aus. Während Europa mit dem stärksten Anstieg der Erdgaspreise seit mehr als einem Jahrzehnt konfrontiert ist, macht Putin die Ungeduld der Europäer bei der Umstellung auf stark wetterabhängige erneuerbare Energien für diese Krise verantwortlich.

Russland bestreitet, dass es den Anstieg der Gaspreise verursacht hat, und die EU hat anerkannt, dass Russland seine langfristigen Lieferverträge erfüllt. Die EU ist jedoch besorgt darüber, dass Gazprom trotz der sehr hohen Preise kein zusätzliches Gas liefert, was auf einen Missbrauch der Monopolmacht hindeuten und zu einer Untersuchung durch die Europäische Kommission führen könnte. Auch die Verringerung der Füllstände in den von Gazprom kontrollierten europäischen Erdgas-Speichern dürfte zum Preisanstieg beigetragen haben. Um den Schaden noch zu vergrößern, bot Putin am 21. Oktober an, die russischen Gaslieferungen nach Europa zu erhöhen – unter der Voraussetzung, dass die Nord Stream 2-Pipeline, die Gas direkt nach Deutschland liefert und damit die Ukraine umgeht, in Betrieb genommen werden kann.

Der Kontrast zwischen Russlands traditioneller Energiepolitik und seinem neuen Dekarbonisierungs-Kurs könnte nicht größer sein. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die derzeitige Gaskrise Europa dazu bringen wird, auf Putin zu hören und sich von erneuerbaren Energien abzuwenden. Im Gegenteil, die EU könnte jetzt einen zusätzlichen Anreiz haben, ihren grünen Wandel zu beschleunigen und weniger abhängig von russischem Gas zu werden. Letztendlich wird dies auch die Nachfrage nach Russlands fossilen Brennstoffen verringern – und den Kreml dazu zwingen, sich endlich ernsthaft um eine umweltfreundliche Energieversorgung zu bemühen.

Übersetzung: Andreas Hubig

Copyright: Project Syndicate, 2021.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Sergej Guriev

Sergei Guriev ist Professor für Volkswirtschaft an der Elite-Universität "Institut für politische Studien Paris" (Sciences Po). Davor war er Rektor der Moskauer Privat-Universität "New Economic School" sowie Chef-Volkswirt der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.  
DWN
Finanzen
Finanzen Aktienmarkt in Gefahr: Investoren warnen vor Eskalation im Iran-Konflikt
25.03.2026

Die Märkte geraten ins Wanken, während geopolitische Spannungen eskalieren. Investoren befürchten nach den Drohungen eines eskalierenden...

DWN
Politik
Politik Russlands Ölexport unter Beschuss: Energiekrieg erreicht neue Stufe
25.03.2026

Explosionen in russischen Ostseehäfen lassen den Ölfluss abrupt versiegen. Die Angriffe treffen Moskaus Energieinfrastruktur empfindlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tarif-Durchbruch in der Chemie: Mehr Geld und Jobgarantie für 585.000 Beschäftigte
25.03.2026

Lohnplus trotz Krise: Die rund 585.000 Beschäftigten der deutschen Chemie- und Pharmabranche erhalten künftig deutlich mehr Geld. Nach...

DWN
Politik
Politik Turbo für die Verteidigung: EU plant Millionen-Spritze für Militär-Innovationen
25.03.2026

Die EU-Kommission will die militärische Schlagkraft Europas durch schnellere Innovationszyklen sichern. Ein neues Förderinstrument namens...

DWN
Politik
Politik Digitale Gewalt: Was die Regierung jetzt plant
25.03.2026

Deepfakes, Überwachung, intime Bilder – digitale Gewalt nimmt zu, und der politische Druck wächst. Die Bundesregierung arbeitet an...

DWN
Politik
Politik Recht auf Reparatur: So sparen Sie künftig Geld bei Handy, Waschmaschine & Co.
25.03.2026

Schluss mit der Wegwerf-Kultur: Das neue „Recht auf Reparatur“ soll die Lebensdauer von Haushaltsgeräten und Smartphones deutlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BASF-Aktie: Mega-Werk in China eröffnet – Wachstumschance oder riskante Wette?
25.03.2026

Der Chemieriese BASF setzt voll auf Expansion: Mit der offiziellen Eröffnung des neuen Verbundstandorts in Zhanjiang nimmt der...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilien-Hammer 2026: Steigende Preise und Zins-Schock durch Iran-Krieg
25.03.2026

Immobilienkäufer stehen vor einer Doppelbelastung: Erstmals seit 2022 ziehen die Preise wieder an (+3,2 %), während der Iran-Krieg die...