Politik

Ukraine-Krieg: Washington tappt im Dunkeln

Obwohl die USA die Ukraine mit modernen Waffen unterstützt, weiß man in Washington nicht, wie sie eingesetzt werden.
24.06.2022 13:52
Aktualisiert: 24.06.2022 13:52
Lesezeit: 2 min

Avril Haines ohne Informationen: Die Koordinatorin der US-amerikanischen Geheimdienste konnte kürzlich in einem Senatsausschuss Fragen über den Kriegsverlauf auf den Schlachtfeldern der Ukraine und die nächsten Schritte von Präsident Wolodimir Selenskyj nicht beantworten.

Es sei «sehr schwer zu sagen», wie die künftige Strategie der Ukraine aussehen werde, sagte Haines. «Wir haben wohl einen besseren Einblick in die russische Seite als die ukrainische Seite.»

Anders ausgedrückt: Obwohl Washington seit der russischen Invasion für die Ukraine zivile und militärische Hilfspakete im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar genehmigt hat, tappt das Weiße Haus weitgehend im Dunkeln.

Die US-Regierung soll weder über die Pläne der ukrainischen Streitkräfte informiert, noch über Rückschläge im Kampf gegen die Russen in Kenntnis gesetzt werden. Selbst US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, der sich regelmäßig mit Offiziellen in Kiew austauscht, besitze keine Zusatzinformationen, berichtete kürzlich die «New York Times».

Die USA selbst hat nach amtlichen Angaben sämtliche Militärberater und Ausbildner aus Kiew abgezogen. Damit fehlt ihnen der direkte Draht zu den ukrainischen Streitkräften und den kommandierenden Generälen.

Ein weiteres Problem dieser Partnerschaft: Den ukrainischen Streitkräften fällt es zunehmend schwer, die modernen Waffen und Hilfsmittel aus ausländischer Produktion auf dem Schlachtfeld einzusetzen.

Auch berichtete die New York Times kürzlich über den Einsatz von Nachtzielgeräten des Typus JIM LR – ein Hightech-Feldstecher - der Artillerie-Ziele in 10 Kilometer Entwerfung lokalisieren kann. Das Problem dabei: Die in der Umgebung von Cherson stationierten ukrainischen Truppen hätten nicht gewusst, wie die Geräte funktionierten.

«Ich habe versucht zu lernen, wie man es benutzt, indem ich das Handbuch auf Englisch gelesen und Google Translate verwendet habe, um es zu verstehen», zitierte die Zeitung einen Korporal der ukrainischen Streitkräfte.

Ein anderes Beispiel: Die Haubitzen des Typus M777 beruhen auf dem Maßsystem, das in Amerika geläufig ist. Sie lassen sich deshalb nicht mit europäischen Schraubenschlüsseln auseinandernehmen und warten.

In den USA herrscht die Angst vor, dass Kiew die Regierung Biden vor vollendete Tatsachen stellen könnte, falls sich der Wind auf dem Schlachtfeld dreht. Der US-Präsident betont zwar immer wieder, dass es Sache Selenskyjs sei, den Krieg am Friedenstisch zu beenden. Allerdings will er sich auch nicht dem Vorwurf ausgesetzt sehen, Geld aus dem Fenster zu werfen.

Am rechten und linken Flügel des politischen Spektrums in den USA wird der Ruf nach besserer Aufsicht über die Hilfspakete für die Ukraine lauter. Abgeordnete in Washington wollen wissen, wie und wo Kiew die US-Waffen einsetzt.

So sagte die demokratische Senatorin Elizabeth Warren kürzlich während einer Anhörung: Sie unterstütze die Ausgaben, sei "aber sehr besorgt über die Risiken von Verschwendung", angesichts der milliardenschweren Hilfspakete. Die Mittel, die der Kongress in Washington genehmigt, müssten verantwortungsvoll ausgegeben werden. Bisher aber habe das Pentagon es unterlassen, Rechenschaft über die verteilten Gelder abzulegen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Renk-Aktie: Fünf Faktoren für die Rekordzahlen des Augsburger Panzergetriebe-Herstellers
27.04.2026

Rekordumsatz, volle Auftragsbücher, starkes US-Geschäft: Der Augsburger Panzergetriebe-Hersteller Renk profitiert massiv vom...

DWN
Panorama
Panorama White House Correspondents Association: Sicherheitslücken bei Trump-Gala sorgen für Kritik
27.04.2026

Schüsse bei einer Gala mit Donald Trump erschüttern Washington und werfen drängende Fragen zur Sicherheit auf. Hochrangige Politiker...

DWN
Politik
Politik Sipri-Analyse: Globale Aufrüstung - warum die Militärausgaben explodieren
27.04.2026

Die weltweiten Militärausgaben steigen weiter und erreichen neue Höchststände. Konflikte, Unsicherheit und geopolitische Rivalitäten...

DWN
Finanzen
Finanzen Nordex-Aktie hebt ab: Starke Zahlen, aber ein Risiko bleibt
27.04.2026

Starke Nordex-Zahlen, steigende Margen und ein fester Ausblick – die Nordex-Aktie zeigt sich in robuster Verfassung. Doch ein Blick auf...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Industriegesetz: China droht mit Maßnahmen gegen den Industrial Accelerator Act
27.04.2026

Mit dem EU-Industriegesetz will die EU ihre Schlüsselindustrien schützen und ausbauen. Doch China reagiert scharf auf die Pläne und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft GfK-Konsumklimaindex im Sinkflug: Kauflaune unter Druck
27.04.2026

Immer mehr Deutsche halten ihr Geld zusammen: Der GfK-Konsumklimaindex verschlechtert sich weiter und signalisiert sinkende Kauflaune....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Chef: Mehr Entwicklung in China - Image intakt
27.04.2026

Mit neuen Elektro-Modellen und lokalen Lieferketten will Mercedes in China wachsen. Was der Konzern für das Image und die Technik plant.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa in der KI-Abhängigkeit: Wie Software die Wertschöpfung verlagert
27.04.2026

KI verschiebt die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse in Europa und macht technologische Abhängigkeit zu einem Risiko für Wohlstand und...