Wirtschaft

Trotz Energie-Notstand: Deutscher Versorger liefert Gas nach Marokko

Der zweitgrößte Energieversorger Deutschlands liefert Gas nach Marokko. Angesichts der gegenwärtigen Umstände ist der Deal politisch heikel. Gleichzeitig zeigt er die massiven Verflechtungen von staatlichen Akteuren und Rohstoffproduzenten auf.
09.08.2022 18:59
Aktualisiert: 09.08.2022 18:59
Lesezeit: 4 min

Der deutsche Strom- und Energiekonzern RWE liefert amerikanisches Erdgas über Spanien nach Marokko. Die Geschäftsbeziehung ist vollkommen legal, stößt aber vor dem Hintergrund des Gas-Mangels in Europa auf Kritik.

Wie die Wirtschaftswoche Ende Juli berichtete, kauft RWE demnach amerikanisches Flüssiggas in den Häfen Spaniens und Portugals ein, regasifiziert es in Spanien und schickt es mithilfe einer Pipeline über die Meerenge von Gibraltar nach Marokko.

Geopolitisches Minenfeld

Die Lieferungen haben in Europa angesichts der angespannten Situation auf dem Gasmarkt für Kritik gesorgt. Insbesondere spanische Medien halten sich mit Berichten nicht zurück. RWE sichere dem marokkanischen Königshaus einen „Luxus, den die europäischen Bürger nicht genießen können“, zitiert die Wirtschaftswoche beispielsweise die Zeitung Merca2 mit Blick auf extreme Preissteigerungen für Haushalte und drohende Energie-Engpässe im anstehenden Winter.

Der Liefervertrag, der aus Sicht Deutschlands ärgerlich aber legal ist, beinhaltet jedoch auch eine geopolitische Dimension, die einige Risiken für die Europäer bereithält.

Grund für Marokkos Nachfrage nach Gas aus Europa ist eine Auseinandersetzung mit dem Nachbarn Algerien um die umstrittene Region Westsahara südlich von Marokko. Dort kämpften Rebellen jahrzehntelang gegen marokkanische Streitkräfte für einen eigenen Staat. Unterstützt wurden und werden sie von Algerien – und bislang auch von Spanien.

Doch vor wenigen Monaten vollzog die Regierung in Madrid plötzlich eine Kehrtwende und gab ihren langjährigen Widerstand gegen die Politik Marokkos in der Westsahara auf – sehr zum Ärger von Algerien. Marokko, so offenbar die Hoffnung der grünen Planer in Brüssel und Madrid, soll in Zukunft in riesigem Umfang Strom aus Solaranlagen und Windkraft produzieren, der wiederum zur Herstellung von „grünem Wasserstoff“ genutzt werde.

Algier reagierte, indem es den wirtschaftlichen Einfluss seines riesigen, mit Gasvorkommen gesegneten Staatsgebiets, einsetzte: sämtliche Gaslieferungen nach Marokko und Spanien über die „Maghreb-Europa-Pipeline“ wurden eingestellt. Der Durchfluss in der „Medgaz-Pipeline“, die Algerien unter Umgehung von marokkanischem Territorium direkt mit Spanien verbindet, wurde gedrosselt.

Nun sitzen also sowohl Marokko als auch Spanien auf dem Trockenen. Die politische Krise im Verhältnis zu Algier kann Madrid teuer zu stehen kommen. Immerhin fast ein Viertel des spanischen Bedarfs steuerten die Algerier in der Vergangenheit bei. Dass die „Maghreb-Europa-Pipeline“ nun unbenutzt ist, bietet RWE wiederum überhaupt erst die Möglichkeit, Gas nach Marokko zu verkaufen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch der offiziell geäußerte Wunsch Algeriens, dem Staaten-Format BRICS beizutreten.

Lesen Sie dazu: Algerien will Staatenbund BRICS beitreten

„Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die spanischen Sozialdemokraten gegen alle Parteien im Land auf das falsche Pferd gesetzt haben, als sich die Regierung im Frühjahr auf die Seite Marokkos in der Westsahara-Frage geschlagen hat. Berichtet wurde an dieser Stelle aber auch, dass man im grünen Baerbock-Außenministerium ebenfalls ‚völkerrechtliche Prinzipien‘ für eine dubiose grüne Wasserstoff-Strategie billig verkauft und dafür die Gasversorgung noch stärker aufs Spiel setzt“, kommentiert das Portal Heise die verfahrene Situation.

Der politische Schwenk Spaniens auf die Seite Marokkos hat laut Heise noch mehr pikante Hintergründe zu bieten. So soll Marokko Spaniens Ministerpräsidenten Pedro Sánchez mit der Spionagesoftware Pegasus abgehört haben. Bekannt ist aus der Vergangenheit, dass das nordafrikanische Land die EU faktisch mit Migranten zu erpressen versuchte. Und nicht zuletzt habe „Brüssel den marokkanischen Behörden 2019 Überwachungstechnologie zur Verfügung (gestellt), die den Zugriff auf sichergestellte Telefone ermöglicht.“ Journalisten und Aktivisten hätten daraufhin unter „Schikanen durch die Behörden“ gelitten.

„Haben nicht über unsere Verhältnisse gelebt“

Als sei die Situation nicht schon verworren genug, überzog die spanische Regierung die Bundesregierung zuletzt mit beißender Kritik. Die Forderungen aus Berlin, doch bitte im anstehenden Krisenwinter „solidarisch“ zu sein und rund 15 Prozent des eigenen Gasbedarfs einzusparen, um es notfalls nach Mitteleuropa zu pumpen, wurde brüsk zurückgewiesen.

„Wir können doch keine Opfer bringen, zu denen wir nicht gefragt worden sind“, wurde Umweltministerin Ribera von Medien zitiert. Im Gegensatz zu anderen Ländern, so die Ministerin, „haben wir Spanier in Sachen Energieverbrauch nicht über unsere Verhältnisse gelebt“ – ein eindeutiger Verweis auf Deutschland und dessen im Zuge des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen gegen Russland in Schieflage geratene Energiewende.

Fulminante Kehrtwende

Inzwischen hat die sozialistische Regierung auch in dieser Frage eine fulminante Kehrtwende hingelegt und Anfang August „dringende Maßnahmen“ zur Einsparung und zur effizienteren Nutzung von Energie beschlossen. Die konservative Opposition kündigte allerdings schon wenige Stunden nach der Bekanntgabe Widerstand an. Als erste reagierte mit einer Boykottansage die einflussreiche Regierungschefin der Autonomen Gemeinschaft Madrid, Isabel Díaz Ayuso. Sie verkündete, ihre Region werde die Maßnahmen nicht befolgen. Ministerpräsident Pedro Sánchez entgegnete, in Spanien müsse das Gesetz respektiert werden.

Die Maßnahmen, die auch von Unternehmerverbänden kritisiert wurden, waren auf einer Kabinettssitzung beschlossen worden. Demnach dürfen alle Einrichtungen des öffentlichen Sektors, aber auch Kaufhäuser, Kinos, Arbeitsstätten, Hotels, Bahnhöfe und Flughäfen ihre Räumlichkeiten künftig im Sommer auf nicht weniger als 27 Grad abkühlen und im Winter auf höchstens 19 Grad beheizen.

Die Beschlüsse des königlichen Dekrets müssen nach Regierungsangaben spätestens nach einer einwöchigen „Anpassungsperiode“ nach Veröffentlichung im Amtsblatt umgesetzt werden. Sie sollen bis zum 1. November 2023 in Kraft bleiben. Es handele sich um ein erstes Maßnahmenpaket, das in einer „kritischen Lage“ nötig sei. Europa benötige die Hilfe Spaniens. „Es ist an der Zeit, solidarisch zu sein“, betonte die bereits erwähnte Teresa Ribera nun.

Neben anderen Maßnahmen müssen Läden und Betriebe mit automatischen Systemen, die bis zum 30. September installiert sein müssen, ihre Türen geschlossen halten, um je nach Jahreszeit das Entweichen von Wärme oder kühler Luft zu vermeiden. Die Beleuchtung von nicht benutzen Büros, von Schaufenstern und Denkmälern muss außerdem nach 22 Uhr ausgeschaltet werden. Überprüfungen der Energieeffizienz von bestimmten Gebäuden sollen vorgezogen werden. Die Privatwirtschaft rief Ribera dazu auf, das Arbeiten im Homeoffice zu verstärken.

Mit diesen und mit weiteren Maßnahmen, die nach der Sommerpause beschlossen werden sollen, will die spanische Regierung die vom Land im Rahmen des in der vorigen Wochen vereinbarten europäischen Notfallplans eingegangenen Verpflichtungen einhalten. Spanien soll den Gaskonsum um „sieben bis acht“ Prozent reduzieren. Die Regierung von Sánchez hatte sich wie andere dem Notfallplan zunächst widersetzt, das Vorhaben nach Zugeständnissen aber am Ende gebilligt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Autofahren in Deutschland immer teurer: Warum das so ist und was Sie tun können
13.04.2026

Autofahren wird für viele Menschen in Deutschland immer kostspieliger. Steigende Spritpreise, höhere Versicherungen und teurere...

DWN
Politik
Politik Analyse: Irans Führer fordern Trump heraus – wer hat am meisten zu verlieren?
13.04.2026

Die USA und der Iran verhandelten stundenlang, erzielten jedoch in Islamabad keinen Durchbruch. Sowohl die Kontrolle über die Straße von...

DWN
Finanzen
Finanzen BYD-Aktienkurs steigt: Kommt jetzt der Durchbruch?
13.04.2026

Die BYD-Aktie sorgt mit einem frischen Kaufsignal und starkem Auslandsgeschäft für Aufsehen. Gleichzeitig drücken Margenprobleme im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastungspaket der Bundesregierung: Kritik vom IW an Kosten und Wirkung
13.04.2026

Steigende Energiepreise und Inflation setzen Haushalte und Unternehmen unter Druck. Die Regierung reagiert mit einem umfangreichen...

DWN
Technologie
Technologie Anthropic versetzte das US-Finanzministerium wegen der Sicherheit der Banken in Aufruhr
13.04.2026

Das neue KI-Modell des Unternehmens Anthropic hat sich als außergewöhnlich leistungsfähig bei der Suche und Ausnutzung von...

DWN
Technologie
Technologie BioNTech-Aktie: Investoren konkurrieren um neues mRNA-Projekt
13.04.2026

Die BioNTech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci planen ein neues Biotech-Unternehmen mit Fokus auf mRNA-Therapien, das bereits vor dem...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie unter Druck: Schwache Verkaufszahlen belasten - in China ist VW dennoch wieder Spitzenreiter
13.04.2026

Der VW-Aktienkurs schwächelt angesichts rückläufiger Auslieferungen weltweit. Besonders China und die USA belasten die Entwicklung der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Effizienz im Job: So optimieren Sie Prozesse im Büro – und senken Kosten
13.04.2026

Meetings ohne Ergebnis, wachsende To-do-Listen und überholte Regeln: In vielen Teams hat sich unbemerkt Ballast angesammelt. Ein gezielter...