Deutschland

Deutschland: Versäumnisse holen Unternehmen ein

Eine neue Analyse zeigt, wie die erdgasbasierte Produktion in Deutschland den Stopp russischer Erdgaslieferungen auffangen könnte, verweist aber auch auf Versäumnisse der Industrie.
26.08.2022 11:58
Lesezeit: 2 min
Deutschland: Versäumnisse holen Unternehmen ein
Die Glasindustrie leidet besonders unter der Energiekrise. (Foto: dpa) Foto: Daniel Vogl

Es steht viel auf dem Spiel: Eine Schreckensnachricht jagt die nächste. Erst gestern brach der Gaspreis alle Rekorde und stieg auf 310 Euro je Megawattstunde. Und auch der deutsche Industriestandort läuft Gefahr auf der Strecke zu bleiben. Denn: Die dramatisch steigenden Preise für Gas und Strom entwickeln sich zu einem immer größeren Wettbewerbsnachteil für deutsche Unternehmen im Vergleich zu anderen Industrienationen, wie etwa den USA.

Allerdings: Eine neue Analyse zeigt jetzt, wie die erdgasbasierte Produktion in Deutschland den Stopp russischer Gaslieferungen auffangen könnte. Dabei kommt der wirtschafswissenschaftliche Exzellenzscluster ECONtribute an den Universitäten Köln und Bonn zum Schluss, dass Deutschland bei einem Komplettausfall russischer Gaslieferungen seinen Gasverbrauch bis zum Ende der kommenden Heizperiode im April 2023 um etwa 25 Prozent herunterfahren müsse. Das entspricht etwa 220 Terawattstunden, was so viel wie 22 Milliarden Kubikmeter sind, selbst wenn die geplanten Flüssiggasterminals an der Küste zum Winter hin in Betrieb gehen.

Von den rund 900 Terawattstunden Erdgas, die Deutschland jährlich verbraucht, kamen mehr als die Hälfte aus Russland, Industrie und Haushalte verbrauchen davon jeweils rund 30 Prozent, Gewerbe und Energieerzeuger den Rest.

Kein Grund zur Panik

Im Papier von ECONtribute heißt es, dass zwar Produktionen heruntergefahren werden müssten, allerdings auch die Möglichkeit bestehe, gasintensive Produkte aus anderen Ländern zu importieren. Dabei könnte die Bundesregierung den Aufbau neuer Lieferketten für Grundstoffe fördern, indem sie sich für zeitweise niedrigere Einfuhrzölle auf die Produkte einsetzte. Und: Panikmache sei fehl am Platz.

Der Chemiekonzern BASF mit Hauptsitz in Ludwigshafen etwa hat die Ammoniakproduktion in Deutschland bereits heruntergefahren, kauft ihn woanders ein oder produziert ihn in einem der US-Werke.

Die ECONtribute Forscher glauben weiter, dass Deutschland auch ohne Gas-Importstopp in eine Rezession gerät. Denn die Energiepreise – auch von Erdgas - begannen bereits vor einem Jahr extrem stark zu steigen, lange vor dem Ukraine-Krieg.

Rezession auch ohne Ukraine-Krieg

In den Niederlanden führte der Preisanstieg zum Beispiel dazu, dass der industrielle Gasverbrauch zwischen Januar und Juli 2022 um satte 25 Prozent sank. Große Einbrüche in der Produktion gäbe es deshalb nicht, so die Studie.

Auch bemängelt sie, dass es die deutschen Unternehmer es über Jahre hinweg versäumt haben, wirkliche Innovationen umzusetzen und tragfähige Lösungen für ihren zukünftigen Energiebedarf oder für Ressourcen schonende Produkte zu finden.

Schließlich sei seit 60Jahren bekannt, dass fossilbasierte Produktionen Auslaufmodelle sind und die Welt dringend ihren CO2-Ausstoß reduzieren muss. Und: Der Ausfall russischen Erdgases treffe die Industriefirmen im Norden und Westen des Landes sowieso eher wenig, weil sie überwiegend aus der Nordsee versorgt würden, vor allem aus Norwegen.

Das Problem der Glashersteller

Ein echtes Problem haben derzeit hingegen die Glashersteller. Denn die Glas-Schmelzwannen müssen zehn bis 15 Jahre halten und während dieser Zeit permanent auf 1.600 Grad gehalten werden – vorwiegend mit Erdgas. Wenn die Heizung plötzlich ausfiele, würde das Glas erstarren und die Anlage zerstören. Kostenpunkt einer Schmelzwanne: Rund 10 Millionen Euro.

Aber auch dort könnten zumindest die großen Unternehmen wie die Glasfabrik Gerresheimer aus Düsseldorf mit ihren insgesamt weltweit 47 Standorten dorthin ausweichen, wo russisches Gas keine Rolle spielt. Wobei Dietmar Siemssen, der Vorstandsvorsitzende von Gerresheimer, darauf verweist, dass die Zukunft in sogenannten Hybrid-Wannen läge, die man mit Strom und Wasserstoff beheizen kann.

Allerdings Tatsache ist auch: Allein eine elektrifizierte chemische Industrie würde wohl mehr Strom benötigen, als ganz Deutschland verbraucht. Deshalb: Ohne die Lösung grundsätzlicher Fragen, wie nach der Notwendigkeit all dieser Produkte, nach ihrer Kreislauffähigkeit und nach Substitutionen, wird es nicht gehen. (ps)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Offshore-Windkraft vor Comeback: Energieriesen setzen wieder auf Europa
23.05.2026

Die Offshore-Windkraft hat schwere Jahre hinter sich. Jetzt wittern Energieriesen in Europa wieder Chancen, doch aus Optimismus wird nur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 39 Billionen Dollar Schulden: Amerikas größter Gläubiger heißt Amerika
23.05.2026

Die USA häufen alle drei Monate eine Billion US-Dollar Schulden an und zahlen inzwischen mehr als eine Billion Dollar Zinsen pro Jahr. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein
23.05.2026

Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der deutsche Arbeitsmarkt kippt langfristig in eine neue Massenarbeitslosigkeit. Warum es...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fußball-WM 2026: Sporthändler hoffen auf Umsatzboom durch Trikotverkäufe – ist das realistisch?
23.05.2026

Fußball-WM als Umsatzmotor? Die Sporthändler setzen auf Fans, die nicht nur zum Public Viewing, sondern auch in die Geschäfte kommen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Netzplan im Projektmanagement: Wie Unternehmen ihre Projekte planbar machen
23.05.2026

Der Netzplan macht im Projektmanagement sichtbar, was Bauchgefühl übersieht. Warum die Netzplantechnik 2026 wieder Konjunktur hat – und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Cupra Terramar im Test: Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens ist nur noch Erinnerung
23.05.2026

Der Cupra Terramar will nicht brav sein. Er kombiniert SUV-Format, Premium-Gefühl und sportliche Optik mit einem Benziner, der mehr kann,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hohe Ölpreise: IEA erwartet neuen Wachstumsschub für Elektroautos
23.05.2026

Elektroautos verkaufen sich weltweit so stark wie nie zuvor. Hohe Energiepreise und die Krise im Nahen Osten könnten diesen Trend...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ökonomen ratlos: Stehen wir vor einer großen Weltwirtschaftskrise?
23.05.2026

Pessimisten warnen vor Stagflation, Optimisten vertrauen auf KI und starke Unternehmen. Die Wahrheit über die Weltwirtschaft könnte...