Deutschland

Energiekrise: Mittelstand flieht ins Ausland

Die Energiekrise hat Deutschland besonders hart getroffen. Vieles deutet auf einen Exodus des Mittelstands. Es droht ein „Winter der Deindustrialisierung“.
29.09.2022 17:25
Aktualisiert: 29.09.2022 17:25
Lesezeit: 5 min

Bis Mitte des Jahres war beim Heimtextilhersteller Wülfing im westlichen Münsterland noch alles in Butter. „Wir sind ein klassisches Mittelstandsunternehmen seit 1885. Wir haben zwei Weltkriege überstanden und auch Corona“, sagt Geschäftsführer Johannes Dowe. Doch nun droht die Energiekrise dem Produzenten von „Dormisette“-Bettwäsche das Genick zu brechen. Das Familienunternehmen überlegt deshalb, Produktion ins Ausland zu verlagern, wo die Energiekosten niedriger sind.

Wülfing ist damit nicht alleine. Mehrere Industrieverbände warnen vor einem Exodus. „Die Preise können mittlerweile immer schlechter weitergegeben werden. So denken selbst die standorttreuesten Mittelständler notgedrungen darüber nach, Produktion ins Ausland zu verlagern“, erklärte jüngst der Chemieverband VCI. Das sei ein „gewaltiger Alarmruf für den Standort Deutschland“.

Das rohstoffarme Deutschland ist besonders betroffen von der Energiekrise, weil es sich mehr als andere Länder jahrelang auf billige Gas- und Ölimporte aus Russland verließ und nun für teures Geld Ersatz beschaffen muss. Die Firmen fürchten daher auch künftig höhere Energiekosten in Deutschland und denken über ihre Zukunft nach. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ergab, dass fast jedes vierte Unternehmen erwägt oder bereits dabei ist, Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern.

Chefvolkswirt Holger Schmieding von der Berenberg Bank bleibt gelassen: „Es ist eine große Herausforderung. Aber anderswo in Europa ist das ähnlich. Einige Unternehmen werden in die USA abwandern, wo Gas für mehrere Jahre weit weniger teuer sein wird als in Europa“, sagt er. „Aber bei Vollbeschäftigung und einem ausgeprägten Mangel an qualifizierten Fachkräften kann Europa das verschmerzen.“

Auch nach Einschätzung von Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank, kommen als Standorte die USA aber auch einige Länder in Lateinamerika - besonders Brasilien - als Alternativstandorte in Betracht, da diese energietechnisch weitestgehend Selbstversorger seien. Dies biete sich aber zunächst vor allem für die Firmen an, die schon vor Ort seien. „Wie stark die Verlagerungen ausfallen werden, hängt in einem hohen Maße davon ab, ob und in welchem Ausmaß und wie lange die Bundesregierung die Unternehmen hierzulande stützen wird.“

BEI HÖHEREN PREISEN NEHMEN DIE KUNDEN REIßAUS

Für den Metallverarbeiter Otto Fuchs, der mit seinen Produkten die Auto- und Luftfahrtindustrie beliefert, macht eine Verlagerung der Produktion aus dem nordrhein-westfälischen Meinerzhagen in andere Länder „weder ökologisch noch ökonomisch großen Sinn.“ Langfristig laufe es aber darauf hinaus, „dass eine Produktion bei den Preisen in Deutschland einfach nicht mehr besonders sinnvoll ist und man wesentliche Investitionen vor allem an den Standorten tätigt, wo der Markt wächst und man zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren kann“, sagt Firmensprecher Matthias Esdar.

Auch die IG Metall warnt vor einer schleichenden Verlagerung ins Ausland. Eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft habe ergeben, dass jeder fünfte der befragten Betriebsräte die Gefahr von Verlagerungen sieht.

Wülfing produziert an zwei Standorten in Deutschland und einem in Tschechien. Das Unternehmen rechnet in diesem Jahr mit Energiekosten von 7,24 Millionen Euro - eine Versiebenfachung im Vergleich zu 2020. Im nächsten Jahr könnten es über zehn Millionen werden, rechnet Dowe vor. Die hohen Kosten könne Wülfing bei einer in der Textilindustrie üblichen Marge von drei bis sechs Prozent nicht mehr schultern und sehe auch keine Möglichkeit, diese über Preiserhöhungen an die Kunden abzuwälzen. „Wenn ich meine Preise nochmals um weitere 15 Prozent erhöhe, habe ich keinen einzigen Kunden mehr.“

Bei dauerhaft so hohen Energiepreisen müsse Wülfing seine Produktion zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2023 unterbrechen und Kunden aus seinem Lagerbestand beliefern. „Das kann man zwei bis drei Monate machen, dann ist Feierabend.“ Wülfing müsse dann seine energieintensiven Abteilungen - vom Weben der Stoffe bis hin zum Färben und Bedrucken - ins Ausland verlagern. Über seine Netzwerke vor Ort schaut sich Wülfing schon jetzt nach möglichen Produktionsstandorten in Portugal und Pakistan um. Von einer Verlagerung wären 70 Prozent der 450 Mitarbeiter betroffen. Die Verunsicherung sei groß: „Ich habe hier jeden Tag Mitarbeiter sitzen, die Existenzangst haben.“

UNTERNEHMEN ZIEHT ES INS EUROPÄISCHE AUSLAND

Portugal steht auch beim traditionsreichen Porzellanhersteller Rosenthal auf der Liste möglicher neuer Produktionsstandorte. Die hohen Gaspreise treffen das Unternehmen massiv, denn Gas ist derzeit der einzige Energieträger, der den physikalisch-chemischen Prozess bei der Herstellung von weißem Hartporzellan gewährleistet. Eine Umstellung auf andere Energieträger sei technisch wohl erst in zehn Jahren machbar. „Kurz- bis mittelfristig schaffen wir das nicht“, sagt Vorstandschef Mads Ryder. Und so erwartet er für das kommende Jahr eine Steigerung der Energiekosten um 150 bis 225 Prozent. „Wir können so nicht wettbewerbsfähig produzieren. Um die Zukunft Rosenthals zu sichern, prüfen wir, in welchem Umfang wir im Ausland fertigen lassen können.“

Rosenthal ziehe dafür Portugal, Rumänien, Polen, die Türkei aber auch Asien in Betracht und habe dafür eine eigene Expertengruppe geschaffen, die sich mit dem Thema beschäftigt. Einige Kollektionen, darunter „Rosenthal meets Versace“, benötigten aber einen hohen Grad an handwerklichen Fähigkeiten, deren Produktion könne nicht einfach ausgelagert werden. Wie viel von der Produktion letztlich in Deutschland bleiben könne, werde Rosenthal über die nächsten zwölf Monate ermitteln. Das 1879 gegründete Unternehmen werde weiter in Deutschland produzieren - die Produktionsanlagen in Oberfranken gehörten zu den weltweit modernsten der Porzellanindustrie. „Aber es gibt keine Zweifel, dass Rosenthal in Zukunft anders aussehen wird.“

Beim Paderborner Textilhersteller Penn Textile Solutions, einem wichtigen Lieferanten für die Wäsche- und Miederindustrie mit einem Jahresumsatz von rund 25 Millionen Euro und 150 Mitarbeitern, läuft dagegen die Zeit ab. „Wenn sich nichts ändert, müssen wir spätestens Ende November Insolvenz in Eigenregie anmelden“, sagt Geschäftsführer Markus Regenstein. „Wir brauchen sofort eine Gaspreisdeckelung.“ Auch Penn könne die gestiegenen Energiekosten - 1,85 Millionen für Gas in diesem Jahr nach noch 600.000 Euro 2020 - nicht mehr an seine Kunden weitergeben. Eine Verlagerung der Produktion sei kurzfristig nicht machbar, dafür werde ein Vorlauf von ein bis zwei Jahren benötigt. Penn überlege dennoch, Herzstücke seiner Produktion nach Kolumbien zu verlagern, wo das Unternehmen einen bestehenden Kooperationspartner hat. „Wenn wir das machen, wären wir nur noch 40 bis 50 Leute hier, das will ich aber nicht.“

SORGE UM MITARBEITER UND REPUTATION

Der Verband der Papierindustrie beobachtet, dass Produktion seit der zweiten Jahreshälfte, vorerst temporär, aus Deutschland verlagert wird. „Allerdings kommunizieren die Firmen solche Schritte nicht öffentlich, da dies sonst negative Auswirkungen auf die Firma haben kann.“ Die Firmen, die sich in den letzten Monaten getraut hätten, Pläne für Produktionsverlagerungen publik zu machen, mussten hinterher ihre Belegschaft beruhigen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl warnte bereits vor der Gefahr von Umstrukturierungen bei den Lieferketten, „mit gravierenden Auswirkungen auf Beschäftigung“. Ihr Präsident Hans Jürgen Kerkhoff mahnt gar: „Wenn wir jetzt nicht den Hebel umlegen, droht uns in Deutschland ein Winter der Deindustrialisierung.“

Diese Einschätzung teilen die Experten von der Unternehmensberatung AlixPartners allerdings nicht. „Gerade weil solche Verlagerungen auch nicht mit einem Fingerschnips erledigt sind, sondern langfristige Entscheidungen dahinter stehen, für die man normalerweise auch Planungssicherheit braucht, die momentan nicht gegeben ist“, sagt Energieexperte Thomas Cobet. „Eine großflächige Verlagerung und damit eine Deindustrialisierung in Deutschland, diese Gefahr halte ich für überschaubar.“ Für manche Unternehmen biete die aktuelle Entwicklung aber die Möglichkeit, Pläne aus der Schublade zu ziehen, die dort vielleicht eh schon lagen.

„Wenn man eine bestimmte Entscheidung getroffen hat und sich da ein Fenster öffnet, um eine etwas eingängigere Begründung zu geben als schlichtweg ‘da ist es billiger’, dann wird man diese Gelegenheit sicherlich nutzen,“ sagt Cobet. Sein Kollege, Produktionsexperte Nicolas Franzwa, pflichtet ihm bei: „Ich schließe aus, dass hochprofitable, wettbewerbsfähige Standorte ausschließlich wegen der Energiepreise verlagert werden.“ Die Energie sei eher das Zünglein an der Waage. Gleichwohl halte er es für möglich, dass Standortverlagerungen, die schon auf der Kippe standen, jetzt durch die Inflation doch noch gestartet werden. „Flächendeckend kann ich mir das aber nicht vorstellen.“ (Reuters)

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