Wirtschaft

Energiekrise, Inflation, Rezession: „Nun sind sie halt da“

Das neue Magazin der Deutschen Wirtschaftsnachrichten ist da – und beschäftigt sich mit einem Thema, das derzeit noch zu sehr unter dem Radar fliegt. Frieren im Winter ist eine Sache, aber was macht Deutschland, wenn seine Industrie aufgrund der hohen Energiepreise den Bach runtergeht? Lesen Sie unser (teils satirisches) Editorial.
Autor
14.10.2022 14:16
Aktualisiert: 14.10.2022 14:16
Lesezeit: 3 min
Energiekrise, Inflation, Rezession: „Nun sind sie halt da“
Kann Deutschland ohne seine energieintensive Industrie noch wettbewerbsfähig sein? (Foto: dpa) Foto: Rolf Vennenbernd

Im September 2015 musste die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel viel Kritik am Management der Krise ihrer Flüchtlingspolitik einstecken – auch in ihrer eigenen Fraktion. Während einer aufgeladenen Sitzung soll sie damals hinter verschlossenen Türen gesagt haben: „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da.“ Der Satz wurde umgehend an die Medien durchgestochen und gilt seitdem als Symbol ihrer Beharrlichkeit an der Macht.

Sieben Jahre später macht Deutschland Krisen durch, die selbst die schwierige Flüchtlingskrise deutlich übertreffen. Neben der Corona-Krise ist Deutschland nun auch in einen Wirtschaftskrieg gegen seinen eigentlich wichtigsten Energielieferanten verwickelt. In der Folge haben sich Strom, Gas und Öl derart verteuert, dass Deutschland anscheinend unaufhaltsam in eine Deindustrialisierung schlittert.

Energiekrise, Inflation, Rezession, Firmenabwanderung, Insolvenzen – die Liste der Probleme ist lang. „Jetzt sind sie halt da“, könnte man in Anlehnung an Merkel sagen. Jammern hilft nichts. Die Deutschen werden ihren Lebensstandard in den kommenden Jahren deutlich einschränken müssen, eventuell auch ein bisschen frieren, ein bisschen weniger essen, ein bisschen weniger verdienen, ein bisschen weniger Urlaub machen.

Es gibt Grund zur Freude

Doch die Entwicklung hat auch einige positive Aspekte, über die man sich durchaus freuen darf. Dies gilt nicht nur für die eindeutigen Profiteure der Krise, über die Gregor Uhlig in diesem Magazin berichtet, darunter einige große Konzerne und ihre Aktionäre sowie einige äußerst geschickte geopolitische Akteure, sondern auch für die Menschen in Deutschland, also dem Land, das am stärksten von der Energiekrise aus der Bahn geworfen worden ist.

Am meisten freuen sich derzeit sicherlich die Grünen. Denn wegen der hohen Energiekosten verbrauchen Bürger und Unternehmen weniger Energie. Endlich werden die Deutschen verstärkt Pullover tragen und Fahrrad fahren. Und einige Unternehmen, vor allem in der energieintensiven Industrie, machen dauerhaft dicht. Dies alles senkt den deutschen CO2-Ausstoß und schützt dem grünen Glauben zufolge in hundert Jahren das Klima und somit das Überleben der Menschheit. Darüber kann man sich freuen.

Auch in der Union ist die Freude wohl groß. Denn in den Wahlumfragen sind CDU und CSU die großen Krisengewinner. Offenbar machen viele Bürger die Ampel-Regierung mitverantwortlich für die Energiekrise und die aktuelle Inflationsrate von 10 Prozent – die höchste seit 1951. Daher sind sie nun mit ihrer Stimme zur Union gewechselt. Auch die Linke und die AfD liegen in Umfragen derzeit deutlich besser als noch bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Darüber können sie sich freuen.

„Not macht erfinderisch“, heißt ein Sprichwort. Man darf also gespannt sein auf all die Erfindungen, die es im Winter und in den kommenden Jahren in Deutschland geben wird. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, heißt es im Markus-Evangelium. Viele Deutsche werden nun endlich die Chance erhalten, möglicherweise doch in das Reich Gottes zu gelangen. Die Erfahrung zeigt auch, dass Not und Mangel die Familienbande stärken können und dass das Erbringen großer Opfer die Selbstzweifel in Schranken hält. Darüber kann man sich freuen.

Wirtschaftlich betrachtet hat die Energiekrise durchaus das Potenzial, einige der Fehlentwicklungen zu korrigieren, die in den letzten Jahren von der deutschen Politik auf den Weg gebracht worden sind und die nun dazu führen, dass die aktuelle Krise besonders schlimm ausfällt, wie Nicolas Dvorak in seinem Bericht über die „Vorboten der Energiekrise“ ausführt.

Die steigenden Zinsen etwa sollten eigentlich als erstes die sogenannten Zombie-Unternehmen zu Fall bringen, welche die Insolvenz bislang nur dadurch vermieden haben, dass sie sich zu extrem niedrigen Zinsen verschulden konnten. Gehen die Zombies nun endlich pleite, so können ihre Vermögenswerte und Mitarbeiter von produktiven Unternehmen übernommen werden. Darüber kann man sich freuen.

Besonderes Augenmerk legen wir in diesem Magazin auf den Mittelstand. Dieser wird in der Regel härter durch die Energiekrise getroffen als die großen Konzerne. Diese Tatsache ist sicherlich kein Grund zur Freude. Aber es besteht immerhin doch Grund zur Hoffnung. Denn auch in Krisenzeiten gründen Menschen neue Unternehmen, die eben durch diesen Umstand besonders krisenfest sind. Auch darauf kann man sich freuen.

Ihre DWN-Redaktion

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lohnabgaben in Deutschland: Warum nur wenig vom Bruttolohn bleibt
29.04.2026

Deutschland zählt im OECD-Vergleich zu den Ländern mit besonders hohen Abgaben auf Löhne, während steigende Sozialbeiträge den Abstand...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street schließt tiefer, da Schwäche im Tech-Sektor das Anlegervertrauen erschüttert
28.04.2026

Wachsende Unsicherheiten und unerwartete Wendungen halten die Finanzwelt in Atem – was Anleger jetzt über die aktuellen Marktbewegungen...

DWN
Technologie
Technologie USB-C wird Pflicht: EU zwingt Laptop-Hersteller zum neuen Standard
28.04.2026

Die EU schreibt USB-C ab heute als Pflichtanschluss für alle neuen Laptops vor und beendet damit eine jahrelange Übergangsphase. Für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Atomaktien im Aufwind: Energiekrise setzt US-Börsen unter Druck
28.04.2026

Die US-Börsen stehen trotz geopolitischer Spannungen auf hohem Bewertungsniveau, während Atomaktien durch neue Sorgen um die...

DWN
Politik
Politik Richard Moore sieht globale Risiken: Spannungen setzen Europa unter Druck
28.04.2026

Die Aussagen von Ex-MI6-Chef Richard Moore zeichnen ein ungewöhnlich offenes Bild der aktuellen Weltlage zwischen Ukrainekrieg,...

DWN
Politik
Politik Vereinigte Arabische Emirate verlassen Opec
28.04.2026

Die massiven Einnahmen aus dem Ölexport haben den Emiraten über Jahrzehnte Macht und Wohlstand verschafft. Nun kündigen sie den Austritt...

DWN
Panorama
Panorama Weniger Zuckerbrot, mehr Peitsche: Regierung plant Zuckerabgabe und höhere Steuern
28.04.2026

Die Bundesregierung greift zu neuen Einnahmequellen und plant eine Zuckerabgabe – während Ausgaben und Schulden steigen. Gleichzeitig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aldi Süd baut mehr als 1.200 Stellen ab
28.04.2026

Aldi Süd treibt den Umbau voran und streicht 1.250 Stellen – vor allem in der IT. Der Einschnitt zeigt, wie hart selbst Discounter...