Panorama

„Alle wollen weg“: Ausländer fliehen wegen massiver Corona-Einschränkungen aus China

China hält stramm am Null-Covid-Ziel fest. Monatelange Lockdowns, Quarantäne, Willkür, alltägliche PCR-Tests und Reisebeschränkungen vertreiben Deutsche und andere Ausländer aus dem Land. Nachfolger sind schwer zu finden.
05.10.2022 08:43
Aktualisiert: 05.10.2022 08:43
Lesezeit: 3 min

„Wie lange bleibt ihr noch?“, lautet die häufigste Frage, um die sich Gespräche unter Deutschen und anderen Ausländern in China heute drehen. Seit Beginn der Pandemie vor knapp drei Jahren hat ein Exodus eingesetzt: Die Zahl der ausländischen Manager und Fachkräfte in der zweitgrößten Volkswirtschaft soll sich nach groben Schätzungen mehr als halbiert haben. Es waren einmal 850.000 Ausländer in China. Wie viele es heute noch gibt, weiß keiner genau. Deutsche Firmen haben laut einer Umfrage der Handelskammer (AHK) ein Viertel ihrer ausländischen Mitarbeiter verloren. War ein Job in China früher ein Karrieresprung, lassen sich die Stellen heute auch nur noch schwer nachbesetzen.

Die Null-Covid-Strategie, wiederholte Lockdowns, ständige Überwachung und die Abschottung des Landes vom Ausland haben die Lebensqualität sinken und das Risiko steigen lassen, in Chinas Corona-Mühlen zu geraten. Geopolitische Spannungen, Abkopplung, Verfolgung von Minderheiten, Unterdrückung in Hongkong und Säbelrasseln gegenüber Taiwan haben zudem Chinas Ansehen in den Keller sacken lassen. Die Zahl der Deutschen, die eine schlechte Meinung von China haben, hat sich seit 2005 auf 74 Prozent verdoppelt, wie Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Pew ergaben.

Während der Rest der Welt – außer Deutschland – lernt, mit dem Virus zu leben, demonstriert China unbeirrt Null-Toleranz. Einreisende müssen sieben Tage in Hotelquarantäne plus drei Tage in häusliche Isolation, was örtlich eher willkürlich gehandhabt wird. Es gibt nur wenig Flüge. Ein einfaches Ticket von Frankfurt nach Peking kostet heute mehr als 2000 Euro. „Die Reisebeschränkungen nach China und innerhalb des Landes sind weiterhin sehr hinderlich, um ausländische Mitarbeiter zu halten oder zu gewinnen“, sagt Jens Hildebrandt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Handelskammer (AHK) in China.

Obwohl Lockerungen zu erwarten seien, gebe es „wenig Aussicht“ auf eine grundlegende Abkehr vom Null-Covid-Ziel. „Das Risiko weiterer Lockdowns schwebt wie ein Damoklesschwert über allem“, sagt Hildebrandt. „Schreckensszenarien wie der zweieinhalbmonatige Lockdown Shanghais ist in den Köpfen vieler Ausländer.“ Dazu komme das zunehmend negative Image Chinas in Deutschland in schwierigen geopolitischen Zeiten. Kurz gesagt: Das Halten und Entsenden von Fach- und Führungskräften nach China sei ein schwieriges Geschäft geworden.

Unternehmen locken mit Geld

Wo alle wegwollen, will eben auch keiner mehr hin. „Deutsche Unternehmen müssen tief in die Tasche greifen, um die gegenwärtigen Nachteile des Standorts China aufzuwiegen“, sagt Hildebrandt. „Viele tun das auch.“ Deutsche Unternehmen besetzen schon seit langem Schlüsselpositionen in China mit einheimischen Mitarbeitern. „Diejenigen Unternehmen, die früh in die Aus- und Fortbildung lokaler Mitarbeiter investiert haben, sind kurzfristig weniger betroffen.“

Dass die Corona-App auf dem Handy jeden Schritt bestimmt, beeinträchtigt für viele entsandte Deutsche und andere Ausländer in China das Lebensgefühl. Wer an Eingängen keinen negativen PCR-Test innerhalb von 72-Stunden nachweisen kann, kommt vielfach nicht mal mehr in seine eigene Wohnung, geschweige denn in den Supermarkt oder ins Restaurant. Jeder muss sich einscannen: Totale Kontrolle und Kontaktverfolgung. Gibt es irgendwo einen Corona-Fall, werden ganze Nachbarschaften dicht gemacht. Wird jemand als potenzielle Kontaktperson identifiziert, wird Quarantäne angeordnet.

„Die Gefahr war mir einfach zu groß“, schildert eine Hamburgerin, die vor Ablauf des Vertrages ihres Mannes allein mit der siebenjährigen Tochter vorzeitig nach Deutschland ausgereist ist. Wäre die Tochter positiv getestet worden, hätte sie in Krankenhaus-Quarantäne gehen müssen. Wurden früher selbst kleine Kinder von den Eltern getrennt, was traumatische Erfahrungen auslösen kann, hat die deutsche Botschaft inzwischen durchsetzen können, dass heute zumindest ein Elternteil mitdarf.

Die Gefahr, in die Covid-Maschinerie zu geraten, ist so groß, dass die EU-Handelskammer in ihrem jüngsten Positionspapier schreibt: „Unternehmen fragen sich sogar, ob es verantwortlich für sie ist, ausländische Mitarbeiter in China zu stationieren, wenn zahlreiche Beschränkungen bedeuten, dass sie nicht in der Lage sind, grundlegende Sorgfaltspflichten für diese und ihre Familien zu garantieren.“ Unternehmen beschränkten sich deswegen auf Mitarbeiter, die jung seien und keine Familie hätten – oder auf Ältere, deren Kinder erwachsen seien. Das schränke die Wahlmöglichkeiten stark ein.

Der Exodus ist spürbar. Im Pekinger Straßenbild gibt es weniger ausländische Gesichter. In der Kneipe „Great Leap“, die unter „Expats“ wegen Craftbier, Hamburger und Pizza beliebt ist, hocken an einem Samstagmittag gerade mal zwei Paare, wo früher nur schwer ein Platz zu bekommen war. Auch in den Ausländersiedlungen vor den Toren der Hauptstadt wird es einsam. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Staatsdefizit und Schuldenquote wachsen rasant: Deutschland reißt die Maastricht-Grenze
02.09.2026

Der deutsche Staat lebt deutlich über seine Verhältnisse: Während die Einnahmen im ersten Halbjahr um 2,8 Prozent zulegten, erhöhten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Autoindustrie: Warum der große Stellenabbau erst beginnt
02.09.2026

Europas Autobauer verdienen noch Milliarden und streichen trotzdem Tausende Stellen. Hohe Löhne, teure Energie, schwach ausgelastete Werke...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Halberstädter Würstchen sind Geschichte: Ostdeutsches Unternehmen schließt Fabrik
02.09.2026

Hohe Kosten haben das traditionsreiche Unternehmen Halberstädter aus Sachsen-Anhalt in die Insolvenz getrieben. Ein neuer Investor ließ...

DWN
Politik
Politik Trump, China und Europas Industrie: EU-Klimachef schlägt Alarm
02.09.2026

Donald Trump steigt aus der internationalen Klimapolitik aus, China überschwemmt Europa mit staatlich gestützter grüner Technologie und...

DWN
Politik
Politik CO2-Emissionen: TU München wirft EU falsche Klimavorgaben für Autos vor
02.09.2026

Wissenschaftler der TU München werfen der EU "Fehlsteuerung" bei den Klimazielen für Autos vor. Die Kritik zielt darauf, dass in den...

DWN
Politik
Politik Kabinett beschließt Einkommensteuerreform
02.09.2026

Das Bundeskabinett hat die umstrittene Reform der Einkommensteuer beschlossen. Das Paket startet nun in die konkrete Gesetzgebung. Zur...

DWN
Politik
Politik Aufrüstung: Deutsche Marine testet weitreichendes Raketensystem Lora
02.09.2026

Abschreckung Russlands: Im Nordatlantik testet die Marine inmitten neuer Spannungen das israelische Raketensystem Lora. Mit der...

DWN
Finanzen
Finanzen Meta-Aktie verkaufen? Milliardenrisiko bedroht Zuckerbergs Geschäftsmodell
02.09.2026

Ein Prozess in den USA könnte Meta härter treffen als jede bisherige Milliardenstrafe. Denn diesmal steht nicht nur Geld auf dem Spiel,...