Politik

Migrationsexperte: „Wir brauchen eine Reform des Einwanderungs- und Aufenthaltsrechts“

Die Debatte um Einbürgerungserleichterungen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in Deutschland beschäftigt Wirtschaft und Politik. Migrationsexperte Prof. Dr. Herbert Brücker plädiert für eine Reformierung des Einwanderungs- und Aufenthaltsrechts.
23.12.2022 15:06
Lesezeit: 3 min

Die Debatte um die Migrationspolitik und die Einbürgerungserleichterungen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in Deutschland ist ein hitziges Thema. Zuletzt kritisierte das Wall Street Journal die Migrationspolitik der Bundesregierung und zeigte die Fehler auf. Ende November hatte Bundeskanzler Olaf Scholz sich für die Erleichterung der Einbürgerung von Ausländern stark gemacht.

Prof. Dr. Herbert Brücker vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung stimmt dem Bundeskanzler zu. Nach den Plänen von Innenministerin Nancy Faeser sollen laut der Welt Ausländerinnen und Ausländer in Zukunft nach fünf anstatt wie bisher nach acht Jahren den deutschen Pass bekommen können.

CDU kritisierte Anfang Dezember das Vorgehen der Bundesregierung

Brücker sieht gegenüber den DWN in der Erleichterung für ein schnelleres Verfahren bei der Einbürgerung viele Vorteile: „Ich kann eigentlich nur Vorteile erkennen. Das häufig vorgebrachte Argument, dass durch die Einbürgerung Risiken für den Sozialstaat entstehen, ist empirisch widerlegt: eingebürgerte Personen haben höhere Erwerbstätigenquoten, verdienen mehr und beziehen weniger Leistungen wie Arbeitslosengeld oder Leistungen der Grundsicherung. Es ist also das Gegenteil des häufig geäußerten Einwands zutreffend.“ Angesichts der Personalnot in der Gesundheitsbranche, hatte sich auch Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (Divi), für eine Zuwanderung ausgesprochen und betont, dass diese für den Gesundheitsbereich notwendig sei.

Kritischer als Brücker und Karagiannidis sieht Markus C. Kerber, Professor für Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Berlin, ein schnelleres Verfahren. Er befürchtet in einem Kommentar den Ausverkauf der Staatsbürgerschaft: „Um den Fachkräftemangel zu beheben, wird die Einbürgerung erleichtert. Das ist weder erforderlich noch staatspolitisch wünschenswert. Die Einbürgerung ist mehr als die Verleihung eines deutschen Passes.“

Von der CDU kam in Person von Generalsekretär Mario Czaja in einem Interview Anfang Dezember mit dem ARD-Morgenmagazin ähnliche Kritik am Vorgehen der Bundesregierung: „Ich finde gefährlich, was die Bundesregierung aktuell macht. Sie vermischt die Asylmigration mit der notwendigen Fachkräfteeinwanderung. Wir haben Menschen, die haben Unterstützungsbedarf, die brauchen unsere Hilfe. Diesen Leuten geben wir die Möglichkeit über das Asylrecht nach Deutschland zu kommen. Andererseits haben wir Interessen und möchten Fachkräfteeinwanderung haben. Beides miteinander zu vermischen, macht die Sache nicht gut.“

Reform des Einwanderungs- und Aufenthaltsrecht wichtig

Brücker sieht anders als Kerber und Czaja die Einbürgerung als Hilfe bei der Integration. Sie habe aber in seinen Augen keine großen Anreizwirkungen auf die Einwanderung. Die empirische Forschung zeige, dass Migrantinnen und Migranten, die eingebürgert sind, deutlich höhere Erwerbstätigenquoten haben, als solche, auf die es nicht zutreffe.

Bei der schnelleren Einbürgerung käme es nicht allein zu einem Selektionseffekt, dass sich Personen die besser in den Arbeitsmarkt integriert seien, eher einbürgern ließen, sondern es gäbe Brücker zufolge auch kausale Effekte. So bewirke die Einbürgerung selbst eine bessere Arbeitsmarktintegration. Dies könne auf höhere Rechtssicherheit für Unternehmen, stärkere Anreize in länderspezifisches Humankapital wie Sprachkenntnisse zu investieren und allgemein eine höhere Sicherheit zurückzuführen sein.

Das Wall Street Journal kritisierte im Bericht über die deutsche Migrationspolitik, dass zwar viele Einwanderer nach Deutschland kommen würde, diese aber nicht in den deutschen Wirtschaftsmarkt passen würden und die Integration schwer sei. Brücker sieht die Erleichterung der Einbürgerung als mögliches Willkommenssignal und Anreiz für gut qualifizierte Arbeitskräfte. Wichtiger sei aber der Integrationseffekt: „Ich halte den Integrationseffekt aber für größer als den Einwanderungseffekt. Um die Einwanderung zu erhöhen, brauchen wir eine grundlegende Reform des Einwanderungs- und Aufenthaltsrechts, wie sie von der Bundesregierung für das kommende Jahr geplant ist.“

Gesetzesentwurf der Bundesregierung ist entscheidend

Das Wall Street Journal vermutet, dass, selbst wenn es der Politik gelingt, mit der Reformierung gut qualifizierte Migranten anzulocken, Deutschland weiterhin eine große Anzahl von Asylbewerbern erhalte, die es nicht beschäftigen könne. Diese würden dann die Reihen der Sozialhilfeempfänger auffüllen und die Kriminalstatistik ankurbeln. Dort seien sie bereits überrepräsentiert, so die amerikanische Zeitung.

Brücker sieht die Politik der aktuellen Bundesregierung und des Innenministeriums nicht so kritisch. Beide würden vieles richtig machen und Hürden für die Arbeitsmigration senken, Erwerbsanreize stärken und Integration erleichtern. Eine offene Frage sei, ob die geplante Reform des Einwanderungsrechts ausreichend ist, um Erwerbsmigration so stark zu erhöhen, wie es für die Bewältigung des demografischen Wandels notwendig sei. Dafür müsse man den Gesetzesentwurf zu Beginn des Jahres abwarten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Herbert Wertheim macht aus Geduld Milliarden und aus 35 Millionen Euro einen Ferrari
23.08.2026

35 Millionen Euro für einen elektrischen Ferrari wirken selbst unter Milliardären außergewöhnlich. Für Herbert Wertheim folgt der...

DWN
Technologie
Technologie Roboter rücken in den Supermarkt vor: Beginnt der Wandel am Arbeitsmarkt?
23.08.2026

In Dänemark sollen humanoide Roboter nachts Supermarktregale auffüllen. Gesteuert werden sie zunächst von Menschen mit VR-Headset, doch...

DWN
Technologie
Technologie KI-Sicherheitsrisiken außer Kontrolle? Wenn Maschinen selbstständig angreifen
23.08.2026

KI-Systeme finden selbstständig Sicherheitslücken, führen Cyberangriffe aus und können sogar neue Viren entwerfen. Die technologische...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF-Risiken: Die gefährliche Macht der großen Indexfonds
23.08.2026

ETF gelten als günstig, bequem und vergleichsweise sicher. Doch je mehr Kapital automatisch in dieselben Aktien fließt, desto stärker...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Handel: Deutschland wird zum größten Warnsignal für Europa
23.08.2026

Chinas Exportoffensive trifft Europas Industrie immer härter, besonders Deutschland gerät unter Druck. Brüssel sucht nach...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Echt oder Kopie? Billige Labordiamanten erobern den Markt
22.08.2026

Labordiamanten kosten nur einen Bruchteil natürlicher Steine und erobern den wichtigsten Diamantenmarkt der Welt. Für Juweliere,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Bahn: Vandalismusschäden in Höhe von 34 Millionen Euro
22.08.2026

Graffitis an Bahnhofswänden, Kabeldiebstahl, zerkratzte Scheiben in Zügen - die Deutsche Bahn ist ständig mit Vandalismus konfrontiert....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Eishersteller Florida Eis investiert 25 Millionen Euro – in Sachsen-Anhalt
22.08.2026

Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme mit Politikern aus Sachsen-Anhalt, legt der Berliner Eishersteller Florida Eis den Grundstein für...