Deutschland

Übersterblichkeit beschert Rentenversicherung Milliardenüberschuss

Die Rentenversicherung verzeichnete im Jahr 2022 einen Milliardenüberschuss. Der Grund dafür mutet bizarr an: Die Übersterblichkeit in der älteren Bevölkerung. Der Überschuss kann jedoch nicht über die Probleme des Rentensystems hinwegtäuschen.
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03.01.2023 16:07
Aktualisiert: 03.01.2023 16:07
Lesezeit: 3 min

Die Deutsche Rentenversicherung hat 2022 einen überraschenden Überschuss erzielt. Dies geht aus einer offiziellen Pressemitteilung der Deutschen Rentenversicherung hervor. Die Rentenversicherung wird das Jahr 2022 voraussichtlich mit einem Plus von 2,1 Milliarden Euro abschließen, sagte Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, anlässlich der Bilanz gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa).

Übersterblichkeit führt zu Milliardenüberschuss

„Wir erleben einen Anstieg bei den Pflichtbeiträgen von Januar bis November von 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum“, sagte Roßbach gegenüber der dpa. Das stimme sehr positiv. „Die Ausgaben waren etwas geringer als noch vor einem Jahr geschätzt“, so Roßbach weiter. So gebe es nach Informationen des Statistischen Bundesamtes einen langsameren Anstieg der Lebenserwartung, was sich auch auf die Rentenausgaben auswirke. „Ein Grund ist aktuell auch die Coronapandemie, die zu einem Anstieg der Sterblichkeit gerade bei älteren Menschen geführt hat.“

Richtig ist, dass Deutschland 2022 laut Statistischem Bundesamt deutlich mehr Menschen gestorben sind als in den Jahren zuvor. Allein im Oktober 2022 sind demnach rund 19 Prozent mehr Sterbefälle aufgetreten als in den Vergleichszeiträumen 2018 bis 2021. Über die Ursachen der zunehmenden Sterbefälle rätseln die Statistiker, denn Covid-19-Todesfälle würden die Zunahme nur unzureichend erklären.

Als weitere mögliche Gründe führen die Statistiker eine – nach fast zweijähriger Pause – wieder stärkere Grippewelle sowie vermehrte Todesfälle durch Rekordtemperaturen im Sommer an. Weitere Faktoren – etwa eine Verschleppung medizinischer Untersuchungen während der Lockdowns und eine folgende Zunahme von Todesfällen durch Krebs und Herzkreislauferkrankungen – konnten bisher nicht abschließend geklärt werden.

Rentenversicherung profitiert von robustem Arbeitsmarkt

In einer vorherigen Pressemitteilung hatte die Rentenversicherung gemeldet, im Jahr 2022 stünden ihren voraussichtlichen Ausgaben in Höhe von 354,7 Milliarden Euro Einnahmen in Höhe von 356,8 Milliarden Euro gegenüber. Im Hinblick auf die Einnahmen aus Beiträgen der Rentenversicherung erwartet Piel in den nächsten Jahren ein deutliches Plus. Bis zum Jahr 2026 gehe man derzeit von einem Wachstum der Pflichtbeiträge von über 16 Prozent aus. Dieses Wachstum beruhe vornehmlich auf der voraussichtlich guten Entwicklung der Löhne, so Piel.

Der stabile Arbeitsmarkt dürfte der Rentenversicherung ebenfalls in die Karten gespielt haben. Denn Deutschland verzeichnet derzeit ein Allzeithoch an Erwerbstätigen. Mit 45,9 Millionen gingen im November so viele Menschen einer erwerbsmäßigen Tätigkeit nach wie nie zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat war die Zahl um 1 Prozent oder 472.000 Erwerbstätige angestiegen.

„Unsere Anpassungsfähigkeit ist dabei eines unserer Erfolgsrezepte“, lobte Piel die Rentenversicherung. Sie erläuterte in diesem Zusammenhang, dass heute bereits 35 Menschen jenseits der aktuellen Regelaltersgrenze auf 100 Menschen im Erwerbsalter kämen. Dieses Verhältnis, der sogenannte Altersquotient, habe sich in den vergangenen 35 Jahren um gut 50 Prozent erhöht.

Trotz dieser demografischen Belastung sei der Beitragssatz der Rentenversicherung heute sogar niedriger als in der Mitte der 1980er Jahre. „Aktuell verzeichnen wir mit 18,6 Prozent den geringsten Beitragssatz seit einem Vierteljahrhundert“, so Piel. Nach gängigen Schätzungen soll der Beitragssatz bis 2026 bei 18,6 Prozent bleiben. Der aktuelle Haushalt der Rentenversicherung liegt bei etwa 350 Milliarden Euro. Im Juli sollen die Rentenbezüge um 3,5 (Westen) bzw. 4 Prozent (Osten) steigen.

Rentensystem bleibt trotz Überschuss hochdefizitär

Der unerwartete Überschuss der Rentenversicherung und die Wohlfühlbotschaften ihrer Vorsitzenden Anja Piel können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Rentensystem in seiner derzeitigen Form hochdefizitär arbeitet. Es kann sich schon längst nicht mehr durch die Beiträge allein finanzieren.

Der Staat muss das klaffende Finanzierungsloch jährlich mit Milliarden an Steuergeldern füllen, um das System aufrecht zu erhalten. Im Jahr 2023 stehen dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) zur Mitfinanzierung der gesetzlichen Rente knapp 121 Milliarden Euro zur Verfügung, wie aus dem Entwurf des Bundeshaushaltes 2023 hervorgeht. Das wären 4,5 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Etwa 112 Milliarden Euro sind dabei für die Rentenversicherung und rund 9 Milliarden Euro für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung vorgesehen.

Die Problematik verschärft sich angesichts der alternden Bevölkerung und einer Welle an Renteneintritten der geburtenstarken Jahrgänge sogar noch weiter, sodass davon auszugehen ist, dass die jährliche Milliardenbezuschussung durch den Staat weiter zunimmt. Denn aktuell gehen die Generationen der 1950er und 60er Jahre in den Ruhestand. Diese Jahrgänge gelten als besonders geburtenstark, wobei das Jahr 1964 mit 1,35 Millionen Neugeborenen ein historisches Allzeithoch markiert.

Schon jetzt finanzieren rein rechnerisch zwei Erwerbstätige einen Rentner durch ihre Sozialabgaben. Wenn dann in den kommenden Jahren die um 1960 Geborenen in Rente gehen, wird sich diese Quote weiter zu Lasten der Erwerbstätigen verschieben. Spätestens ab 2030 wird es dann brenzlig, wenn auch der geburtenstärkste Jahrgang von 1964 in den Ruhestand geht. Dann, so schätzen Analysten, wird ein Erwerbstätiger in Deutschland einen Rentner mitfinanzieren müssen.

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