Politik

Mali fordert Abzug von UN-Soldaten, setzt stattdessen auf Russland

Mali fordert deren unverzüglichen Abzug der mehr als 10.000 UN-Soldaten und setzt stattdessen auf Russland, das hart gegen die Terroristen im Land vorgeht. 
17.06.2023 13:33
Aktualisiert: 17.06.2023 13:33
Lesezeit: 3 min
Mali fordert Abzug von UN-Soldaten, setzt stattdessen auf Russland
Verteidigungsminister Boris Pistorius besuchte im April die Bundeswehr in Mali. Nun sollen alle UN-Truppen das Land verlassen. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Die Militärregierung des westafrikanischen Krisenstaats Mali fordert den sofortigen Abzug der seit einem Jahrzehnt im Land stationierten UN-Mission Minusma. Außenminister Abdoulaye Diop beschuldigte die Blauhelme der Vereinten Nationen, darunter auch Hunderte Bundeswehr-Soldaten, «Teil des Problems» geworden zu sein, anstatt ausreichend auf die Sicherheitslage reagiert zu haben. «Vor diesem Hintergrund fordert die malische Regierung den unverzüglichen Rückzug von Minusma. Die Regierung ist jedoch bereit, diesbezüglich mit den Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten», sagte Diop im UN-Sicherheitsrat am Freitag.

Malis Übergangsregierung unter Oberst Assimi Goïta bekräftigte am späten Freitagabend ihre «strategische» Entscheidung, den Abzug von Minusma zu fordern. Es sei «unmöglich, den Frieden zu wahren in einer Situation, in der es keinen Frieden zu wahren gibt», teilte sie mit. Sie warf der UN-Mission vor, das Mandat zur Unterstützung der malischen Autoritäten ins Gegenteil verkehrt zu haben.

Die Ankündigung der Militärjunta kam kurz vor einem lang erwarteten Verfassungsreferendum in Mali an diesem Sonntag. Die 23 Millionen Bürger Malis sollen mehr als zwei Jahre nach dem letzten Militärputsch über eine neue Verfassung abstimmen, was als erster Schritt hin zu Präsidentschaftswahlen bis kommendem März gilt. Die Übergangsregierung wirbt offensiv für die Annahme des Entwurfs, der unter anderem dem Präsidenten mehr Macht verleiht.

Die UN-Mission zur Stabilisierung des Landes ist seit 2013 in Mali aktiv, nachdem islamistische Terroristen in Folge des Zusammenbruchs des angrenzenden Libyen und einer Rebellion der nomadischen Tuareg 2012 den Norden des Landes am Rande der Sahara überrannt hatten. Eine Militärintervention der früheren Kolonialmacht Frankreich drängte die teils mit den Terrormilizen IS und Al-Kaida verbündeten Islamisten nur vorübergehend zurück. Die Terrorgruppen breiten sich seitdem im Norden und Zentrum Malis und in seinen Nachbarstaaten aus.

Russland verspricht Mali echte Hilfe

Das Militär übernahm 2020 und 2021 in zwei Putschen die Macht in dem Sahelstaat mit rund 23 Millionen Einwohnern und wandte sich Russland zu, von dem es sich robustere Hilfe gegen die Islamisten versprach. Während die Militärjunta nur von Ausbildern spricht, sind Schätzungen zufolge bis zu 2000 russische Wagner-Söldner im Land aktiv.

Frankreich beendete daraufhin seinen Militäreinsatz. Deutschland will seine Soldaten zum 31. Mai 2024 abziehen. Der Bundestag hatte Ende Mai das Mandat letztmalig verlängert. Derzeit sind knapp 1100 Bundeswehrsoldaten in Mali. Die Bundeswehr wurde zuletzt immer wieder eingeschränkt. So verweigerte Bamako etwa Fluggenehmigungen für die von den Deutschen im UN-Auftrag betriebene Aufklärungsdrohne Heron.

Die Vereinten Nationen sind für den Betrieb einer Friedensmission auf das Einverständnis des Landes angewiesen. Das Mandat der Minusma hätte vom UN-Sicherheitsrat bis zum 30. Juni um ein weiteres Jahr verlängert werden müssen. Der Missionsleiter und Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs, El-Ghassim Wane, sagte im Sicherheitsrat, dass Minusma alles daran gesetzt habe, ihr Mandat trotz der «vielfältigen Einschränkungen, denen sie ausgesetzt ist, darunter auch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit» bestmöglich umzusetzen.

«Die Beziehungen zwischen Mali und Minusma haben sich seit der Ankunft der Russen verschlechtert. Mali will nicht, dass Minusma Menschenrechtsverletzungen der Armee und der Russen untersucht. Der Bericht zum Massaker in Moura hat das Tischtuch endgültig zerrissen», sagte der Regionalbüroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ulf Laessing.

UN macht Mali schwere Vorwürfe

Die UN erhoben im Mai schwere Vorwürfe. Im Bericht war von mehr als 500 Toten, Hinrichtungen und Dutzenden Vergewaltigungen bei einem Einsatz der malischen Armee gegen Islamisten im März 2022 in dem Dorf in der Region Mopti die Rede. Zeugen schilderten demnach, dass auch «bewaffnete weiße Männer» vor Ort gewesen seien.

Malis Außenminister wies «die voreiligen Schlussfolgerungen des voreingenommenen Berichts» am Freitag erneut zurück. «Wir sehen in diesem Bericht eine echte Entschlossenheit einiger Staaten, unsere gemeinsame Organisation zu instrumentalisieren, um Mali für seine souveränen Entscheidungen zu schaden oder gar zu bestrafen», sagte Diop. Die Junta hatte sich bereits im Mai scharf gewehrt und erklärt, Zivilisten aus Moura seien dabei nicht ums Leben gekommen.

Die Sicherheitslage vor allem im Zentrum des Landes hat sich seit dem Kurswechsel der Regierung nicht verbessert. Experten beobachten, dass härteres Vorgehen den Islamisten mehr Zulauf verschafft. Im Rahmen der UN-Mission sind in Mali früheren Angaben zufolge noch rund 12 000 Soldaten eingesetzt. Die Deutschen sind hauptsächlich nahe der Stadt Gao im Nordosten des Landes im Einsatz, wo sich auch Flüchtlingscamps mit Zehntausenden Menschen befinden. Mali gilt als gefährlichste UN-Friedensmission. Seit 2013 starben rund 170 Blauhelme.

KAS-Experte Laessing sagte: «Der Abzug würde die Sicherheitslage nochmal verschlechtern. Die Minusma baut auch Schulen, rüstet Polizeistationen aus — sie ersetzt den Staat, der in der Fläche nicht präsent ist. Tausende würden über Nacht arbeitslos, die sich mangels Alternativen Banditen oder Dschihadisten anschließen würden.» Minusma sorge in Städten für Sicherheit, in die etwa Binnenflüchtlinge zögen um den Terrormilizen zu entkommen. «Die würden dann weiter nach Niger und auf die Libyen-Route fliehen.» (dpa/gu)

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