Wirtschaft

Amerikas Anti-China-Feldzug gefährdet deutschen Wohlstand

Wachsende Spannungen und geopolitische Agenden belasten den Welthandel – und damit unseren Wohlstand. Stattdessen wird kräftig aufgerüstet.
29.10.2023 13:00
Aktualisiert: 29.10.2023 13:00
Lesezeit: 5 min
Amerikas Anti-China-Feldzug gefährdet deutschen Wohlstand
Der Wirtschaftskrieg Amerikas gegen China schadet Europa. (Grafik: istockphoto.com/farosofa) Foto: farosofa

„Ökonomisches China-Bashing“ im Wall Street Journal

In den letzten Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem im Wall Street Journal nicht ein kritischer Bericht zu China veröffentlicht wird. Dort findet meines Erachtens geradezu ein „ökonomisches China-Bashing“ statt.

Anfang August kam von der Regierung Biden die sogenannte „Executive Order“, die amerikanische Hightech-Investitionen in China verbieten soll, ein vorläufiger Höhepunkt in den sich vor allem seit 2018 verschlechternden politischen Beziehungen zwischen den USA und China.[1]

Die Executive Order wurde von US-Medien als „Verschiebung des gesamten Risikoumfeldes“ bewertet.[2] Die Spannungen zwischen den USA und China nehmen schon seit spätestens 2018 deutlich zu, seit dem Ukraine-Krieg hat sich die negative Entwicklung weiter beschleunigt.[3] Was bedeutet das für unsere Ökonomie, für unser Leben?[4]

Ein Blick in die Geschichte

Ein Blick in die Nachkriegszeit zeigt beeindruckend, wie sehr kooperativer Welthandel zu Wachstum und Wohlstand beiträgt. Von 1950 bis 2021 hat sich die reale, inflationsbereinigte Menge der weltweit produzierten physischen Güter ver-14,5-facht. Eine solche Zunahme der physischen Warenproduktion in so kurzer Zeit gab es wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Heute werden also etwa 15 Mal so viele Waren hergestellt wie vor zwei Generationen. Im gleichen Zeitraum hat sich der grenzüberschreitende physische Warenexport ver-41,4-facht.[5] Das heißt, es werden heute gut 40 Mal so viele Waren und Güter über die Ländergrenzen hinwegbewegt wie 1950.

Es ist kein Zufall, dass der Export und Produktion Hand in Hand zunehmen. Durch Spezialisierung sind erhebliche Produktivitätsfortschritte möglich. Ohne den enormen Anstieg des Welthandels wäre das Wirtschaftswachstum nicht so hoch gewesen.

Seit etwa dem Jahr 2000 lassen allerdings die Exportzuwächse deutlich nach, vor allem in den 10 Jahren von 2010 bis 2020 betrug das Wachstum kumuliert nur mehr 20,8% über 10 Jahre.[6] Gleichzeitig hat sich auch die Zunahme der Güterproduktion verlangsamt.

Ein starker Einschnitt war ab 2018 zu beobachten, als die USA unter der Regierung Donald Trump Handelssanktionen gegenüber China einführten. Die Sanktionen hatten ganz unmittelbar starke Auswirkungen: Von 2018 auf 2019 sanken die chinesischen Exporte in die USA um über 12%.[7]

Diese Sanktionen wurden von der Regierung Biden beibehalten, ja sogar verstärkt.[8]

Aktuelle Entwicklungen

In jüngerer Zeit hat sich der Ton aus den USA gegenüber China wieder deutlich verschärft und, wie eingangs erwähnt, findet derzeit ein ökonomisches China-bashing im Wall Street Journal statt, nach dem Motto: „Vergiß‘ China. Immobilienproblem, Exportproblem, sensationell hohe Jugendarbeitslosigkeit, extrem hohe Schulden. China steht vor ähnlichen Problemen wir Japan nach dem Platzen der Immobilienblase 1990.[9] Vorsicht vor Investitionen!“

Da China und die USA die beiden größten Handelsnationen sind,[10] wirkt sich ein Handelskonflikt zwischen diesen beiden Ländern praktisch auf die ganze Welt aus, insbesondere dann, wenn andere Länder sich dem Konflikt anschließen.

Beispielsweise hat die deutsche Außenministerin im April 2023 keine glückliche diplomatische Hand bewiesen. So lautete ein Titel der Südwest Presse am 14.4.2023:

„So zerschlägt Annalena Baerbock in China Porzellan. Die bisherige Kritik deutscher Politiker an China war ihr zu leisetreterisch. Deshalb hat Bundesaußenministerin Annalena Baerbock ihren Besuch im Land genutzt, um ihren Gastgeber anzuprangern. Hoffentlich erweist sich das nicht als ganz große Dummheit.“[11] Ja, hoffentlich erweist sich das nicht als ganz große Dummheit.

Mitte September gab es einen neuen Eklat. Die „tagesschau“ titelte am 18.9.: „Scharfe Kritik an Außenministerin Baerbock. Empörung in China über „Diktator“- Aussage. China hat Bundesaußenministerin Baerbock für die Bezeichnung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping als „Diktator“ scharf kritisiert. Die Äußerungen seien eine „offene politische Provokation“, so Außenamtssprecherin Mao Ning.“[12]

Solche Äußerungen sind einer kooperativen Handelsentwicklung nicht wirklich förderlich. Welche ökonomischen Auswirkungen haben zunehmende politische Spannungen?

Internationale Spannungen führen zu geringerem Wirtschaftswachstum

Wenn internationale Spannungen zunehmen und gegenseitiges Vertrauen zwischen den Nationen abnimmt, wird der internationale Wohlstand vermindert. Friedlicher, freier Handel ermöglicht Spezialisierung, steigert damit die Produktivität und erhöht dadurch die Wohlfahrt für alle.

In dem Maße, in dem ein existierender freier Handel eingeschränkt wird durch Handelsbarrieren, Zölle, Restriktionen, Subventionen oder gar durch Krieg, in dem Maße werden die Produktivitätsvorteile durch den Freihandel vermindert und das Wachstum bzw. der Wohlstand werden verringert.

Der Ausbruch des Ukrainekrieges im Februar 2022 hat anschaulich gezeigt, wie es über Handelseinschränkungen und Boykotte zu Inflation kommen und dadurch der Wohlstand für zahllose Menschen weltweit beeinträchtigt werden kann.

Angesichts der geschilderten zunehmenden Spannungen zwischen den USA sowie ihren Mitläufern und China, dürften in den kommenden Jahren, anders als im größten Teil der Nachkriegszeit, von Seiten des Welthandels geringere, keine oder gar negative Wachstumsimpulse ausgehen.

Bereits im Oktober 2022 titelte das Handelsblatt: „Permanenter Wohlstandsverlust: IWF warnt vor einer neuen Blockbildung im Welthandel - Zunehmende geopolitische Spannungen gefährden den weltweiten Handel.“[13]

Die WTO prognostizierte im April 2023 für das laufende Jahr eine Zunahme des Welthandels von lediglich 1,7%. Für 2024 werden 3,2% erwartet.[14] Allerdings könnten die Zahlen laut WTO auch schlechter ausfallen. Als Gründe nennt die Welthandelsorganisation geopolitische Spannungen, Lebensmittelunsicherheit, instabile Finanzmärkte und hohe Schulden.

Auch die in jüngster Zeit verfolgte starke Subventionspolitik der USA für ihre heimische Industrie wird von Fachleuten, auch und insbesondere aus den USA, scharf kritisiert. Die Subventionen würden zu geringerer Produktivität und daher zu schwächerem Wirtschaftswachstum führen.[15]

Bereits von 2009 bis heute ist laut Wall Street Journal die Stundenproduktivität in der US-Industrie um lediglich 0,2% pro Jahr gestiegen.[16] Der subventionierte Aufbau der US-Industrie und die dadurch bewirkte Verminderung des Außenhandels dürfte die Produktivität weiter belasten und damit Wirtschaftswachstum schwächen oder gar verhindern.

Steigende Rüstungsausgaben

Die zunehmenden internationalen Spannungen, insbesondere der Ukraine-Krieg, schlagen sich auch in steigenden globalen Rüstungsausgaben nieder. Sie erreichten 2022 mit 2.240 Milliarden Dollar, das ist ein Zuwachs um 3,7% gegenüber dem Vorjahr, einen neuen Höchststand.[17]

Jeder Dollar, der für Rüstungsausgaben verwendet wird, jede Arbeitsstunde, die in Rüstung und Militär fließt, wird der zivilen Güterproduktion entzogen und mindert daher unseren Wohlstand. In dem aktuellen Jahresbericht des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) heißt es:

„Die globale Sicherheit zeigte im Jahr 2022 eine deutliche Verschlechterung im Vergleich zu vor einem Jahrzehnt. Weltweit gab es mehr Krieg, höhere Militärausgaben und eine zunehmende akute Ernährungsunsicherheit. […] Die internationale Stabilität geriet durch den Krieg in der Ukraine und durch die Verschärfung der Konfrontation zwischen den Großmächten unter Druck, was die Rüstungskontrolle schwächte und die Diplomatie weniger effektiv machte.“[18]

Auch die deutschen Rüstungsausgaben steigen in jüngerer Zeit deutlich an[19], nicht zuletzt sind über das Sondervermögen Bundewehr zusätzliche 100 Milliarden Euro für Rüstungsausgaben geplant.[20] Zum Vergleich: 2021 und 2022 betrugen die deutschen Rüstungsausgaben etwa 56 Milliarden Euro.[21]

Ein Anstieg der deutschen Rüstungsausgaben erhöht offiziell unser BIP. Real ist jedoch das Gegenteil der Fall. Jeder Euro Rüstungsausgaben vermindert in Wirklichkeit unseren Wohlstand.

Fazit

Die zunehmenden internationalen Spannungen, die steigenden US-Subventionen und insbesondere die weltweit steigenden Rüstungsausgaben verheißen nichts Gutes für Wirtschaftswachstum und Wohlstand in den kommenden Jahren. Ohne Vertrauen und Kooperation ist produktives Wirtschaften nicht möglich.

Quellen

[2] CNBC 10.8.2023: www.cnbc.com/2023/08/11/what-bidens-executive-order-means-for-us-investors-in-china-.html: „But the industry and political developments mark a shift in the overall risk environment“

[3] USA und China auf Kollisionskurs, Die Bedeutung der Innenpolitik für das bilaterale Verhältnis, SWP-Studie 2023, 07.03.2023, www.swp-berlin.org/publikation/usa-und-china-auf-kollisionskurs

[4] Die folgenden Ausführungen sind streckenweise wörtlich übernommen aus meinem im August 2023 erschienenen Buch „Das Ende des Wirtschaftswachstums – Die ökonomischen und sozialen Folgen mangelnder Ethik und Moral“, tredition, Hamburg

[6] Ebd.

[9] Wall Street Journal 18.9.2023: China Economic Woes Rival Japan's, or Worse

[16] Wall Street Journal 21.9.2023, U.S. Labor's Real Problem: Productivity

[18] SIPRI Jahrbuch 2023: www.sipri.org/sites/default/files/2023-06/yb23_summary_en_0.pdf: Global security in 2022 showed a marked deterioration compared with a decade ago. Worldwide, there was more war, higher militäary spending and increased acute food insecurity. […] International stability was under pressure from the war in Ukraine and from intensifying confrontation between the great powers, whcih weakened arms control and made diplomacy less effective.“

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                                                                            ***

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD), Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Homepage www.menschengerechtewirtschaft.de

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