Unternehmen

Zwang zur Vorsorge: Wird die Rente für Selbstständige zur Pflicht? 

Eine grundlegende Reform der Rentenversicherung steht bevor – mit potenziell weitreichenden Konsequenzen für Selbstständige. Besonders kleinen Unternehmern drohen massive finanzielle Belastungen, die sie an den Rand ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit drängen könnten. Was genau sehen die Koalitionspläne vor?
15.04.2024 11:19
Aktualisiert: 15.04.2024 12:00
Lesezeit: 3 min

In Deutschland leisteten laut Statista zuletzt 39,2 Millionen Menschen Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung - ein kollektiver Beitrag zur Alterssicherung. Während für bestimmte Berufsgruppen wie Lehrer, Erzieher, Pflegekräfte, Künstler und Publizisten die Mitgliedschaft in der Rentenversicherung obligatorisch ist, steht es den meisten Selbstständigen frei, ihre Altersvorsorge eigenständig zu gestalten.

Diese Freiheit birgt jedoch Risiken, denn unregelmäßige Einkünfte erschweren es Selbstständigen, angemessen für den Ruhestand vorzusorgen. Nehmen wir das Beispiel von Frau Schneider, einer selbstständigen Boutique-Inhaberin. Trotz ihres Engagements führte die Unbeständigkeit des Einzelhandelsgeschäfts dazu, dass sie nur sporadisch in ihre private Altersvorsorge einzahlen konnte. Nun, kurz vor dem Ruhestand, sieht sie sich mit der harten Realität konfrontiert: Die erwarteten Altersbezüge reichen bei weitem nicht aus, um ihren Lebensstandard zu halten.

Sicherheit durch Vorsorge: Altersvorsorge für Selbstständige

Frau Schneiders Beispiel ist kein Einzelfall, sondern spiegelt die prekäre Situation vieler Selbstständiger wider, die der Gefahr der Altersarmut gegenüberstehen. Die Bundesregierung plant daher eine Rentenversicherungspflicht einzuführen. Das Ziel: Selbstständige müssen entweder Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung leisten oder eine adäquate private Altersvorsorge nachweisen, um ihre Altersabsicherung zu stärken.

Der Koalitionsvertrag regelt dazu: „Wir werden für alle neuen Selbstständigen (…) eine Pflicht zur Altersvorsorge mit Wahlfreiheit einführen. Selbstständige sind in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert, sofern sie nicht im Rahmen eines einfachen und unbürokratischen Opt-Outs ein privates Vorsorgeprodukt wählen. (…)“. Bei Gründung gilt eine Karenzzeit von zwei Jahren.

Von Experten befürwortet: Mehr Beitragszahler stärken das Rentensystem!

Expertengremien, darunter der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, bekannt als die Wirtschaftsweisen und namenhafte Ökonomen, wie Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), befürworten die Reformen.

Sie prognostizieren einen erheblichen Zuwachs an Beitragszahlern, der das Versorgungssystem stärken und langfristig die Rentensicherheit in Deutschland erhöhen könnte. Dagegen waren Kritiker vor den finanziellen Auswirkungen und betonen die signifikanten Belastungen, mit denen Selbstständige konfrontiert würden.

Welche Beiträge fallen an? Kritiker sehen sie als enormen Kostentreiber

Dies ist nicht von der Hand zu weisen, denn nach den Plänen der Bundesregierung belaufen sich die Versicherungsbeiträge auf 18,6-Prozent des Jahresgewinns, begrenzt auf ein Einkommen von bis zu 40.000 Euro. Das entspricht monatlichen Zahlungen zwischen etwa 84 Euro und 620 Euro - die Selbstständige vollständig ohne Zuschuss eines Arbeitgeberanteils zu tragen hätten.

Um die Tragweite zu verdeutlichen: Ein Selbstständiger mit einem Gewinn von 35.000 Euro im Jahr würde mit Beiträgen von 6.510 Euro zur Kasse gebeten werden, was monatlich eine zusätzliche Belastung von rund 542,50 Euro darstellt. Eine hohe Summe - weshalb einige Selbstständige sogar befürchten, dass sie ihre Geschäfte aufgeben müssen, da sie die Beiträge nicht leisten können.

Herr Müller, ein freiberuflicher Grafikdesigner, bringt es auf den Punkt: „Ich verstehe den Bedarf an Sicherheit im Alter, aber als Freelancer brauche ich die Freiheit, eigenständig über meine Finanzen zu entscheiden. Die gesetzliche Rentenversicherungspflicht würde mir wichtige finanzielle Spielräume nehmen, die ich schlicht und einfach in manchen Monaten benötige, in denen weniger Aufträge da sind.“

Ist die „private Vorsorge“ eine Alternative?

Finanziell besser tragbare Lösungen für die Rentenvorsorge der Selbstständigen wären private Vorsorgemodellen wie die Rürup-Rente - denn der Koalitionsplan benennt ausdrücklich die private Vorsorge als Alternative zur gesetzlichen Rentenversicherung. Freiberufler könnten dadurch die Höhe ihrer Beiträge individuell selbst bestimmen, anstatt einen festen Beitragssatz an die gesetzliche Rentenversicherung abzuführen. Die steuerliche Abzugsfähigkeit der Einzahlungen dient als zusätzlicher Anreiz.

Allerdings birgt auch dieses Modell Tücken: Die Flexibilität in der Beitragswahl und das Fehlen von Mindestbeiträgen birgt das Risiko, dass die Vorsorge für das Alter nicht ausreicht. Ob eine solche private Vorsorgeform die Altersarmut effektiv bekämpfen kann, bleibt daher fraglich.

Rentenversicherungspflicht für Selbstständige: Wie geht es weiter?

Dies zeigt die Herausforderung der Rentenreform: Während private Vorsorgepläne bei minimalen Beiträgen die Gefahr unzureichender Absicherung im Alter bergen, bedeuten die potenziellen Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung für Selbstständige eine drastische finanzielle Belastung. Der Schlüssel zu einer wirkungsvollen Altersvorsorge liegt aber nun einmal in der ausreichenden Höhe der Vorsorgebeträge. Es handelt sich um ein schwieriges Spannungsverhältnis, für das sich zufriedenstellende Lösungen nur schwer finden lassen.

In jedem Fall rückt eine neue Ära der Altersvorsorge näher, deren Konturen schon jetzt sichtbar werden. Noch ist die Diskussion nicht abgeschlossen und die genauen Auswirkungen werden sich erst mit dem bevorstehenden Gesetzgebungsverfahren zeigen. Beabsichtigt ist, die Rentenreform noch in dieser Konjunkturperiode zu beschließen. Für diejenigen Selbstständigen, die bereits in Systeme wie private Versorgungswerke oder die Künstlersozialkasse einzahlen, dürfte sich wenig ändern. Doch für alle anderen stehen finanziell weitreichende Entscheidungen bevor.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

 

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rhein Group: Draghi versammelt Europas Machtelite
19.09.2026

Mario Draghi hat Europas wirtschaftliche Schwächen analysiert. Jetzt will er handeln: Mit der Rhein Group versammelt der frühere...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Das müssen Sie unbedingt wissen
19.09.2026

Mecklenburg-Vorpommern wählt einen neuen Landtag – und diesmal könnte sich das politische Kräfteverhältnis grundlegend verschieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrigwasser am Rhein: Wenn der deutschen Wirtschaft das Wasser fehlt
19.09.2026

Der Rheinpegel in Kaub ist der wichtigste Pegel für die Schifffahrt zwischen Rotterdam und Basel. Dort fiel der Wasserstand im August 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes GLC im Test: Elektrisch ist er endlich so, wie er sein muss
19.09.2026

Der elektrische Mercedes GLC 400 4Matic bringt fast 500 PS, viel Komfort, hohe Ladeleistung und einen überraschend moderaten Verbrauch. Im...

DWN
Politik
Politik Berlin wählt: Diese Koalitionen sind möglich – und was sonst noch wichtig ist!
19.09.2026

Rund 2,5 Millionen Berliner entscheiden am Sonntag über die politische Zukunft ihrer Stadt. Nach einem von Wohnungsnot, Verkehr und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Safran-Anbau: KI und Roboter sollen Europas Abhängigkeit beenden
19.09.2026

Safran ist das teuerste Gewürz der Welt, doch seine Lieferkette ist anfällig und kaum transparent. Ein schwedisches Start-up will das...

DWN
Technologie
Technologie Gefälschte IT-Mitarbeiter: Remote-Jobs werden zum Einfallstor für Spione
19.09.2026

Sie sehen aus wie ganz normale Bewerber, doch hinter Lebensläufen, Videogesprächen und vermeintlich echten Identitäten können...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Audi-Krise: „In zehn Jahren muss es Volkswagen noch geben“
19.09.2026

China holt Europas Autobauer nicht mehr nur ein. In wichtigen Technologiebereichen ist die Konkurrenz bereits vorbeigezogen. Audi-Chef...