Politik

Folgen von Corona: So groß ist die Einsamkeit in Deutschland

Das Gefühl von Einsamkeit war seit den 90er Jahren zurückgegangen - dann kam Corona und warf viele Menschen zurück. Unter anderem das zeigen Daten, die Familienministerin Lisa Paus nun vorgestellt hat.
30.05.2024 17:19
Aktualisiert: 30.05.2024 17:19
Lesezeit: 3 min
Folgen von Corona: So groß ist die Einsamkeit in Deutschland
Bundesministerin Lisa Paus (Grüne) stellt zusammen mit Benjamin Landes, Projektleiter Kompetenznetz Einsamkeit, bei einer Pressekonferenz das Einsamkeitsbarometer vor. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Alleinerziehende, ältere Menschen und Migranten trifft es häufiger als andere: das Gefühl von Einsamkeit. Ein umfassendes Bild des Phänomens liefert nun erstmals das sogenannte Einsamkeitsbarometer, das Familienministerin Lisa Paus (Grüne) in Berlin vorgestellt hat. Es handelt sich laut Paus um die erste Bestandsaufnahme dieser Art zum Einsamkeitsgefühl der Deutschen. Startjahr ist 1992, das Ende bildet das zweite Pandemiejahr 2021. Aktuellere Daten liefert die Langzeitanalyse erst im kommenden Jahr. Der Trend aber, der ist für die Grünen-Politikerin klar: Einsamkeit sei „extrem schambehaftet“, sagt Paus. Das Phänomen schade der gesamten Gesellschaft.

Ältere, Alleinerziehende, Migranten betroffen

Die Ergebnisse dieser repräsentativen Befragung von Privathaushalten - auch „Sozio-ökonomisches Panel“ genannt - zeigen, dass einige Gruppen besonders betroffen sind: Dazu gehören Alleinerziehende, Menschen hohen Alters und Migranten. Demnach litten 16,4 Prozent der Alleinerziehenden im Jahr 2021 unter Einsamkeit, bei Haushalten ohne Minderjährige betrug der Anteil lediglich 10,5 Prozent. Auch in den analysierten Vorjahren 2020, 2017 und 2013 zeigte sich bei dem Vergleich der beiden Gruppen ein Abstand von etwa sechs Prozentpunkten. Dem Bericht zufolge leiden Menschen, die Pflegearbeit leisten, generell häufiger unter Einsamkeit als andere. Erhoben haben die Forscher die Daten nach Alter, Geschlecht und Wohnort in Ost- und Westdeutschland.

Auch Menschen mit Migrationserfahrung sind besonders gefährdet. 16,3 Prozent der Über-18-Jährigen mit Migrationsgeschichte gaben 2021 an, besonders davon belastet zu sein. Bei Menschen ohne diese Erfahrung waren es nur 9,9 Prozent.

„Einsamkeit betrifft in Deutschland mehrere Millionen Menschen“, sagt Paus. Am stärksten treffe es laut Barometer Menschen über 75 Jahre. Lediglich im ersten Pandemiejahr 2020 seien erstmals jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren mit einer Quote von 31,8 Prozent stärker betroffen gewesen als Über-75-Jährige (22,8 Prozent).

Pandemie verschärft Einsamkeit bei Jüngeren

Insgesamt zeigt sich: Die Älteren meisterten das Einsamkeitstief während der Pandemie deutlich besser als junge Menschen. Für die 18- bis 29-Jährigen ergibt sich 2021 noch eine Einsamkeitsquote von 14,1 Prozent, während in dem Jahr nur noch etwa zehn Prozent der Senioren über 75 über Einsamkeit klagten.

Etwas aktuellere, aber wegen des geringeren Umfangs nicht ganz vergleichbare Zahlen hatte am Mittwoch auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung vorgestellt. Demnach ist Einsamkeit seit der Pandemie bei jüngeren Erwachsenen unter 30 Jahren weit verbreitet. Auch Benjamin Landes kann dies bestätigen. Er ist Direktor des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, das die 30 Jahre umfassenden Daten für das Barometer aufbereitet hat. Landes spricht von einem „Peak in der Pandemie“, von dem sich Ältere besser erholt hätten.

Frauen stärker belastet als Männer

Frauen fühlen sich den Daten zufolge häufiger einsam als Männer. Das sei vor der Pandemie schon so gewesen, habe sich aber im ersten Corona-Jahr verschärft. 2020 betraf es demnach 33,2 Prozent der Frauen, während es bei Männern nur knapp 23,1 Prozent waren. 2021 wurde die Lücke wieder etwas kleiner (Frauen 13 Prozent, Männer knapp 10 Prozent).

Kaum Unterschiede zwischen Stadt und Land

Das Klischee von menschlich unterkühlten Großstädten, in denen besonders viele Menschen einsam sind, lässt sich anhand der Daten des Barometers nicht bestätigen. Demnach gibt es beim Einsamkeitsempfinden keinen signifikanten Unterschied zwischen Menschen auf dem Land und Städten. Auch zwischen West- und Ostdeutschland ließen sich nur geringe Unterschiede ermitteln. Institutsleiter Landes wies einschränkend darauf hin, dass die Daten nur quantitativ erhoben worden seien. Es sei beispielsweise nicht untersucht worden, wie genau sich Einsamkeit in Städten im Vergleich zur Einsamkeit auf dem Land äußere und ob es da Unterschiede gebe. Das sei Gegenstand weiterer Forschung, erklärte Landes. Die Bekämpfung von Einsamkeit sei ein „Work in Progress“, betonte auch Paus. Es gebe noch keine klare wissenschaftliche Auswertung von Gegenstrategien. Die Dringlichkeit stehe dagegen außer Frage. Laut Weltgesundheitsorganisation sei Einsamkeit genauso lebensverkürzend wie Rauchen, Fettleibigkeit oder Luftverschmutzung, sagte die Ministerin.

Einsamkeit verringert Vertrauen in Demokratie

Ein weiterer Befund der Studie ist der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Vertrauen. Einsame Menschen erlebten generell einen Vertrauensverlust mit Blick auf ihr Umfeld, erklärte Landes. Dies führe auch dazu, dass das Vertrauen in Institutionen schwinde. Ministerin Paus stufte dies als „beunruhigend“ ein. Wenn Menschen sich von der Gesellschaft abwendeten, schade dies auch massiv der Demokratie, erklärte sie.

Was die Bundesregierung jetzt tun will

Klar ist: Ein eigenes Ministerium für Einsamkeit wie in Japan oder Großbritannien wird es in Deutschland vorerst nicht geben. Das hält auch Ministerin Paus nach eigenen Aussagen nicht für zwingend. Die Bundesregierung versuche mit einer Gesamtstrategie voranzukommen, betont sie. Wichtigstes Ziel sei es, „das Thema aus der Tabu-Zone“ zu holen. Geplant seien in den kommenden Wochen mehrere Sensibilisierungskampagnen, unter anderem über soziale Netzwerke. Auch die bundesweite Aktionswoche gegen Einsamkeit, vom 17. bis zum 23. Juni, solle helfen, das Thema ins Bewusstsein zu rücken. Die Bundesregierung gebe für den Kampf gegen Einsamkeit bis 2027 insgesamt 70 Millionen Euro aus - auch dank EU-Förderprogrammen.

Ob das die Kritiker der Strategie zufriedenstellen wird, wird sich zeigen. Mehrere Verbände und die Unionsfraktion drängten am Donnerstag auf konkretere Maßnahmen. Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, dass ein Einsamkeitsbarometer alleine das Problem nicht lösen werde. Es handele sich um eine „Volkskrankheit“, die viel stärker als bisher in der Breite der Gesellschaft adressiert werden müsse.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik EU-Asylpolitik: Rechte Mehrheit beschließt Abschiebezentren
26.03.2026

Das EU-Parlament verschärft die Asylpolitik deutlich – mit Stimmen von Konservativen und rechten Parteien. Die Entscheidung für...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsbau bricht ein: IG Bau will staatliche Zinsbremse
26.03.2026

Deutschlands Wohnungsbau steckt tief in der Krise, und ein schneller Ausweg ist nicht in Sicht. Die IG Bau fordert jetzt radikale...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Innovationsranking: China überholt Deutschland und stellt Europas Modell infrage
26.03.2026

China zieht an Deutschland vorbei und rückt im Innovationsranking an die USA heran. Dahinter steckt kein Zufall, sondern eine strategisch...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
26.03.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bundestag beschließt Spritpaket: Kommt bald ein weiteres?
26.03.2026

Die Spritpreise steigen weiter, und Autofahrer spüren die Last direkt an der Zapfsäule. Die Koalition reagiert mit einem Spritpreispaket...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: Russland startet neue Offensive – und erleidet massive Verluste
26.03.2026

Russland hat eine neue Offensive in der Ukraine gestartet. Doch die Verluste sind enorm. Gleichzeitig nutzt Kiew eine kritische Schwäche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutz-Aktie startet durch: Umsatz und Gewinn steigen kräftig
26.03.2026

Die Deutz-Aktie profitiert von Kostensenkungen und Rüstungsaufträgen. Vorstandschef Schulte will den Umsatz bis 2030 verdoppeln.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Meta-Suchtprozess: US-Geschworene verurteilen Meta und YouTube
26.03.2026

Eine junge Frau erzwingt Millionenentschädigungen von Meta und YouTube. Das Urteil signalisiert, dass Suchtmechanismen auf...