Politik

Rentner an die Arbeit: Lindner will Steueranreize – noch dieses Jahr

Fachkräftemangel: Rentner sollen länger arbeiten, um fehlende Fachkräfte zu ersetzen. Dafür möchte Finanzminister Lindner mehr steuerliche Anreize für eine längere Erwerbstätigkeit schaffen. Jetzt gibt der Bundesfinanzminister Gas und macht konkrete Vorschläge. Die Arbeit soll sich für beide Seiten lohnen. Reichlich spät für manchen Rentner. Fraglich ist, ob mehr „Netto“ im Portemonnaie Anreiz genug sind, später in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Man lebt nur einmal.
19.06.2024 12:00
Aktualisiert: 17.06.2030 16:00
Lesezeit: 3 min

Der Wirtschaft fehlen zunehmend Fachkräfte. Gleichzeitig wollen oder müssen immer mehr Ältere länger arbeiten. Im September 2023 waren 1 123 000 Arbeitnehmer älter als 67. Viele müssen länger arbeiten, weil die Rente nicht reicht. Laut Statistischem Bundesamt haben 42 Prozent der Rentner weniger als 1250 Euro netto/Monat. Jeder vierte Rentner sogar weniger als 1000 Euro.

Arbeiten über die Rente hinaus soll sich deutlich mehr lohnen

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat sich jetzt dafür ausgesprochen, noch in diesem Jahr Anreize zu schaffen, damit Menschen länger im Beruf bleiben. Zugleich dämpfte er Erwartungen, in der laufenden Legislatur Mechanismen gegen den Beitragsanstieg umzusetzen. „Das Rentenpaket II wird kommen, aber das wird nicht das Ende der Reformen bei der Rente sein“, sagte Lindner der Rheinischen Post.

„Wir müssen den Beitragsanstieg in den kommenden Jahren bis Ende der 2030er Jahre dämpfen. Allerdings ist zu befürchten, dass das in dieser Wahlperiode des Bundestages dazu noch Erreichbare begrenzt, ist“, so der Bundesfinanzminister.

Mit Blick auf die Debatte über eine längere Erwerbstätigkeit von Menschen neben der Rente forderte Lindner eine rasche Umsetzung: „Denkbar sind aber Anreize, dass Menschen länger im Beruf bleiben. Damit könnten wir dieses Jahr beginnen.“ Der FDP-Politiker brachte konkrete Vorschläge ins Gespräch. „Beispielsweise könnte man Rentnerinnen und Rentnern, die weiterarbeiten, den Arbeitgeberbeitrag zur Arbeitslosen- und zur Rentenversicherung sofort unbürokratisch als zusätzliches Netto auszahlen“, sagte Lindner.

Auch Pascal Kober, FDP, Sprecher für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, sagte zuvor: „Wir brauchen Anreize für längeres Arbeiten und flexiblere Übergänge. Das Arbeitsrecht müsse angepasst werden, um ein schrittweises Ausgleiten in den Ruhestand oder eine Teilzeit-Beschäftigung im alten Unternehmen zu erleichtern.“

2023 mehr Menschen mit abschlagsfreier Altersrente

Zuletzt war bekannt geworden, dass im vergangenen Jahr mehr Menschen die vorgezogene, abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte in Anspruch genommen haben als noch 2022. Die Zahl derer, die im vergangenen Jahr die Rente mit 63 genutzt haben, lag demnach bei 279.000 Menschen, wie unsere Redaktion unter Berufung auf Daten der Deutschen Rentenversicherung berichtet hatte. Im Vorjahr waren es demnach 17.000 Menschen weniger: 2022 habe die Zahl noch bei 262.000 Versicherten gelegen. Gleichzeitig nahm auch die Zahl älterer Arbeitnehmer zu, die für einen vorzeitigen Rentenbeginn Abschläge in Kauf nahmen. 2023 gingen demnach 243.862 Menschen vorzeitig mit Abschlägen in Rente, im Jahr zuvor waren es mit 223.580 noch rund 20.000 weniger.

Wie kann Arbeit im Alter attraktiver werden?

Diese Frage will auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (51, SPD) diesem Sommer noch klären. Der BILD am SONNTAG sagt Heil zu seinem Entlastungs-Plan: „Wenn es gelänge, 100 000 Menschen fit zu halten und zu motivieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, ein Stück länger zu arbeiten, dann wären das pro Jahr ungefähr zwei Milliarden Euro.“ Eine höhere Erwerbstätigkeit von Rentnern gilt als ein Schlüsselfaktor im Kampf gegen den Fachkräftemangel.

Laut Bundesregierung (Stand: 2023) liegt monatlich die durchschnittliche Altersrente nach mindestens 45 Versicherungsjahren bei 1543 Euro. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist erheblich. Während Frauen nur 1323 Euro im Schnitt bekommen, kriegen Männer 1637 Euro monatlich.

Seit dem 1. Januar 2023 kann man Geld hinzuverdienen, wie man möchte, ohne dass die reguläre Rente gekürzt wird. Davor galt noch eine Obergrenze von 46 060 Euro jährlich. Aber Steuern fallen unter Umständen sowohl für die Rente als auch die Beschäftigung an. Wie die Rente steuerlich behandelt wird, kommt auf das Kalenderjahr des Rentenbeginns an. Je später die Rente beginnt, desto höher ist der zu versteuernder Anteil.

Gehen Rentner arbeiten, wird die Rente vom Finanzamt als Haupteinnahmequelle angesehen und in eine der ersten fünf Steuerklassen eingeteilt. Der Nebenverdienst fällt dann in die hoch versteuerte Steuerklasse 6. Es drohen hohe Abzüge. Minijobber liegen unter dem jährlichen Freibetrag und zahlen keine Steuern. Dabei dürfen 6456 Euro Jahresverdienst nicht überschritten werden. Der Steuerfreibetrag beträgt im Moment 11 604 Euro.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street steigt, da KI-Optimismus Tech-Aktien beflügelt
27.10.2026

Technologie-Schwergewichte und wichtige Quartalszahlen bringen Bewegung in die US-Märkte – erfahren Sie, welche Entwicklungen die...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Claude-Entwickler lockt mit Wachstum und warnt zugleich vor enormen Kosten
27.10.2026

Das Anthropic-IPO könnte zu einem der wichtigsten Börsengänge des Jahres werden. Der Claude-Entwickler meldet explosives Umsatzwachstum,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ingenieurmangel trotz Rekordarbeitslosigkeit: Warum Deutschlands Technikarbeitsmarkt gespalten ist
27.10.2026

Mehr offene Stellen, aber gleichzeitig ein neuer Höchststand bei der Arbeitslosigkeit: Deutschlands Ingenieur- und IT-Arbeitsmarkt sendet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Temu und Shein werden teurer: EU kassiert ab November zusätzlich
27.10.2026

Ein paar günstige Produkte aus China bestellen und dabei kräftig sparen? Das könnte sich für deutsche Verbraucher bald weniger lohnen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
27.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Microsoft-Aktie im Fokus: US-Konzern bietet 60.000 Mitarbeitern Abfindungen an
27.10.2026

Der US-Softwarekonzern Microsoft bietet rund 60.000 Beschäftigten in vier Ländern einen freiwilligen Abschied gegen eine Abfindung an....

DWN
Finanzen
Finanzen Micron-Technology-Aktie zwischen KI-Boom und China-Risiko: Was Anleger jetzt beachten sollten
27.10.2026

Nach heftigen Kursschwankungen steht die Micron-Aktie erneut im Mittelpunkt des Anlegerinteresses. Der Speicherchiphersteller profitiert...

DWN
Politik
Politik EZB-Zinsentscheid: Bleiben die Zinsen stabil oder deutet Lagarde schon die nächste Erhöhung an?
27.10.2026

In dieser Woche stehen zwei Zinsentscheidungen an. Am Mittwoch tagt die US-Notenbank Fed, am Donnerstag folgt der EZB-Zinsentscheid.