Technologie

Wasserstoff-Speicherung: Aktuelle Testprojekte auf dem Prüfstand

Klimaneutraler Wasserstoff wird voraussichtlich eine bedeutende Rolle in der Zukunft spielen. Um dies zu ermöglichen, sind große Speicherkapazitäten erforderlich. Derzeit werden in verschiedenen Testanlagen die entscheidenden Faktoren für diese Speicherung untersucht.
26.08.2024 13:52
Lesezeit: 4 min
Wasserstoff-Speicherung: Aktuelle Testprojekte auf dem Prüfstand
Zwei Leitungen für Erdgas und Wasserstoff führen zu einem Brenner in der Lackiererei im BMW Werk Leipzig. (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

Noch ist klimaneutral hergestellter Wasserstoff Mangelware, doch das soll sich bald ändern. Werden die milliardenschweren Pläne von Politik und Wirtschaft verwirklicht, gibt es schon in einigen Jahren zahlreiche Elektrolyseure für Wasserstoff aus Grünstrom, Anlandeterminals für Importe, ein Pipeline-Netz zum Wasserstoff-Transport und Großabnehmer in Industrie und Energiewirtschaft. Nötig sind dann auch Speicher für das leichteste aller Elemente, damit immer genug da ist und gehandelt werden kann. Wie steht es also um die Wasserstoff-Speicher in Deutschland? Ein Überblick.

Warum reden ständig alle von Wasserstoff?

Weil Wasserstoff eine zentrale Rolle in einem klimaneutralen Wirtschaftssystem spielen soll: CO2-neutral erzeugt soll das leichteste Element etwa in neuen Gaskraftwerken Strom erzeugen, wenn nicht genug Wind- oder Sonnenstrom da ist. In Stahlwerken soll es anstelle von Koks zum Einsatz kommen und so riesige Mengen Kohlendioxid einsparen. Damit das funktioniert, braucht man viel Wasserstoff. Weil nicht immer genauso viel verbraucht, wie produziert wird, braucht man Speicher. Experten rechnen mit einem großen Bedarf an Wasserstoffspeichern in Deutschland.

Wo soll Wasserstoff gespeichert werden?

In großem Stil vor allem unter Tage - wie Erdgas. Zwei Speichertypen werden unterschieden: Bei Kavernenspeichern wird das Gas in riesigen Hohlräumen gelagert, die künstlich in Salzstöcke gespült wurden. Einige Kavernen sind mehrere hundert Meter hoch. Bei Porenspeichern wird das Gas in porösen Gesteinen gespeichert. Allerdings: „Hier ist bislang noch nicht abschließend geklärt, welche konkreten Anlagen sich auch für die Speicherung von Wasserstoff eignen“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes der Erdgasspeicher-Betreiber Ines (Initiative Energien Speichern), Sebastian Heinermann der dpa.

Gibt es schon genug Speicher für Wasserstoff?

Nein. Zwar sollen nach und nach vorhandene Erdgasspeicher für die Wasserstoff-Speicherung umgerüstet werden. Das Bundeswirtschaftsministerium geht jedoch davon aus, dass mehr Wasserstoffspeicher neu gebaut werden müssen als durch Umwidmung bestehender Gasspeicher gewonnen werden können. Laut den jüngsten Langfristszenarien des Ministeriums werden bis 2045 Speicher benötigt, die Wasserstoff mit einem Energiegehalt von insgesamt 76 bis 80 Terawattstunden speichern können. „Aus dem Bestand an Gasspeichern hierzulande lassen sich schätzungsweise 32 Terawattstunden davon decken“, sagt Verbandsgeschäftsführer Heinermann. „Der verbleibende Bedarf muss über einen Neubau von Anlagen gedeckt werden.“

Gibt es überhaupt schon Wasserstoff-Speicher?

Ja, laut Energiekonzern Uniper vereinzelt in den USA und im Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es bislang nur wenige Test-Anlagen. So untersucht etwa der Oldenburger Energiekonzern EWE schon seit Längerem mithilfe einer Testkaverne in Rüdersdorf bei Berlin, worauf es beim Betrieb eines Wasserstoffspeichers in einem Salzstock ankommt. „Seit dem Projektstart im Jahr 2019 haben wir bereits verschiedene Meilensteine erreicht, beispielsweise den Dichtheitsnachweis der Kavernenzuleitung bis auf 1.000 Meter Tiefe“, berichtet eine Firmensprecherin. Derzeit werde die Ein- und Auslagerung von Wasserstoff mit verschiedenen Geschwindigkeiten erprobt.

Deutschlands größter Erdgasspeicher-Betreiber Uniper testet seit einigen Monaten im bayerischen Bierwang, wie man Wasserstoff in porösem Gestein lagern kann. Demnächst will Uniper auch die Wasserstoffspeicherung in einem Salzstock erproben - im ostfriesischen Krummhörn. Etwa zwei Jahre lang soll dort geprüft werden, wie etwa Materialien und Technik mit dem Gas zurechtkommen. Der Hohlraum der Pilotkaverne hat ein Volumen von etwa 3000 Kubikmetern. Zum Vergleich: Große Erdgaskavernen haben mehrere Hunderttausend Kubikmeter Volumen.

Gibt es schon konkrete Pläne für Großspeicher?

Ja. Kommerziell genutzte Großspeicher sind unter anderem in Huntorf bei Oldenburg (EWE), Bad Lauchstädt bei Halle (Saale)(VNG) und Gronau-Epe (RWE) geplant. Auch in Krummhörn könnte solch ein Wasserstoff-Speicher entstehen: Die neue Pilotkaverne kann durch weitere Salzausspülung, sogenanntes Solen, vergrößert werden, um sie eines Tages kommerziell zu nutzen. Die kommerzielle Inbetriebnahme in Gronau plant RWE schon für 2026. In Huntorf will EWE ab 2027 Wasserstoff speichern.

Wie viele Pilotprojekte gibt es derzeit in Deutschland?

Dem Speicherverband Ines sind aktuell achtzehn Projektideen bekannt, die unterschiedlich weit fortgeschritten sind. „Bei den Projekten handelt es sich in der Regel um kleinere Forschungs- und Entwicklungsvorhaben“, erklärt Heinermann. Er betont das grundlegende Interesse der Gasspeicherbetreiber an Wasserstoffspeicherung: „Die Ines-Mitglieder sind sehr daran interessiert, Wasserstoffspeicher zu entwickeln und damit einen wesentlichen Beitrag für eine erfolgreiche Energiewende zu leisten.“

Das Bundeswirtschaftsministerium ist zuversichtlich, dass eines Tages genügend Speicher da sein werden: „Aufgrund der hohen Potenziale für Wasserstoffspeicher (Salzkavernen und Porenspeicher) ist davon auszugehen, dass grundsätzlich alle entstehenden Speicherbedarfe gedeckt werden können“, erklärt eine Sprecherin auf dpa-Anfrage. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf „signifikante Salzkavernenvorkommen“ insbesondere in Nord- und Ostdeutschland sowie im geringeren Umfang in Mitteldeutschland. „Auch das Potenzial für Porenspeicher liegt insbesondere in Nord- und Ostdeutschland.“ Porenspeicherpotenziale gebe es darüber hinaus auch in Mittel- und Süddeutschland.

Welche Fragen müssen noch geklärt werden?

Dem Ines-Geschäftsführer fallen eine Menge ein. „Zentrale Fragen sind sicherlich mit dem Medium Wasserstoff verbunden“, sagt Heinermann. „Wie reagiert die Geologie im Untergrund auf den Wasserstoff? Was macht der Wasserstoff mit den Anlagenkomponenten? Wie verhält sich der Wasserstoff bei unterschiedlichen Betriebsweisen?“ Hinzu kämen Fragen zu Planungs- und Genehmigungsprozessen und Kostenfragen für Errichtung und Betrieb. Wichtig sei auch, wie die konkreten Anforderungen der Speichernutzer aussähen und wie sie sich über die Zeit hinweg verändern können.

Wie geht es weiter?

Das Bundeswirtschaftsministerium will bis zum Jahresende eine Wasserstoffspeicherstrategie vorlegen. Die Branche erhofft sich davon etwa Hinweise, wie Planung- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden können. „Derzeit wird geschätzt, dass die Umwidmung eines Gasspeichers auf Wasserstoff ungefähr 6,5 Jahre dauert. Der Neubau könnte sogar über zehn Jahre erfordern. Da müssen wir besser werden“, sagt Heinermann. Die Strategie solle auch die Frage beantworten, wie man in einem unsicheren Marktumfeld zu den nötigen Investitionen in Speicherprojekte komme, sodass die Energiewende erfolgreich umgesetzt werden könne. „Denn wenn wir nicht sehr bald in die Skalierung kommen, dann wird die Energiewende nicht fristgerecht umzusetzen sein.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Panorama
Panorama Deutsche Bahn startet günstiges Familienticket für Sommerreisen
17.05.2026

Mit einem neuen Familienticket will die Deutsche Bahn Familien in den Sommerferien entlasten. Für unter 100 Euro sind Hin- und...

DWN
Immobilien
Immobilien Marode Gebäude und Brücken: Sanierungsstau in Berlin erreicht neue Dimensionen
17.05.2026

Von der Technischen Universität bis zum Schloss Bellevue: In Berlin häufen sich gravierende Baumängel und kostspielige...

DWN
Technologie
Technologie KI-Arbeitswelt: Wie Algorithmen den Menschen zur Restgröße machen
17.05.2026

Künstliche Intelligenz verspricht Entlastung, Effizienz und neue Chancen. Doch in der KI-Arbeitswelt zeigt sich eine andere Realität:...

DWN
Finanzen
Finanzen Eurokurs schwächelt weiter: Warum Währungsschwankungen für Unternehmen teuer werden
17.05.2026

Der Eurokurs steht seit vielen Monaten unter Druck – und für Unternehmen kann das langsam zum Problem werden. Zwischen geopolitischen...

DWN
Panorama
Panorama Trügerische Sicherheit: Warum Ihr Lieblingspasswort eine Gefahr ist
16.05.2026

Die meisten Internetnutzer wiegen sich in Sicherheit, während sie Hackern die Tür sperrangelweit offen stehen lassen. Obwohl die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesischer Ökonom Zhang mit Hinweis an Europa: Chinas Erfolg wird falsch erklärt
16.05.2026

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg gilt vielen als Beleg für die Stärke staatlicher Steuerung. Der Ökonom Prof. Weiying Zhang widerspricht...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Materialrückverfolgbarkeit in der Produktion: Wie Unternehmen MES-Software gezielt einsetzen
16.05.2026

Die Materialrückverfolgbarkeit entwickelt sich zunehmend zum entscheidenden Faktor für Qualität, Effizienz und regulatorische Sicherheit...

DWN
Politik
Politik Iran-Konflikt: 440 Kilo Uran und das iranische Atomprogramm verschärfen den Druck auf Teheran
16.05.2026

440 Kilogramm hoch angereichertes Uran sorgen weltweit für Sorge. Israel, die USA und der Iran ringen um Kontrolle, Sicherheit und...