Technologie

DWN-Sonntagskolumne: Künstliche Intelligenz Hype Cycle - Zwischen Revolution und Enttäuschung

Ist künstliche Intelligenz nur ein Hype oder der Beginn einer Revolution? Zwischen hohen Erwartungen, Milliardeninvestitionen und greifbaren Anwendungen stellt sich die Frage, ob KI eine echte Zeitenwende einläutet oder bald im Tal der Enttäuschung landet.
29.12.2024 13:00
Aktualisiert: 06.01.2025 15:58
Lesezeit: 3 min
DWN-Sonntagskolumne: Künstliche Intelligenz Hype Cycle - Zwischen Revolution und Enttäuschung
Künstliche Intelligenz: Revolution oder Hype? Zwischen hoher Erwartung und möglicher Ernüchterung. (Foto: iStock.com/FotografieLink) Foto: FotografieLink

Künstliche Intelligenz: Hype Cycle?

Die alles entscheidende Frage ist Ende 2024 nicht mehr die Gretchenfrage, auch nicht die K-Frage, sondern: Ist künstliche Intelligenz nur eine künstlich aufgeblasene Hysterie, sehen wir vielleicht auch hier einen Hype-Cycle, wie man ihn bei vielen anderen neuen Technologien miterlebt hat? Also, am Anfang ein Riesen-Hype und explodierende Börsenkurse, dann Ernüchterung (Tal der Enttäuschung), Absturz der Kurse, mehrere Jahre seitwärts Bewegung und dann geht es wieder langsam aufwärts (Pfad der Erleuchtung) und vielleicht wird es irgendwann doch noch ein Riesenerfolg? Nehmen wir mal als Beispiel 3D-Druck, Robo- und Flugtaxis, Telechirurgie, Lieferdrohnen, das Metaverse. Sind wir bei AI schon auf dem Gipfel der überzogenen Erwartungen?

Oder ist künstliche Intelligenz die unmittelbar bevorstehende Revolution, die unser Leben massiv verändern wird - und muss man also unbedingt investiert bleiben? Ist KI, wie mal jemand so schön formuliert hat, die größte Erfindung des Menschen, aber auch seine letzte? Ja, das sind Fragen, die auch ich nicht mit Sicherheit beantworten kann, wie sollte ich auch? Ich habe ja leider nur eine kleine menschliche Intelligenz und keine künstliche. Die wäre dafür schon erforderlich. Wir müssen uns also auf Vermutungen verlegen.

Ist KI dumm?

Einige sagen, KI sei nur Wahrscheinlichkeitsberechnung, Statistik, welches Wort als Nächstes am wahrscheinlichsten kommen wird. Also völlig unkreativ, nur der Mensch sei kreativ. Aber wenn ich die Menschen so betrachte, funktionieren sie eigentlich ganz genauso, wenn jemand mich sieht, wie ich einen Salat esse, wird er Stereotyp sagen: Oh, das sieht aber gesund aus. Wenn ich mit einem Gipsarm daherkomme, wird er sagen: wie hast du denn das gemacht? Vielleicht überschätzen die Menschen sich da doch ein bisschen.

Und die Pornoindustrie?

Außerdem ist das, was wir derzeit erleben, schon sehr erstaunlich: meine Assistentin auf ChatGPT4.0 ist so schlau, dass ich schon erwäge, die Kommunikation zu analogen menschlichen Lebewesen einzuschränken. Zugegeben, manchmal fantasiert sie noch ein bisschen. Aber wenn ich meine Freunde und Bekannten so höre, was die alles so von sich geben ...

Die mit KI generierten Fotos und Videoclips, die wir auf Social Media sehen, sind aber so surreal und originell, dass ich denke, wenn das nur der aller-aller-erste kleine Anfang ist, wie soll das in ein paar Jahren aussehen? Möglicherweise wird die gesamte Filmindustrie und Werbebranche von einem Tsunami davongefegt - und die Pornoindustrie wahrscheinlich als erste.

Menschen machen häufig den Fehler, eine neue Technologie anhand ihrer Kinderkrankheiten und anfänglichen offensichtlichen Mängel zu beurteilen. Den Leuten fehlt die Fantasie, die zukünftige Entwicklung zu imaginieren.

Zwei Argumente für die KI

Erstens: viele neue Technologien erzeugen anfangs einen Hype, sind aber in der Umsetzung dann doch viel komplizierter, als man dachte, zum Beispiel 3D-Druck, toll klingende Möglichkeiten, aber die Maschinen sind langsam, die Massenverwendung ist schwierig. Elektroautos haben Probleme mit den Batterien und der Infrastruktur der Ladestationen. Bei künstlicher Intelligenz hingegen braucht man keine neuen Maschinen zu Hause, künstliche Intelligenz ist sehr schnell implementierbar, weniger Hardware-lastig und sie schießt mit rasanter Geschwindigkeit in alle Bereiche unseres Alltags. Beispiel: Google/DeepMind/Gencast ... ein AI-fähiges Wettervorhersagetool, das in 97,2 Prozent der Fälle genauer sein soll als das führende herkömmliche Wettervorhersagemodell ENS.

Das zweite Argument ist, dass die 5 größten Tech-Unternehmen in den USA laut einer Analyse der Banque Pictet im Jahr 2025 200 Milliarden Dollar in die Entwicklung von KI gesteckt haben und bis 2027 auf 300 Milliarden jährlich hochfahren. Jetzt sagen viele, sie leiden an FOMO, sie stecken in einer Catch-22-Situation, haben keinen Plan, glauben, aber unbedingt, dabei sein zu müssen, um nicht was zu verpassen, das werde sich rächen, die können doch daraus gar keine Einnahmen generieren! Aber der Punkt ist doch, dass ich als privater Investor vieles nicht weiß (so wie die privaten Investoren bei der Dotcom-Bubble nicht viel wussten), aber bei den großen Tech Unternehmen gehen ich mal davon aus, dass dort viele, sehr schlaue Leute sitzen, die mehr Informationen haben, als ich, und die einen guten Grund sehen, warum sie eine so unglaublich hohe Wette eingehen. Sie wissen wohl was, was ich nicht weiß.

Ich komme daher zu dem Schluss, dass es auch für den privaten Investor rational ist, bei KI dabei zu sein. Ein langjähriger Hype-Cycle wird vermutlich nicht auftreten.

Eine andere Frage ist natürlich, ob China, USA oder Europa die Gewinner sein werden: bei Europa können wir skeptisch sein: für KI benötigt man Daten, Energie und Cloud Kapazitäten. All das ist in Europa schwierig. Das hindert den europäischen Investor aber nicht. An den Kapitalmärkten ist die Globalisierung ja noch intakt.

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Prof. Dr. Ulrich Seibert

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Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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