Politik

Berlin-Wahl 2026: Pleite und schäbig? Was Berlin im Wahlkampf bewegt

Kultur und Kunst im Überfluss, günstige Mieten und bei aller Atemlosigkeit eine gewisse "Jemütlichkeit" im Kiez – dieses Versprechen Berlins an die Republik gehört längst der Vergangenheit an. Stattdessen dominieren Wuchermieten und Verwahrlosung das Stadtbild. Wird zukünftig eine Sozialistin die Hauptstadt der Wiedervereinigung regieren?
19.09.2026 19:03
Lesezeit: 4 min
Berlin-Wahl 2026: Pleite und schäbig? Was Berlin im Wahlkampf bewegt
Weniger Touristen beehren die vermüllte Hauptstadt: Vorallem internationale Gäste bleiben fern. (Foto: dpa) Foto: Jens Kalaene

Berlin-Wahl 2026: Pleite und schäbig? Was Berlin im Wahlkampf bewegt

Vor der Wahl des Landesparlaments an diesem Sonntag bestimmt der oft raue Alltag in der größten Metropole zwischen Paris und Moskau das Stadtgespräch. Gibt es noch bezahlbare Wohnungen? Wo kommt der wilde Müllhaufen vor meiner Haustür schon wieder her? Und: Sollte eine Sozialistin Berlin regieren, dessen einer Teil als Frontstadt des Westens galt?

Nicht mehr "arm, aber sexy", sondern "pleite und schäbig"?

"Die Stadt blickt an sich hinunter, und was sie sieht, ist hässlich." So umschrieb vergangene Woche ein Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das momentane Selbstverständnis. Tatsächlich war die Vermüllung und Verwahrlosung des öffentlichen Raums prominentes Wahlkampfthema. Der frisch gebackene CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers schlug etwa vor, Sozialhilfeempfänger sollten dazu angehalten werden, Berlin sauber zu halten. SPD und Linke wollen den Sperrmüll wieder kostenlos abholen lassen. Die Grünen setzen auf eine Verpackungssteuer, die Müll vermeiden soll und Verursacher bezahlen lässt.

Drogen, Obdachlose, hohe Kriminalität

Auffällig zudem, dass in diesem Sommer in der Stadt viele Obdachlose campieren – entlang der Kanäle und in Parks oder städtischen Grünanlagen, wo sonst Kindergeburtstage gefeiert wurden oder Menschen auf Wiesen in der Sonne lagen. Auch sind zahlreiche Plätze, Straßenzüge und auch U-Bahnhöfe weiter stark von Drogenkonsumenten besucht, was bei manchen Bürgern das Sicherheitsgefühl beeinträchtigt.

Günstig und zugleich lecker essen gehen – auch das ist nicht mehr Standard. Es gibt zwar weiter sehr viele sehr gute Restaurants, aber die Preise sind infolge der Inflationsschübe der vergangenen Jahre teils kräftiger gestiegen als im Rest der Republik.

Ob Berlin wegen dieser Entwicklungen etwas weniger beliebt ist als Reiseziel, lässt sich nicht eindeutig belegen. Jedenfalls ebbte der Boom zuletzt ab: Die Zahl der Übernachtungen lag 2025 bei 29,4 Millionen – ein Minus von 3,8 Prozent. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 2019 lag die Zahl noch bei rund 34 Millionen.

Es gibt auch Positives!

Meckern ist Volkssport in Berlin, aber auch positive Entwicklungen sind manchmal "Talk of the Town". So sind wochen- oder gar monatelange Wartezeiten in den Bürgerämtern, um Pässe und Ausweise zu verlängern, inzwischen passé. Im Mai verkündete der scheidende Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), dass die Bürgerämter erstmals die Vorgaben des Projekts "14-Tage-Ziel" erreicht haben. "Jeder, der binnen 14 Tagen einen Termin beim Bürgeramt möchte, bekommt nun auch einen." Tatsächlich gebe es ihn inzwischen sogar meist schon am gleichen Tag.

Zweites Beispiel: Hundekot. Für die vielen Hinterlassenschaften auf Gehwegen und in Parks war Berlin lange Zeit berüchtigt. Dies hat sich inzwischen stark gebessert, obwohl es deutlich mehr Hunde gibt. Viele Hundebesitzer sammeln den Kot ihrer Lieblinge inzwischen vorschriftsgemäß auf. Eine Motivation vielleicht: Wer es versäumt, muss mit einem Verwarngeld von 55 Euro oder einem Bußgeld bis 350 Euro rechnen.

Auch zum Besseren gewendet hat sich die Lage am legendären Pannenflughafen BER, über den man sich in ganz Deutschland gerne das Maul zerriss. Im globalen Ranking des "World Consumer Airport Index" der besten kleineren Flughäfen landete er jüngst unter den Top Ten.

Auch wenn Lehrer fehlen und Klassen noch teilweise voll sind: Auch beim Schulbau ist einiges passiert. In zehn Jahren wurden laut Senat für sieben Milliarden Euro 41 neue Schulgebäude, 119 Ergänzungsbauten und 76 neue Sporthallen errichtet – für rund 62.000 zusätzliche Schulplätze. Es bleibt aber viel zu tun: Erst zum Schuljahresbeginn war von einem Rekordstand von fast 405.000 Schülerinnen und Schülern die Rede. Die Gewerkschaft GEW sagt, von Entwarnung könne keine Rede sein. "Fehlendes Personal wird jeden Tag durch die Beschäftigten aufgefangen - mit zusätzlichen Vertretungen, größeren Lerngruppen und Mehrarbeit."

Wohnungssuche: Wer soll das bezahlen?

Anders als in London oder Paris wohnen in den Berliner Innenstadtbezirken noch viele Menschen mit normalen und geringen Einkommen. Wegen des Zuzugs von außen – es kamen sowohl viele Reiche als auch viele Arme – sind inzwischen aber kaum noch bezahlbare Wohnungen zu bekommen. Auch gibt es viele Ferienwohnungen, die dem normalen Mietmarkt entzogen sind. Die Folge: Weil ein Umzug quasi undenkbar ist, lebt so manche vierköpfige Familien wie vor 120 Jahren auf engem Raum: Auch große Kinder teilen sich ein Zimmer, Eltern schlafen im Wohnzimmer im Hochbett unter der Decke. Umgekehrt wohnen Ältere auf zu vielen Quadratmetern, ziehen aber mangels kleiner und bezahlbarer Wohnungen nicht um.

Wie dem Missstand beizukommen ist, wird in der Stadt heiß debattiert. Linke und Teile der SPD werben für eine Enteignung großer Immobilienkonzerne. Rund 270.000 Wohnungen sollen in öffentliche Hand überführt werden, um das "Investoren-Karussell" zu stoppen. Die CDU hält dagegen, dass so der Wohnungsbau abgewürgt werde.

Ebenfalls Thema an vielen Tresen und Küchentischen: Eine Bebauung des stillgelegten Flughafens südlich von Kreuzberg, des Tempelhofer Felds. Grüne und Linke sind dagegen, um den aus ihrer Sicht einzigartigen Ort für Erholung und Sport zu erhalten, der auch als Kaltluftschneise zur Kühlung der Metropole wichtig sei. Die CDU meint hingegen, mit einer "behutsamen Randbebauung" könnten 50.000 Menschen ein neues Zuhause bekommen, und dennoch in der Mitte 200 Hektar unangetastet bleiben.

Die großen Unbekannten im Wahlkampf

Im Juli ergab sich die kuriose Situation, dass mit Kai Wegner der einzige breit und auch überregional bekannte Spitzenpolitiker aus dem Rennen um den Posten des Regierenden Bürgermeisters aussteigen musste. Die Nachwirkungen der "Tennis-Gate"-Affäre während des großen Blackouts im Januar hatten sich als zu belastend erwiesen.

Sein Nachfolger als CDU-Spitzenkandidat – Kritiker sagen: Notnagel – wurde Finanzsenator Stefan Evers, bis dato ein Politiker der zweiten Reihe. Auch die Spitzenleute der übrigen Parteien sind keine A-Promis in der Stadt. Zeichen für die Provinzialisierung oder einfach Normalität? Wie sich der Wettstreit der eher Unbekannten auf die Stimmenverteilung auswirkt – am Sonntagabend wird es offenkundig.

Besonders spannend: Wie New York und Paris könnte nun auch Berlin von den Sozialisten regiert werden. Die Linke mit ihrer Kandidatin Elif Eralp hat laut Umfragen gute Chancen, bei der Wahl des Landesparlaments stärkste Kraft zu werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Der neue Anleger der DWN stellt sich vor

Wie können Sie ein Vermögen an der Börse aufbauen, wenn Sie weder Erfahrung bei der Aktienanalyse haben noch die Zeit für den...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Pest-Verdacht in Russland treibt meine Aktie plötzlich zweistellig nach oben
06.10.2026

Die Aktie, die ich vergangene Woche noch als obskur bezeichnet hatte, ist um fast 13 Prozent gestiegen.

DWN
Technologie
Technologie Deutsche Bahn: Per 5-Jahres-Plan endlich pünktlich ans Ziel?
06.10.2026

Marode Gleise und unpünktliche Züge belasten den Bahnverkehr in Deutschland. Ein neuer Infraplan soll verbindliche Ziele setzen und die...

DWN
Politik
Politik Staatshaushalt: Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2026 von fast 99 Milliarden Euro
06.10.2026

Der deutsche Staat gibt deutlich mehr aus, als er einnimmt: Die öffentlichen Haushalte verzeichnen im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Eine Anlage, der ich keinen Erfolg wünsche
06.10.2026

Alpha Pro Tech ist klein, langweilig und an der Börse meist nahezu unsichtbar. Doch sobald eine Gesundheitskrise ausbricht, können Umsatz...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreichs Schulden treiben den Euro in die Krise
06.10.2026

Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 17 Monaten, während Frankreichs Schuldenkrise die Finanzmärkte verunsichert. Warum Experten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
06.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Technologie
Technologie Warum Fernwärme nicht überall funktioniert
06.10.2026

Fernwärme soll ein wichtiger Baustein der Wärmewende werden – doch nicht jedes neue Netz ist wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend sind...

DWN
Politik
Politik Nicht nur das BSW verhilft AfD-Mann zum Posten des Landtagspräsidenten
06.10.2026

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent der Stimmen gewonnen und wird mit Tobias Rausch nun auch den...