Politik

Koalitionsverhandlungen: Letzter Akt zur schwarz-roten Koalition?

Wegen fallender Umfragewerte und wachsendem Unmut an der Basis gerät die Union bei den Koalitionsverhandlungen mit der SPD zunehmend unter Druck. Heute treffen sich die Verhandler erneut in Berlin – Spitzenvertreter der Union gaben sich zuletzt zuversichtlich, dass noch in dieser Woche die Schlussphase der Gespräche zur schwarz-roten Koalition beginnt.
07.04.2025 10:43
Lesezeit: 2 min
Koalitionsverhandlungen: Letzter Akt zur schwarz-roten Koalition?
Markus Söder (CSU, links), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Vorsitzender, Friedrich Merz, Unions-Kanzlerkandidat und CDU-Bundesvorsitzender, Lars Klingbeil, SPD-Fraktions- und Bundesvorsitzender, und Saskia Esken, SPD-Bundesvorsitzende, (ganz rechts). Foto: Christoph Soeder

Koalitionsverhandlungen stocken - woran liegt das?

In dieser entscheidenden Phase verlangen CDU und CSU, dass der Vertrag für die schwarz-rote Koalition eindeutig die Handschrift der Union zeigt. Hessens Regierungschef Boris Rhein (CDU) erklärte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in Bezug auf die Wahlergebnisse: "Grundsätzlich gilt: Zwischen Union und SPD besteht auf Bundesebene ein enormer prozentualer Abstand. Das muss sich im Koalitionsvertrag klar abbilden."

Im Hintergrund schwelt der Ärger in der Unionsbasis darüber, dass Parteichef Friedrich Merz die im Wahlkampf angekündigte Kehrtwende in der Migrations-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik nicht gegen die SPD durchsetzen könne.

Brandenburgerin warnt vor Abkehr vom Wahlprogramm

Zu den Mahnerinnen gehört unter anderem die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg, Saskia Ludwig. "Seit der Gründung der AfD 2013 ist klar, warum diese Partei wächst. Die CDU hat die Anhänger einer Mitte-Rechts-Politik all die Jahre nicht bedient", sagte sie dem "Tagesspiegel". "Im Wahlkampf 2025 haben wir dann deutlich gemacht, dass wir wieder eine liberal-bürgerliche Politik machen wollen." Sie sieht dieses Versprechen im aktuellen Kurs der schwarz-roten Koalition nicht verwirklicht.

Auch innerhalb der Jungen Union wird Unzufriedenheit über den Verlauf der Koalitionsverhandlungen geäußert. JU-Vorsitzender Johannes Winkel (CDU) sagte der "Süddeutschen Zeitung" auf die Frage, ob er einer Koalition mit der SPD zustimmen würde, sollte es keinen Politikwechsel in Migration, Wirtschaft und Bürokratieabbau geben: "Alles andere entspräche ja dem Motto "Macht als Selbstzweck"."

"Die CDU darf keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, ohne dass ein Politikwechsel kommt", sagte der Vorsitzende der Nachwuchsorganisation. "Die Zeiten, in denen das Motto galt, wir bekommen das Kanzleramt und die Sozialdemokraten die Inhalte, die sind tatsächlich vorbei."

SPD bleibt beim Thema Asyl auf Konfrontation

SPD-Parteichefin Saskia Esken schlug beim Reizthema Migration einen entschlossenen Ton an. Die SPD halte eindeutig am Grundrecht auf Asyl fest, sagte sie am Abend in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". Dieses Recht sei berechtigterweise im Grundgesetz verankert. Angesprochen auf mögliche Asylverfahren in Drittstaaten sagte Esken, andere Länder hätten dies bereits versucht. "Es hat überall nicht funktioniert", erklärte sie unter anderem mit Blick auf Italien. "Wir sollten unsere Energie nicht auf solche Versuche verschwenden."

Im Bundestagswahlkampf hatte die Union eine deutlich härtere Linie in der Migrationspolitik vertreten. Merz erklärte, er wolle zu Beginn einer Kanzlerschaft das Innenministerium anweisen, "ausnahmslos alle Versuche der illegalen Einreise zurückzuweisen" – mittels Richtlinienkompetenz.

AfD holt auf – Union verliert 4,5 Prozentpunkte

Die schwarz-rote Koalition steht auch wegen der schlechten Umfragewerte der Union unter Druck. Sechs Wochen nach der Bundestagswahl zeigt eine Insa-Umfrage für die "Bild"-Zeitung Gleichstand: CDU/CSU und AfD liegen bei jeweils 24 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Wahl am 23. Februar erreichte die Union noch 28,5 Prozent, die AfD 20,8 Prozent. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Karin Prien äußerte Verständnis für wachsende Ungeduld in der Bevölkerung. "Ich verstehe, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich schnelle und deutliche Veränderungen wünschen", sagte sie der Funke Mediengruppe. Ziel sei eine Regierung für alle Menschen. "Das wird gelingen und das werden auch die sehen, die sich jetzt in den Umfragen weiter den Rändern zuwenden", so die Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein.

CSU-Generalsekretär Martin Huber erklärte in der "Augsburger Allgemeinen", viele Menschen seien durch die globale Lage verunsichert. "Die Bürgerinnen und Bürger können sich darauf verlassen: Wir werden in den Koalitionsverhandlungen ein gutes Ergebnis für das Land erreichen."

Finale Phase zur schwarz-roten Koalition rückt näher

Wann der Vertrag zur schwarz-roten Koalition stehen wird, bleibt ungewiss. CDU/CSU-Parlamentsgeschäftsführer Torsten Frei äußerte sich am Wochenende "sehr zuversichtlich, dass wir nächste Woche zu einem Ergebnis kommen". Auch CSU-Chef Markus Söder schrieb auf X vom Beginn der "Schlussrunde".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardengrab wird zur unendlichen Geschichte: Stuttgart 21 wird Stuttgart 31
25.06.2026

Der Berliner Flughafen BER, die Elbphilharmonie und Stuttgart 21 stehen symbolisch für das Versagen deutscher Großprojekte. Stuttgart 21...

DWN
Finanzen
Finanzen Micron-Aktie hebt ab: Traumzahlen und Hammer-Ausblick
25.06.2026

KI boomt: Mit einem kräftigen Kurssprung hat die Micron-Aktie auf die jüngste Quartalsbilanz reagiert. Nicht nur Anleger zeigten sich...

DWN
Panorama
Panorama Hitzewelle befeuert Nachfrage – nicht nur nach Ventilatoren
25.06.2026

Die Temperaturen steigen immer weiter. Die Menschen suchen nach Wegen, um die Hitze erträglicher zu machen. Einige Produkte sind besonders...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VW verkauft Mehrheit an Motorenbauer Everllence an Investor
25.06.2026

Mit dem Verkauf setzt Volkswagen die Fokussierung auf das Kerngeschäft fort. Die fünf deutschen Standorte von Everllence, früher MAN...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreis aktuell: Märkte preisen Frieden ein, Risiken bleiben hoch
25.06.2026

Der Krieg scheint vorbei, die Märkte atmen auf und der Ölpreis fällt trotzdem kaum. Genau darin liegt die eigentliche Warnung für...

DWN
Politik
Politik Gipfeltreffen E5: Europäer sichern Ukraine anhaltende Unterstützung zu
25.06.2026

Die Europäer wollten in Ankara ein starkes Zeichen der Unterstützung für die Ukraine setzen, sagte Kanzler Merz. Die Bundesregierung...

DWN
Politik
Politik Kniefall vor der Industrie? Regierung lockert Effizienzregeln für Rechenzentren
25.06.2026

Rechenzentren sollen mehr Zeit für Effizienzvorgaben und Umstieg auf erneuerbare Energien bekommen. Die Regierung verspricht Entlastung,...

DWN
Immobilien
Immobilien Stagnation Wohnungsmarkt: Hohe Mieten extreme Belastung
25.06.2026

Lage, Zuschnitt und mehr: Mit ihren Wohnungen an sich sind die meisten Mieter in Deutschland zufrieden, wenn nicht die hohen Wohnkosten...