Politik

Kann Deutschland Europa retten? Der neue Koalitionsvertrag offenbart alte Schwächen

Zum Europatag 2025 richtet sich der Blick erneut nach Berlin. Die Erwartungen an Deutschland sind hoch – nicht nur innerhalb der Union, sondern auch darüber hinaus. Doch wer einen genaueren Blick in den neuen Koalitionsvertrag wirft, der muss sich fragen: Wird Berlin dieser Verantwortung gerecht? Oder erleben wir bloß eine Wiederholung altbekannter Floskeln, die an der Realität der multiplen EU-Krisen vorbeigehen?
11.05.2025 14:37
Lesezeit: 2 min

Europa als Bühne, nicht als Ziel

Der Ton im Vertrag ist versöhnlich, die Worte europafreundlich. Es ist von strategischer Souveränität, digitaler Transformation und einer gemeinsamen Steuerpolitik die Rede. Doch hinter der Rhetorik verbirgt sich ein Europa-Programm, das mehr an symbolische Pflichtübungen als an echten Gestaltungswillen erinnert.

Zwar soll Europa ein Ort gemeinsamer Werte und wirtschaftlicher Stärke bleiben – doch ausgerechnet in der entscheidenden Frage der Finanzierung bleibt die neue deutsche Regierung auf vertrautem Kurs: Keine Vergemeinschaftung von Schulden, keine dauerhaften eigenen Einnahmen der EU, keine revolutionäre Fiskalpolitik. Stattdessen: Sparsamkeit, Mahnungen an die EZB zur politischen Zurückhaltung – und ein nahezu peinlich präziser Rückzahlungsplan für die Schulden des „Next Generation EU“-Pakets.

Ein Europa der Bremser

Das ist kein Aufbruch, das ist Verwaltung des Status Quo. Dabei drängt die geopolitische Lage Europas mehr denn je nach einem politischen Kraftakt: Russland steht weiter vor den Toren der Ukraine, die USA setzen auf bilaterale Deals und protektionistische Wirtschaftsstrategien, China dehnt seinen Einfluss unaufhaltsam aus. Doch aus Berlin kommt kein Signal der Entschlossenheit – nur technokratische Lösungsansätze und institutionelle Vorsicht.

Der oft beschworene „Paradigmenwechsel“ in der Verteidigungspolitik? Auf dem Papier existent, aber finanziell kaum unterfüttert. Der Ausbau einer europäischen Sicherheitsarchitektur ohne echte Eigenmittel bleibt Wunschdenken. Auch der Vorschlag eines „Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten“ zeigt: Man glaubt in Berlin selbst nicht mehr an den Konsens in Brüssel – und zieht sich in nationale Interessenssphären zurück.

Deutschlands Verantwortung – ein Missverständnis?

Der slowenische Oppositionsführer Tonin sprach kürzlich begeistert von Deutschlands Rückkehr als Führungsmacht Europas. Doch diese Vorstellung offenbart weniger Vertrauen in die EU als vielmehr eine Rückkehr zu einem Denken, das man überwunden glaubte: Europa als deutsches Projekt. Die Geschichte hat gezeigt, wohin solche Denkmuster führen können.

Der neue Koalitionsvertrag trägt diesem Anspruch nicht Rechnung. Im Gegenteil: Er offenbart, dass Deutschland nicht Europa retten will – sondern bestenfalls seine Rolle darin bewahren. Die Botschaft ist klar: Stabilität ja, aber keine Vision. Verantwortung – aber vor allem für sich selbst.

Fazit: Stillstand mit Ankündigung

Europa steht an einem Scheideweg – und Deutschland hat erneut die Chance, Richtung zu geben. Doch der neue Koalitionsvertrag zeigt: Diese Chance wird vertan. Ohne fiskalischen Mut, ohne institutionellen Reformwillen und ohne geopolitisches Führungsbewusstsein wird Deutschland nicht zum Motor der EU – sondern zur Bremse.

Am Europatag 2025 bleibt deshalb nur die Hoffnung: Dass aus Berlin irgendwann mehr kommt als Absichtserklärungen. Denn wenn jedes Land in erster Linie nur für sich selbst verantwortlich ist, dann bleibt für Europa kein Raum. Und ohne Europa – wird es auch kein deutsches Jahrhundert geben.

Wird Europa den nächsten Sturm überstehen – oder erleben wir nur das geordnete Verwalten des Zerfalls?

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Aktien legen zu, während der Ölpreis wegen US-Iran-Gesprächen sinkt
03.08.2026

Spannung an den Märkten: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die Wall Street heute beflügelt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VDI-Ingenieurmonitor: Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren erreicht Rekordniveau
03.08.2026

Ingenieure und Informatiker galten lange als besonders gefragt. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass selbst technische Berufe die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Getreideernte droht ein Einbruch, wie er seit Jahrzehnten nicht zu sehen war
03.08.2026

Hitzewellen in Europa, die niedrigsten Prognosen für die Getreideernte in den USA seit 1970 und durch Kriege gestörter Handel treiben die...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie auf Rekordhoch: KI-Nachfrage treibt Amazon über Börsenwert von 3 Billionen US-Dollar
03.08.2026

Die Rekordjagd der Tech-Konzerne geht weiter: Die Amazon-Aktie klettert kräftig, der US-Tech-Gigant knackt erstmals die Marke von drei...

DWN
Panorama
Panorama AfD-Verbotsverfahren: Über 1.000 Juristen fordern in offenem Brief AfD-Verbot
03.08.2026

Mehr als 1.000 Juristinnen und Juristen erhöhen den Druck auf die Politik und verlangen ein AfD-Verbotsverfahren. Ein offener Brief sorgt...

DWN
Politik
Politik Rente mit 63 vor dem Aus? Das wären die Folgen
03.08.2026

Kaum ein Thema bewegt Millionen Beschäftigte so sehr wie der frühere Renteneintritt. Die geplanten Reformen könnten das Rentensystem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schwedens kleinste Mine profitiert vom Goldpreis
03.08.2026

Botnia Gold betreibt eine der kleinsten Gold-Minen Europas. Doch hohe Preise für Gold und Silber haben dem Unternehmen einen starken Start...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Bitcoin kann laut Kryptoprofis den Dollar nicht ersetzen
03.08.2026

Die Tech-Rally läuft weiter, doch unter der Oberfläche wächst die Nervosität. Microsoft und Amazon retten den KI-Glauben, Steve Eisman...