Politik

Ärztepräsident warnt vor „Versorgungsnotstand“

Ärztepräsident Klaus Reinhardt warnt vor Beeinträchtigungen im medizinischen Netz für Patienten, wenn nicht bald Reformen zu mehr Effizienz führen.
31.05.2025 14:33
Lesezeit: 2 min

Ärztepräsident Klaus Reinhardt warnt vor Beeinträchtigungen im medizinischen Netz für Patienten, wenn nicht bald Reformen zu mehr Effizienz führen. „Unser Gesundheitswesen steuert ungebremst auf einen Versorgungsnotstand zu, wenn wir nicht entschlossen gegensteuern“, sagte der Chef der Bundesärztekammer der DPA.

Ärztepräsident warnt vor „Versorgungsnotstand“

Ein wichtiger Ansatzpunkt sei besseres Steuern in der Versorgung. „Es sollte zum Normalfall werden, dass sich Patientinnen und Patienten bei einer Hausarztpraxis einschreiben, die dann die Koordinierung der Weiterbehandlung übernimmt.“ Eine effizientere Versorgung ist auch ein wichtiges Thema beim Deutschen Ärztetag.

Fast zehn Kontakte zu Ärzten pro Kopf im Jahr

Reinhardt erläuterte, in Deutschland würden Patientinnen und Patienten systembedingt mit der Organisation und Koordination ihrer Versorgung weitgehend allein gelassen. „Besonders betroffen sind die Schwächsten: ältere Menschen, chronisch Kranke, Menschen mit geringerer Gesundheitskompetenz.“ Deutschland habe mit 9,6 Arztkontakten pro Kopf im Jahr eine der höchsten Raten weltweit. In bestimmten Regionen habe jeder Zweite im Schnitt zwei Hausärzte.

„Diese Entwicklung ist nicht nur ineffizient, sie ist angesichts von Personalengpässen und begrenzten finanziellen Mitteln schlicht nicht mehr tragbar“, sagte der Ärztepräsident. In diesem Zusammenhang wiesen im Koalitionsvertrag skizzierte Maßnahmen in die richtige Richtung. Union und SPD wollen einführen, dass Patienten primär in eine Hausarztpraxis gehen, die sie – mit Termin in einem bestimmten Zeitraum – bei Bedarf zu Fachärzten überweist.

Patientenschützer: Versorgungsnotstand ist hausgemacht

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz findet diese Vorstellung voreilig. „Während Bundesärztekammer und Bundesregierung schnell bei der Hand sind, eine Patientensteuerung zu fordern, verlieren sie kein Wort über vertraglich zugesicherte wöchentlich 25 Stunden Präsenzzeiten für Kassenpatienten. Auch die telefonische Erreichbarkeit wird nicht überprüft“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der DPA.

Es fehle zuallererst eine effiziente Steuerung der ambulanten Praxen. „Es gibt Ärzte, die über 2.000 Patienten versorgen. Andere wiederum erreichen nicht mal die Hälfte. Zudem sind Ballungsräume überversorgt, jedoch mangelt es an medizinischen Angeboten im ländlichen Raum, wo 60 Prozent der Bevölkerung wohnen“, erklärte Brysch. „Der Versorgungsnotstand ist also hausgemacht.“

Ärztepräsident: Keine „Zugangskontrolle“ zur Versorgung

Reinhardt erläuterte zu seinem Modell: „Eine Überweisung durch Hausärztinnen und Hausärzte darf kein Gatekeeping, also keine Zugangskontrolle, in das System sein.“ Sie solle dann erfolgen, wenn eine fachärztliche Weiterbehandlung erforderlich oder absehbar ist. Perspektivisch solle das Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“ genutzt werden, um Patienten auf ihrem Weg in die Versorgung zu unterstützen und zu leiten. Dies meint zuerst eine Einschätzung und Beratung über digitale Wege, dann eine Versorgung in Praxen und bei Bedarf in Kliniken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmer Dräger fordert klare Kante statt Kurswechsel
24.06.2026

Ständige Richtungswechsel schaden nach Ansicht von Unternehmer Stefan Dräger dem Standort Deutschland und untergraben Vertrauen bei...

DWN
Finanzen
Finanzen EU Listing Act entfesselt Europas Kapitalmärkte
24.06.2026

Europa will seine Unternehmen zurück an die Börse locken. Der EU Listing Act verspricht kürzere Prospekte, niedrigere Kosten und mehr...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Chip-Ausverkauf zieht Nasdaq-Titel nach unten
23.06.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Technologiewerte unter Druck setzen und wo Anleger jetzt noch Chancen sehen.

DWN
Politik
Politik Putin: "Nato bereitet sich auf Krieg mit uns vor"
23.06.2026

Wladimir Putin wirft der Nato offen Kriegsvorbereitungen gegen Russland vor und kritisiert die steigenden Militärausgaben im Westen. Seine...

DWN
Finanzen
Finanzen Urlaubseuro 2026: In diesen Ländern bekommen Sie am meisten Urlaub für Ihr Geld
23.06.2026

100 Euro klingen nach 100 Euro, doch im Urlaub entscheidet das Reiseziel über ihren wahren Wert. Eine neue Analyse zeigt, wo Reisende 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Warum wird in deutschen Geschäften so brutal viel geklaut?
23.06.2026

Der Einzelhandel klagt über steigende Verluste durch Diebstahl. Welche Produkte besonders begehrt sind, wie sich Händler dagegen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kleinunternehmer kürzen Gehalt statt Kredit aufzunehmen
23.06.2026

Fast jeder zweite Selbstständige in Europa verzichtet auf Lohn, um unabhängig zu bleiben. Was steckt hinter dem Stolz, auf Kredite zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Minijob 2026: Rückkehr in die Rentenversicherung möglich – was zu beachten ist
23.06.2026

Wer sich als Minijobber von der Versicherungspflicht befreien ließ und bislang keinen Eigenanteil für die Rentenversicherung zahlt, kann...