Politik

KI ersetzt Jobs in der Politik: Albanien ernennt KI zur Ministerin - gewagtes Experiment oder Zukunftsmusik?

KI-Chatbot Diella soll Kabinettsposten in Albanien übernehmen, um die Vergabe öffentlicher Aufträge zu kontrollieren. Die ungewöhnliche Besetzung durch KI soll im Kampf gegen Korruption den EU-Beitritt des Landes sicherstellen. Ein Chatbot als Teil des Kabinetts: Geniestreich oder PR-Trick von Premier Rama?
19.09.2025 20:03
Lesezeit: 3 min
KI ersetzt Jobs in der Politik: Albanien ernennt KI zur Ministerin  - gewagtes Experiment oder Zukunftsmusik?
Albaniens Ministerpräsident Edi Rama setzt auch in der Regierung auf KI: KI-Ministerin Diella soll dafür sorgen, dass Korruption bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen abgeschafft wird. (Foto: dpa) Foto: Vlasov Sulaj

KI schreibt längst Reden, unterstützt Entscheidungsfindungen, übersetzt und fasst zusammen. KI übernimmt Jobs auch in der Politik – ein gewagtes Experiment oder Zukunftsmusik?

Albaniens Premier will KI-System zur „Ministerin“ ernennen

Der albanische Ministerpräsident Edi Rama ist für exzentrische Auftritte bekannt. Mit seiner neuesten Entscheidung will er sich gleichzeitig als fortschrittlich und als Vorkämpfer gegen Korruption präsentieren: Ein Chatbot namens Diella soll Teil seines neuen Kabinetts werden und für die Vergabe öffentlicher Aufträge zuständig sein.

„Diella“ ist bereits seit Anfang des Jahres im Einsatz und hilft Bürgern, Informationen zu finden und Dokumente einzureichen. Die albanischen Bürger kennen sie als virtuelle Assistentin auf dem digitalen Verwaltungsportal e-Albania. Verkörpert wird die künstliche Intelligenz von einer jungen Frau in traditioneller albanischer Kleidung, ihr Name bedeutet auf Albanisch „Sonne“. Sie wurde in Zusammenarbeit mit Microsoft programmiert.

KI auf Ministerposten: Revolution oder Risiko?

Mit dem Vorschlag zur Ernennung eines KI-Servers zur „Ministerin“ hat Albaniens Ministerpräsident Edi Rama für Empörung in den Reihen der Opposition gesorgt. Rama hatte bei der Vorstellung seines Kabinetts angekündigt, der Server „Diella“ solle dafür sorgen, dass Korruption bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen abgeschafft wird. Das Kabinett muss noch vom Parlament gebilligt werden.

Der Fraktionschef der oppositionellen konservativen Demokratischen Partei, Gazment Bardhi, schrieb laut DPA bei Facebook: „Die Streiche des Premierministers können nicht in Rechtsakte des albanischen Staates verwandelt werden.“ Ramas Kabinettsentscheidung sei verfassungswidrig. Albaniens Verfassung schreibe vor, dass Minister albanische Staatsbürger, volljährig und geistig fit sein müssten, schrieb Bardhi.

Verfassungsänderungen benötigen Zwei-Drittel-Mehrheit

Ramas Sozialistische Partei gewann im Mai zum vierten Mal in Folge die Parlamentswahl und erreichte die absolute Mehrheit. Das Ziel seiner Regierung ist es, in den kommenden fünf Jahren der Europäischen Union beizutreten.

Seine Partei hat mit 83 von 140 Sitzen im Parlament zwar eine komfortable Mehrheit, kann aber nicht im Alleingang die Verfassung ändern. Für Verfassungsänderungen ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. Ob Rama für „Diella“ eine Änderung der Verfassung anstrebt, bleibt zunächst unklar.

Premier Rama berichtete auf der Plattform X, er habe mit „Diella“ ein „Gespräch“ geführt. Die Künstliche Intelligenz habe ihm geraten: „Halte deinen Gegner niemals auf, wenn er einen Fehler macht“.

KI-Ministerin Diella: „100 Prozent frei von Korruption“

Indem er eine vermeintlich neutrale KI mit dem öffentlichen Beschaffungswesen betraut, will Rama das Image Albaniens reinwaschen. Korruption gilt auch in Albanien – wie in grossen Teilen des Balkans – als größtes Hindernis auf dem Weg in die EU. In einem Facebook-Posting verspricht er, dass öffentliche Ausschreibungen künftig „100 Prozent frei von Korruption“ ablaufen sollen. Jeder Schritt der Auftragsvergabe soll so „perfekt transparent“ sein, erklärt Rama. Schließlich gehe es um das Geld der steuerzahlenden Bürger.

Jedoch ist bisher unklar, wie das konkret funktionieren soll: Die albanische Regierung gibt weder Details dazu bekannt, wer die KI kontrollieren soll, noch welchen offiziellen Status eine Software im Regierungsrang einnehmen könnte.

Der Sozialist Rama ist auch bildender Künstler und für theatralisch wirkende Gesten bekannt. So etwa begrüßte er im Mai bei einem Gipfeltreffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) in Tirana Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit einem Kniefall auf dem roten Teppich.

PR-Gag oder nicht: Die Einführung der virtuellen Ministerin „Diella“ hat weltweit für Aufsehen gesorgt, da sie ein unkonventionelles Modell zur Bekämpfung von Korruption darstellen könnte. Anders als ein Minister aus Fleisch und Blut hat Diella keine Cousins, keine muskelbepackten Brüder, keine mafiösen Freunde im Baugewerbe. Auf jeden Fall hat der albanische Ministerpräsident Edi Rama mit „Diella“ für internationale Aufmerksamkeit und Furore gesorgt.

Fazit: KI im Ministerium – Revolution oder Risiko?

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass jeder Schritt der Auftragsvergabe von öffentlichen Geldern für den steuerzahlenden Bürger transparent erfolgt. Milliarden an Steuergeldern versanden auch in Deutschland irgendwo im „Nirvana“ ohne dass Konsequenzen erfolgen. Eine unbestechliche KI könnte helfen, Korruption und Missbrauch des Systems einzudämmen und gleichzeitig den Staat effizienter zu machen. Eine künstliche Intelligenz basiert auf fortschrittlichen Algorithmen, die in der Lage sind, komplexe Entscheidungsprozesse schneller zu analysieren und zu optimieren.

Dennoch bleibt die Gefahr, dass der Einsatz von KI in einer so wichtigen Funktion Fehler und Risiken mit sich bringen kann, hinsichtlich Kontrolle und der Verantwortlichkeit der getroffenen Entscheidungen. Denn jeder KI ist nur so gut wie die Vorgaben und Regeln: Sie ist auf den ersten Blick nicht korrupt, aber manipulier- und steuerbar.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Baumarktkette Hellweg meldet Insolvenz an: 2900 Mitarbeiter betroffen
17.06.2026

Alle Filialen und der Online-Shop des Dortmunder Unternehmens bleiben vorerst geöffnet. Die 68 Märkte in Deutschland liegen überwiegend...

DWN
Politik
Politik AfD baut Vorsprung aus: CDU/CSU und SPD historisch niedrig
17.06.2026

Die AfD liegt in Umfragen deutlich vor der Union und nähert sich inzwischen der 30-Prozent-Marke. Der Vorsprung zur CDU/CSU ist in einer...

DWN
Politik
Politik Weitere Sanktionen gegen Russland: G7-Staaten kündigen Verschärfungen an
17.06.2026

Mehr Waffen, schärfere Sanktionen: Die G7 setzen auf zusätzlichen Druck gegen Russland. Kanzler Merz sieht einen "Tag der...

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Zinsentscheid könnte dramatischen Wandel auslösen: Stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära?
17.06.2026

Mit Kevin Warsh steht ein neuer Chef an der Spitze der US-Notenbank, der mit jahrzehntealten Traditionen brechen könnte. Seine Pläne für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsbedingte Kündigung wegen Stellenabbau: Die wichtigsten Fakten
17.06.2026

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage erleben viele deutsche Arbeitnehmer derzeit eine Kündigungswelle. Häufig begründen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Aktie bricht ein: BMW enttäuscht mit gekappter Prognose
17.06.2026

BMW hat seine Jahresprognose für 2026 deutlich gesenkt und damit am eine Gewinnwarnung ausgesprochen. Der Münchner Autobauer erwartet...

DWN
Politik
Politik Billionär Musk mahnt ZDF ab: Elon Musk geht gegen Falschbehauptung vor
17.06.2026

Tech-Unternehmer Elon Musk mahnt das ZDF ab. Ein Bericht über die Ausschreitungen in Nordirland bringt das ZDF in die Defensive. Der...

DWN
Politik
Politik Abramowitsch kehrt zurück: Hinter den Kulissen beginnen neue Gespräche zwischen Moskau und Kiew
17.06.2026

Russlands Oligarchen suchen neue Wege, um den festgefahrenen Krieg zu beenden. Während Roman Abramowitsch erneut als Vermittler zwischen...