Wirtschaft

Schuldenpolitik und EU-Vorgaben: Der Untergang der deutschen Wirtschaft

Die Aufschwungshoffnungen durch angekündigte Wirtschaftsreformen der schwarz-roten Regierung sind verpufft: Unternehmer fordern in einem Brandbrief eine neue EU-Wettbewerbsagenda von Ursula von der Leyen. Warum die deutsche Schuldenpolitik und der EU Clean Industrial Deal Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft manipulieren.
30.09.2025 18:55
Aktualisiert: 01.10.2025 12:55
Lesezeit: 4 min
Schuldenpolitik und EU-Vorgaben: Der Untergang der deutschen Wirtschaft
Clean Industrial Deal: Wirtschaftsverbände beklagen eine Überregulierung in der EU und zu hohe Energiekosten. Was sie der EU-Kommissionspräsidentin mit auf den Weg geben. (Foto: dpa) Foto: Philipp von Ditfurth

Deutsche Wirtschaft: Institute sehen nur noch Mini-Wachstum

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer langen Rezession. 2024 und 2023 war die Wirtschaftsleistung spürbar geschrumpft. Auch dieses Jahr kommt die Konjunktur kaum vom Fleck. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent zum Vorquartal.

Die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute trauen der deutschen Wirtschaft kaum Wachstum zu. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt nur um 0,2 Prozent im laufenden Jahr. Das geht aus der „Gemeinschaftsdiagnose“ des IfW Kiel, des RWI Essen, des DIW Berlin, des Ifo München und des IWH Halle hervor. Die Institute erstellen die Konjunkturprognose halbjährlich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums.

Hohe Staatsschulden: Mini-Wachstum auf Pump

2026 soll die deutsche Wirtschaft demnach wieder stärker wachsen. Den Instituten zufolge legt das BIP dann um 1,3 Prozent zu. Dieser Aufschwung ist allerdings nicht zuletzt auf die stark steigenden Staatsausgaben zurückzuführen, die die Bundesregierung mithilfe des 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaschutz sowie der Schuldenbremse-Ausnahme für Verteidigung plant. Die hohen Staatsausgaben sind auch ein wichtiger Treiber für das Wachstum 2027, das laut der Institute bei 1,4 Prozent liegen dürfte. Sie warnen allerdings, dass das Wachstum in den kommenden beiden Jahren nicht nachhaltig sein könnte. Staatsausgaben allein erhöhen nicht das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft.

Ifo-Geschäftsklima sieht keine Konjunkturerholung – im Gegenteil

Wie auch am Mittwoch das Ifo-Geschäftsklima bestätigte, hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft erstmals seit einem halben Jahr verschlechtert und der Hoffnung auf eine Konjunkturerholung einen Dämpfer versetzt. Das Ifo-Geschäftsklima ist im September um 1,2 Punkte auf 87,7 Punkte gesunken, wie das Münchner Forschungsinstitut mitteilt. Die rund 9.000 befragten Unternehmen haben sowohl die aktuelle Lage als auch die Bewertung der künftigen Geschäfte schlechter eingeschätzt. Vor allem für Dienstleister hat sich das Geschäftsklima „merklich verschlechtert“. Der Kurs des Euro gab nach Bekanntgabe deutlich nach.

„Die Hoffnung auf wirtschaftliche Erholung erleidet einen Dämpfer“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest das Ergebnis der Umfrage. Mit dem Rückgang des Ifo-Geschäftsklimas haben die Hoffnungen auf einen Aufschwung „eine kalte Dusche“ bekommen, kommentierte auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Dass die Unternehmen weniger optimistisch in die Zukunft schauen, mag auch an der Enttäuschung darüber liegen, dass der erhoffte Neustart in der Wirtschaftspolitik wohl ausbleibt.“

Wirtschaft fordert EU-Wettbewerbsagenda

Die deutsche Wirtschaft sieht auch Europa im internationalen Wettbewerb massiv unter Druck. Die Spitzenverbände fordern EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu einem wirtschaftsfreundlicheren Kurs auf. Sie beklagen eine Überregulierung in der EU und zu hohe Energiekosten. Anlässlich eines Treffen stellen sie nun deutliche Forderungen, um die Wettbewerbsfähigkeit anzukurbeln.

In einer gemeinsamen Erklärung fordern die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), dass Europa eine Wettbewerbsagenda brauche. „Die Wettbewerbsfähigkeit vieler Standorte in der Europäischen Union ist gefährdet. Die Rolle Europas in der Welt wird hinterfragt“, so BDA, BDI, DIHK und ZDH in ihrem Positionspapier.

Mit Blick auf die vergangenen Wochen und Monate müsse jedem klar sein, dass ein wirtschaftlich geschwächtes Europa seine Interessen und Werte weniger gut durchsetzen könne. „Die Wiedergewinnung wirtschaftlicher Stärke muss daher oberste Priorität europäischer Politik sein“, schreiben die vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft.

Verbände: Erfolgreiche EU stärkt Wirtschaft

Die EU-Kommission werde von ihnen in allen Maßnahmen unterstützt, um eine entschlossene Wettbewerbsagenda zu erreichen. „Die Stärke der EU entsteht vor allem aus ihrer wirtschaftlichen Einheit sowie guten Standortbedingungen im Binnenmarkt – und Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle“, erklären die Verbände. Ein starkes Europa benötige einen starken Standort Deutschland. „Umgekehrt gilt: Nur wenn die EU als Ganzes erfolgreich ist, kann auch die deutsche Wirtschaft wieder erfolgreich sein“, steht in dem Positionspapier. Auch die deutsche Bundesregierung müsse diesen Kurs ambitioniert und geschlossen unterstützen.

Fünf Kernforderungen der deutschen Wirtschaft

Im Zentrum einer zukunftsgerichteten europäischen Wirtschaftspolitik sehen die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft folgende fünf Kernforderungen:

  • beschleunigter Bürokratieabbau
  • bezahlbare Energie
  • erleichterte Fachkräftemobilität
  • neue Handelsabkommen
  • und eine Entlastung des Mittelstands.

„Komplexe Regulierungen und exzessive Berichtspflichten dürfen die Innovations- und Investitionskraft unserer Unternehmen nicht lähmen.“ Der europäische „Clean Industrial Deal“ müsse garantieren, dass Energie auch bei steigendem Bedarf bezahlbar und verlässlich verfügbar bleibe.

EU Clean Industrial Deal hindert Wettbewerbungsfähigkeit

Der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sprach in Berlin die fünf geforderten Punkte der deutschen Spitzenverbände an und erwähnte in diesem Zusammenhang den von ihrer Behörde vorgestellten Clean Industrial Deal. Ursula von der Leyen hatte bereits im Europa-Wahlkampf davon gesprochen, das Thema Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus der Politik ihrer Behörde rücken zu wollen.

Den Unternehmen sagte von der Leyen Entlastungen zu. Zum Bürokratieabbau sagte sie: „Mir ist bewusst, wie sehr Ihnen der Wust an Regeln, Berichtspflichten, Anforderungen das Wirtschaften im wahrsten Sinne des Wortes schwer macht.“ Gerade den Mittelständlern und Handwerksbetrieben koste es viel Zeit, Nerven und Ressourcen, „die Sie eigentlich für etwas ganz anderes brauchen, nämlich für das, was Sie am besten machen. Produkte erfinden, herstellen und verkaufen“, so von der Leyen. Sie sagte, dass eine breite Schneise durch den Bürokratiedschungel geschlagen und die europäische Gesetzgebung durchforstet werden müsse, um dies zu beheben.

Kurz nach Beginn ihrer zweiten Amtszeit präsentierte EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen Anfang 2025 den Clean Industrial Deal. Dieser bildet seitdem den Rahmen ihrer Industriepolitik, der eine wettbewerbsfähige und klimaneutrale EU anvisiert. Ziel des Industrial Deals ist es, die EU unabhängiger von China und den USA zu machen.

Fazit: Expansive deutsche Finanzpolitik kaschiert Wachstumsschwäche

Insgesamt ist die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland erheblichen Risiken ausgesetzt: Auch der Handelsstreit zwischen den USA und der EU birgt großes Eskalationspotenzial, insbesondere wenn EU-Zusagen nicht eingehalten werden können. Deutschland steht wirtschaftspolitisch an einem Wendepunkt, denn die Wachstumsaussichten verschlechtern sich zusehends. Hinzu kommt, dass die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der expansiven Finanzpolitik schwer abschätzbar sind und stark von der konkreten Ausgestaltung abhängen. Das deutsche Wachstum jedenfalls wird in den kommenden beiden Jahren nicht nachhaltig, sondern auf Pump sein. Doch Staatsausgaben allein erhöhen nicht das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...