Politik

Handelspause zwischen USA und China: Europas Balanceakt im globalen Handel

Die Handelsgespräche zwischen den USA und China bringen vorübergehende Entspannung, werfen aber Fragen über Europas Einfluss auf wirtschaftliche und strategische Entscheidungen auf. Wie kann die EU ihre Autonomie sichern und handlungsfähig bleiben?
07.11.2025 06:03
Lesezeit: 4 min

Handelspause zwischen den USA und China gibt Europa Zeit zum Abwägen

Die Handelsruhe zwischen den USA und China verschafft den europäischen Führungskräften Zeit, ihre Strategie in den Bereichen Handel, Rohstoffe und den Krieg in der Ukraine zu überdenken. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Europa bei den Verhandlungen erneut nur am Rande beteiligt ist. Experten raten der Europäischen Union, Möglichkeiten zur Diversifizierung ihres Handels zu suchen und wirtschaftliche Autonomie anzustreben.

Letzte Woche vereinbarten US-Präsident Donald Trump und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping in Südkorea eine deutliche Entspannung des Handelsstreits und eine vorübergehende Aussetzung der Exportkontrollen für Seltene Erden und andere wichtige Rohstoffe für ein Jahr.

Bedeutung der Seltenen Erden für die Industrie

Seltene Erden sind entscheidend für die Herstellung von Chips, die in Smartphones, Elektrofahrzeugen, militärischer Ausrüstung und Technologien für erneuerbare Energien benötigt werden. China dominiert die Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe und erzeugt mehr als 90 Prozent der weltweit verarbeiteten Produkte. Washington, das selbst den Zollstreit mit Peking begonnen hatte, hatte ein besonderes Interesse daran, den Konflikt um diese Rohstoffe zumindest vorerst nicht weiter zu verschärfen.

Europäische Interessen bei der China-Politik

Für die Europäische Union bietet das Treffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump eine weitere Möglichkeit: Druck auf China auszuüben, um die Finanzierung Moskaus einzustellen. Gerade die Handelsbeziehungen mit Peking stützen die russische Wirtschaft.

Bislang versuchte Brüssel, unter Druck von Washington und im eigenen strategischen Interesse, China davon zu überzeugen, die Unterstützung des Kriegs in der Ukraine einzustellen, jedoch ohne größere Erfolge.

Gleichzeitig bemüht sich die EU, den langfristigen Handelskonflikt mit China zu entschärfen, dessen Intensität zuletzt durch Exportbeschränkungen für kritische Rohstoffe und Chips zugenommen hatte.

Beide Maßnahmen belasteten insbesondere die europäische Industrie, darunter auch die Automobilhersteller, die bereits vor den Einschränkungen vor Herausforderungen standen. Die Sorge vor langfristigen, irreversiblen Schäden für die Industrie stärkte die Verhandlungsposition der EU, die auf Zusammenarbeit und Dialog statt auf Strafmaßnahmen setzt.

Europäische Strategie unter Druck

Leonardo Pape, Experte für chinesische Politik, meint, dass während Washington und Peking die Handelsruhe als großen Erfolg darstellen, die Europäische Kommission lediglich versucht, die Lage zu beruhigen und Zeit zu gewinnen. Die Strategie Europas ist bislang jedoch nur begrenzt erfolgreich.

Chinesische Beamte wirken unzufrieden über das langsame Tempo der EU-Diskussionen und den fehlenden einheitlichen Standpunkt der Union gegenüber China. Peking habe daher beschlossen, Europa weniger Priorität einzuräumen, so Jeremy Chan, Senior Analyst der Denkfabrik „Eurasia Group“. Chan erklärte: „Die EU ist bestenfalls zweitrangig, vielleicht sogar drittrangig oder gar nicht relevant für Washington und Peking in diesen Verhandlungen.“

Der Krieg in der Ukraine als Nebenschauplatz

Das wichtigste politische Ziel der EU bleibt die Beendigung des Kriegs in der Ukraine. China unterstützt die russische Wirtschaft durch Investitionen und Ölkäufe. In Reaktion darauf wurden chinesische Banken und Ölraffinerien in die letzten beiden Sanktionspakete der USA und der EU gegen Russland aufgenommen.

Dies löste scharfe Reaktionen hochrangiger chinesischer Vertreter aus. Premierminister Li Qiang bezeichnete die EU-Sanktionen während eines Treffens mit dem Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, als inakzeptabel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kritisierten Pekings Unterstützung für Moskau deutlich.

Die Ukraine hatte gehofft, dass Donald Trump Druck auf China ausübt, um russische Ölkäufe zu stoppen. Der US-Präsident erklärte jedoch, dieses Thema sei beim Treffen mit Xi Jinping nicht direkt behandelt worden, obwohl der Krieg in der Ukraine besprochen worden sei.

Handelspause als Chance für Europa

Die Handelsruhe zwischen Trump und Xi verschafft der EU etwas Zeit, ihre Wirtschaft zu diversifizieren und die Abhängigkeit von China zu verringern. Für Unternehmen, die Planungssicherheit suchen, bleibt die Situation jedoch angespannt.

„Solange keine konkreten, schriftlich fixierten Details vorliegen, haben beide Seiten zahlreiche Möglichkeiten, sich zurückzuziehen oder andere Bedingungen einzuführen. Daher ist die Handelsspannung keineswegs verschwunden“, erklärte Aleksandr Gabujev, Direktor des „Carnegie Russia Eurasia Center“.

Experten betonen, dass Europa weiter Druck auf Peking ausüben muss, um Fortschritte bei eigenen Prioritäten zu erzielen. Ignacio Garcia Bercero, ehemaliger Direktor der Handelsabteilung der Europäischen Kommission, unterstreicht die Notwendigkeit, einen eigenen Dialogkanal mit China zu etablieren.

Analysten der US-Denkfabrik „Chatham House“ weisen ebenfalls darauf hin, dass Europa eine unabhängige Strategie entwickeln und langfristige Krisen eigenständig managen müsse, unabhängig davon, ob USA und China zu einem langfristigen Abkommen gelangen oder die Konfrontation weiter eskaliert. Politologe Linas Kojala prognostiziert, dass die strukturellen Probleme zwischen Washington und Peking sowie die Zerbrechlichkeit der Beziehungen bestehen bleiben werden.

Autonomie als Schlüssel für Europas Zukunft

Bereits erste Schritte wurden unternommen. Europa reagiert verspätet auf Trumps Politik, indem es in die Verteidigung investiert, Mechanismen für wirtschaftliche Sicherheit stärkt und den Handel diversifiziert, unter anderem durch Verhandlungen mit Ländern in Lateinamerika.

„Alle US-Partner könnten früher oder später unter Druck geraten, ihre China-Politik zu verschärfen, oft mit erheblichen wirtschaftlichen Verlusten. Autonomie ist daher entscheidend“, erklären die Chatham-House-Analysten. Manche Staaten verfügen über mehr Handlungsspielraum als andere.

Staaten, die stark von den USA abhängig sind, sei es im Handel, bei Investitionen oder Sicherheitsgarantien, fühlen sich stärker eingeschränkt. Druck im Bereich Spitzentechnologien und künstliche Intelligenz, in denen USA und China führend sind, könnte Länder wie das Vereinigte Königreich zu Anpassungen bewegen.

Der Ausbau von Handel und Diplomatie zur Erschließung neuer Märkte bleibt zentral. Die chinesische Wirtschaft zeigt, dass eine langfristige Strategie erfolgreich sein kann. Trumps Handelskrieg erschwerte zwar Xi Jinpings Wachstums- und Innovationsziele, bot ihm jedoch auch die Möglichkeit, Chinas wirtschaftliche Stärke zu demonstrieren.

Während der Rest der Welt versuchte, Trump entgegenzukommen und über Zollsenkungen zu verhandeln, reagierte China mit eigenen Maßnahmen, bis beide Seiten zu Verhandlungen und einer Handelsruhe gezwungen waren. Europa bleibt bislang nur zweitrangig in diesen Prozessen.

Chancen für Deutschland in einem neuen Handelsumfeld

Für Deutschland bedeutet dies, dass die Abhängigkeit von China kritisch überprüft werden sollte, insbesondere in Schlüsselindustrien wie Automobilbau, Maschinenbau und Hochtechnologie.

Die Diversifizierung von Handelspartnern und die Stärkung wirtschaftlicher Autonomie bieten deutschen Unternehmen die Möglichkeit, Risiken zu minimieren und langfristige Planungssicherheit zu erhöhen. Gleichzeitig eröffnet die Entwicklung eigener Strategien gegenüber China Chancen, die nationale Wirtschaft resilienter gegenüber globalen Spannungen zu machen.

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