Politik

Brüssels großer Verteilungskampf: Wer zahlt für die Migration?

Die EU-Kommission will Asylbewerber künftig verpflichtend auf andere Mitgliedstaaten verteilen. Doch Polen, Ungarn und die Slowakei stellen sich quer. Der Streit über die neue EU-Migrationspolitik droht zu eskalieren und die Folgen könnten das Machtgefüge in Europa verändern.
18.11.2025 06:03
Lesezeit: 2 min
Brüssels großer Verteilungskampf: Wer zahlt für die Migration?
Flüchtlingslager in Griechenland. (Foto: dpa) Foto: Socrates Baltagiannis

Neue Dynamik in der EU-Migrationspolitik

Die Europäische Kommission hat Spanien, Italien, Griechenland und Zypern als Länder eingestuft, die „unter Migrationsdruck“ stehen. Dies ebnet den Weg für eine Umverteilung von Asylbewerbern in andere Mitgliedstaaten, wie internationale Medien berichten. Gleichzeitig erklärten Polen, Ungarn und die Slowakei, dass sie nicht beabsichtigen, sich zu beteiligen.

Nach dem Plan der Kommission, der noch von den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten genehmigt werden muss, sollen diese betroffenen Länder ab dem kommenden Jahr solidarische Unterstützung anderer EU-Staaten erhalten. Diese Unterstützung soll entweder aus Umverteilungen oder aus finanziellen Beiträgen bestehen. Gleichzeitig legte die Europäische Kommission den Mitgliedstaaten den Vorschlag vor, einen jährlichen Solidaritätspool einzurichten. Dieser würde die Zahl der umzuverteilenden Asylbewerber und die Beiträge der Staaten festlegen. Der Vorschlag ist nicht öffentlich. Die EU-Staaten diskutieren derzeit über Umfang und Verteilung. Eine Entscheidung soll bis Jahresende fallen.

Alle Mitgliedstaaten, mit Ausnahme der Länder unter Migrationsdruck, müssen proportional zu Bevölkerungszahl und BIP beitragen. Zur Auswahl stehen drei Varianten:

  • die Aufnahme einer bestimmten Zahl von Antragstellern
  • eine Zahlung von 20.000 Euro für jede nicht umverteilte Person
  • die Finanzierung von Migrationsmaßnahmen in den belasteten Staaten

Die endgültige Entscheidung treffen die Staaten mit qualifizierter Mehrheit. Gesetzlich vorgeschrieben sind mindestens 30.000 Umverteilungen und ein finanzieller Beitrag von 600 Millionen Euro.

EU-Migrationspolitik zwischen Solidarität und Blockade

Die Kommission stufte Bulgarien, Tschechien, Estland, Kroatien, Österreich und Polen derzeit als Länder mit einer „signifikanten Migrationslage“ ein. Auch sie unterliegen der Solidaritätspflicht. Diese Verpflichtung kann jedoch ausgesetzt werden. Eine Ausnahme muss von der Europäischen Kommission bestätigt und von den übrigen Mitgliedstaaten genehmigt werden. Wird die Ausnahme bewilligt, muss das betreffende Land weder Menschen aufnehmen noch finanziell kompensieren. Sein Anteil wird auch nicht auf andere verteilt.

Außerdem nannte die Kommission zwölf Länder, die ein „Migrationsdruckrisiko“ haben. Dazu gehören Belgien, Bulgarien, Deutschland, Estland, Irland, Frankreich, Kroatien, Lettland, Litauen, die Niederlande, Polen und Finnland. Diese Mitgliedstaaten müssen zur Bewältigung der Migrationskrise beitragen. Gleichzeitig sollen ihre Verpflichtungen erneut geprüft werden, um unverhältnismäßige Belastungen im kommenden Jahr zu vermeiden.

Viktor Orbán (Ungarn), Donald Tusk (Polen) und Robert Fico (Slowakei) haben angekündigt, dass sie die geltenden Regeln nicht einhalten werden. Sie wollen weder finanziell beitragen noch Menschen aufnehmen. Die Kommission bekräftigte, dass eine Verweigerung der Solidarität einen Verstoß gegen EU-Recht darstellen würde. Ab Inkrafttreten der Verordnung im Juni 2026 könnte dies ein Vertragsverletzungsverfahren nach sich ziehen.

Als nächster Schritt gehen die Vorschläge der Europäischen Kommission nun an den EU-Rat. Dort entscheiden die Staaten mit qualifizierter Mehrheit über das konkrete Volumen und die Verteilung des Solidaritätspools. Ein zeitkritischer Orientierungspunkt ist die Mitte des Jahres 2026. Dann tritt der Migrationspakt praktisch in Kraft. Griechenland, Zypern, Spanien und Italien erhalten dann offiziell Solidaritätshilfe. Bis dahin müssen die übrigen Staaten wählen, ob sie durch Umverteilung, finanzielle Beiträge oder operative Hilfeleistung beitragen.

Widerstand aus Osteuropa und drohende Rechtskonflikte

Deutschland gehört zu den Staaten, die laut Kommission ein „Migrationsdruckrisiko“ tragen. Die Bundesrepublik müsste daher im Rahmen der EU-Migrationspolitik sowohl finanziell als auch durch operative Beiträge unterstützen. Die Umverteilung von Asylbewerbern könnte den innenpolitischen Druck erhöhen. Gleichzeitig würde Deutschland bei einer Eskalation des Konflikts zwischen Ost- und Westeuropa eine Schlüsselrolle in den Verhandlungen einnehmen. Zudem beeinflussen die Entscheidungen im Bereich der EU-Migrationspolitik unmittelbar die Debatte um Arbeitsmigration, Grenzsicherung und Integrationskapazitäten innerhalb Deutschlands.

Die EU-Migrationspolitik steht vor einem Wendepunkt. Die Einstufung mehrerer Staaten als „unter Migrationsdruck“ sowie der Widerstand Polens, Ungarns und der Slowakei verschärfen die politischen Bruchlinien. Der kommende Solidaritätspool, die verpflichtenden Beiträge und die drohenden Rechtskonflikte zeigen, dass der Migrationspakt weit mehr ist als ein technisches Regelwerk. Es geht um die Grundfrage europäischer Solidarität und die politische Zukunft der EU.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie PC-Gaming in Europa erlebt eine Phase der Zurückhaltung

Einst galt PC-Gaming in Europa als lohnende Langzeitinvestition. Man baute sich einen Rechner zusammen oder rüstete ihn auf, zahlte im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreise: Deutlicher Rückgang an den Zapfsäulen – Kommt jetzt die Trendwende?
10.04.2026

Nach einer langen Phase extremer Kosten geben die Kraftstoffpreise den zweiten Tag in Folge spürbar nach. Laut ADAC verbilligte sich...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Reisebranche im Sinkflug: Ifo-Geschäftsklima bricht wegen Iran-Krise ein
10.04.2026

Die Eskalation in Westasien belastet die Reisebranche massiv. Laut aktuellem Ifo-Index führen Umbuchungen, Stornierungen und steigende...

DWN
Politik
Politik Trump erhöht den Druck auf die NATO: Interne Konflikte verschärfen sich
10.04.2026

Donald Trump stellt die Verlässlichkeit der NATO zunehmend infrage und verschärft damit die Spannungen innerhalb des Bündnisses. Welche...

DWN
Politik
Politik Sicherheit in Europa: Warum die Stabilität auf dem Balkan jetzt entscheidend ist
10.04.2026

Heeresinspekteur Christian Freuding warnt bei seinem Besuch in Bosnien vor wachsenden Spannungen auf dem Balkan. Angesichts externer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflations-Schock: Iran-Krieg treibt Teuerung auf höchsten Stand seit 2024
10.04.2026

Der Konflikt im Iran belastet die deutschen Verbraucher massiv. Im März 2026 sprang die Inflationsrate sprunghaft auf 2,7 % – der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Porsche-Akte: Absatzkrise in China und USA – Ruht die Hoffnung auf dem E-Cayenne?
10.04.2026

Porsche kämpft mit Gegenwind: Im ersten Quartal 2026 sank der Absatz der VW-Tochter weltweit um 15 % auf 60.991 Fahrzeuge. Vor allem die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschlands Industrie schwächelt: Geopolitische Spannungen bremsen Erholung
10.04.2026

Deutschlands Industrie steht unter wachsendem Druck durch geopolitische Spannungen und schwache Auftragszahlen. Wie stark bremsen...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe zwischen USA und Iran: Wer gibt künftig den Takt vor?
10.04.2026

Die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran markiert einen Wendepunkt im Konflikt und verschiebt die Ausgangslage für die anstehenden...