Politik

Zu wenige Fachkräfte, zu viele Arbeitslose: Deutschlands paradoxer Arbeitsmarkt

Deutschland steuert auf fast drei Millionen Arbeitslose zu, doch das eigentliche Problem liegt laut Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles woanders: Dem Land fehlen Fachkräfte. Angesichts der alternden Bevölkerung stellt der Fachkräftemangel die größte Herausforderung für den Arbeitsmarkt mittelfristig dar, während gleichzeitig viele Menschen ohne Job bleiben.
28.11.2025 15:11
Lesezeit: 2 min
Zu wenige Fachkräfte, zu viele Arbeitslose: Deutschlands paradoxer Arbeitsmarkt
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland sank im November um 26.000 auf 2,885 Millionen (Foto: dpa). Foto: Jens Kalaene

Im November sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Vergleich zum Vormonat um 26.000 auf 2,885 Millionen. Das sind allerdings 111.000 mehr als im November 2024, wie die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg mitteilte. Die Arbeitslosenquote sank im Vergleich zum Oktober um 0,1 Punkte auf 6,1 Prozent, liegt aber im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,2 Punkte höher. Die Bundesagentur griff für die November-Statistik auf Daten zurück, die bis zum 12. November zur Verfügung standen.

Über drei Millionen Arbeitslose im Winter

Anfang des Jahres 2026 hält Nahles eine Arbeitslosenzahl von mehr als drei Millionen für wahrscheinlich. "Die Schwäche der Konjunktur hält an und der Arbeitsmarkt bleibt ohne Schwung." Dies dürfe aber den Blick auf ein anderes Problem nicht verstellen: Einer von mehreren Faktoren für die schwache Konjunktur ist der Mangel an Fachkräften. 49 Milliarden Euro entgehen der deutschen Wirtschaft pro Jahr, weil Stellen nicht besetzt werden können, rechnete das Institut der Deutschen Wirtschaft vor.

"Lange Jahre entwickelte sich die Beschäftigung deutlich besser als die Arbeitslosigkeit. Heute sind beide gleichauf – für starke Jobzuwächse reicht es wegen der demografischen Schrumpfung nicht mehr", sagte der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jüngst.

Unternehmen suchen Leute

Und auch Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger beklagt: "Trotz schwachem Arbeitsmarkt finden zwei von drei Unternehmen keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber, um offene Stellen zu besetzen." Jedes zweite Unternehmen mit solchen Problemen mache dafür verantwortlich, dass Sozialleistungen als zu attraktiv empfunden werden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hält dagegen. Den Sozialstaat zu schleifen schaffe keinen neuen Jobs, heißt es von dort. "Die Wirtschaftsverbände müssen in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen, anstatt jeden Tag mit neuen absurden Ideen zum Sozialabbau ganze Belegschaften zu verunsichern", sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigt auch politische Schritte an. "Auch in Zukunft muss es unser Ziel sein, mehr Menschen in Arbeit zu bringen. Deswegen werden wir die Anreize für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit weiter stärken und die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften erleichtern", betonte sie.

Weniger offene Stellen

Das Angebot an offenen Stellen, der die der Bundesagentur gemeldet werden, geht indes weiter zurück - wenngleich auf niedrigem Niveau eine Stabilisierung beobachtet wird. Im November wurden der Bundesagentur für Arbeit 624.000 freie Arbeitsplätze gemeldet. Das sind 44.000 weniger als vor einem Jahr.

Zurückgegangen ist auch die Kurzarbeit. Nach aktuellen Daten der Nürnberger Statistiker wurde vom 1. bis einschließlich 24. November für 34.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt - ob dies dann in Anspruch genommen wird, klärt sich erst später.

Aktuelle Daten zur tatsächlichen Inanspruchnahme stehen bis September 2025 zur Verfügung. In diesem Monat wurde nach vorläufigen hochgerechneten Daten für 209.000 Beschäftigte konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt. Das waren - vor allem wegen saisonaler Effekte - 37.000 mehr als im Vormonat, aber 8.000 weniger als im September des Vorjahres.

Die von der Berliner Regierungskoalition gerade in Aussicht gestellte Verlängerung der Bezugsdauer auf maximal 24 Monate sieht Nahles kritisch. Dies werde - je nach Konjunkturszenario - Mehrkosten in Höhe von 100 bis 180 Millionen Euro für die Bundesagentur bedeuten. Ein positiver Beschäftigungseffekt sei Studien zufolge nicht garantiert. "Wir weisen darauf hin, dass wir uns derzeit im Defizit befinden", sagte Nahles mit Blick auf die angespannten Finanzen ihrer Behörde.

Weniger Bürgergeldberechtigte

986.000 Menschen erhielten nach einer Hochrechnung der Bundesagentur im November 2025 Arbeitslosengeld - das sind 96.000 mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der erwerbsfähigen Bürgergeldberechtigten belief sich hochgerechnet im November auf 3.819.000 - nicht alle Bürgergeldempfänger sind aber automatisch ohne Job, viele müssen ihre Bezüge über das Bürgergeld aufstocken. Gegenüber November 2024 war dies der Bundesagentur zufolge ein Rückgang um 122.000 Personen. 7,0 Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter waren damit hilfebedürftig.

Zugenommen hat zuletzt wieder die Arbeitslosigkeit von Schwerbehinderten. Sie liege mit 184.000 um vier Prozent über dem Vorjahr, sagte Nahles. Sie rief die Betriebe auf, mehr Schwerbehinderte einzustellen und nicht auf Mythen zu hören, die sich teilweise seit den 1990er Jahren hartnäckig hielten, etwa zum Kündigungsschutz bei Behinderten. Schwerbehinderte stellten ein wichtiges Potenzial im Kampf gegen Fachkräftemangel dar.

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